Nein, die Queen gibt keine Interviews – ausser ...
Wer mit Elizabeth II. sprechen will, muss es schlau anstellen. Alistair Bruce von der BBC tat das.
Die Queen gibt keine Interviews, das sieht das Protokoll nicht vor. Wer also mit ihr sprechen will, muss quasi ein Selbstgespräch mit Aufforderungscharakter führen, in das sie eingreift, wenn sie mag. Als es um ihre Krönung ging, die in diesem Jahr 65 Jahre zurückliegt, mochte sie. Also setzte sich der britische Königshaus-Spezialist Alistair Bruce für die BBC mit ihr zusammen, um über gute alte Zeiten zu reden. Die BBC strahlte das Gespräch mit der 91-jährigen Monarchin am Sonntagabend aus.
Fans der Royals kamen dabei auf ihre Kosten, denn es gab rare Filmausschnitte aus den Vorbereitungen für die Krönung in der Westminster Abbey zu sehen, die damals für die Aufbauarbeiten ein halbes Jahr lang geschlossen war. Elizabeth II. selbst wurde nach dem Tod ihres Vaters satte 16 Monate auf den grossen Moment vorbereitet, der ihr im Rückblick wie ein ewig langes, minutiös ausgefeiltes «Ballett» vorkam. Ihr trockener Humor scheint durch, als sie murmelt, es sei doch ein «ziemlich langer Tag» gewesen, während sie die historischen Schwarzweissaufnahmen betrachtet, die sie selbst offenbar noch nie gesehen hatte.
Bildstrecke: Queen Elizabeth über ihre Krönung
Die Erinnerungen der Queen nach fast 70 Jahren Regentschaft kommen zum richtigen Zeitpunkt. Die Begeisterung der Briten für ihr Königshaus kennt – wiederkehrenden Vorhersagen über den nahenden Untergang der Monarchie zum Trotz – keine Grenzen und erlebt gerade wieder neue Höhenflüge, weil im Mai die Vermählung von Queen-Enkel Prinz Harry mit der amerikanischen Schauspielerin Meghan Markle ansteht. Am Wochenende aber hatten zunächst despektierliche Bemerkungen einer vor allem in Boulevardblättern sehr beliebten Blondine für Aufregung gesorgt.
Sie hatte sich via Twitter darüber mokiert, dass Markle – Tochter eines hellhäutigen Vaters und einer Afroamerikanerin, farbig sei und damit das Königshaus verderbe. Die Windsors liefen Gefahr, dass der nächste König ein Schwarzer sei, was die erwähnte Blondine, sinngemäss, für nun wirklich das Allerletzte hält. Zur Aufregung um die Äusserungen führte der Umstand, dass die Dame die Geliebte des glücklosen Ukip-Parteichefs Henry-Bolton ist oder besser war. Dessen Partei hatte sich vehement für den Brexit eingesetzt. Nach dem Sturm der Entrüstung, der den Äusserungen folgte, verliess der Politiker seine Gefährtin, nachdem er sich öffentlich von ihr distanziert hatte.

Schon vor der Ausstrahlung des Queen-Interviews waren Ausschnitte daraus gesendet worden, die vielversprechend waren: Die Krone sei so schwer, hatte Elisabeth II. ihrem Gesprächspartner gestanden, dass man den Kopf nicht senken könne, sonst breche der Hals. «Diese Kronen haben also schon einige Nachteile, aber andererseits sind sie ziemlich wichtige Dinge.» Und die goldene Kutsche sei so schlecht gefedert, dass es eine Qual sei, stundenlang damit durch die Stadt zu fahren. Man erfuhr, dass die Insignien königlicher Macht während des Zweites Weltkriegs in Windsor versteckt und Teile davon in einer Keksdose auf dem Gelände vergraben worden waren. Die Königin erzählte auch, sei sie sehr gut auf den Tag ihrer Krönung vorbereitet gewesen: Sie hatte auf Bitten ihres Vaters, König Georg VI., eine Art Tagebuch über seine Krönung angefertigt und betrachtet es im Nachgang als Privileg, Zeugin gleich zweier derartiger Zeremonien gewesen zu sein: der des Vaters und der eigenen.
Man kann sich als Nicht-Brite über die Ernsthaftigkeit wundern, mit der dieses Land sich an die überkommenen Regeln und Rituale, an die Mysterien und den Mummenschanz klammert, die das britische Königshaus umgeben. Auch die Briten können darüber lachen, aber: Sie würden doch nie an der Institution rütteln, zumal in einer Zeit, in der mit dem Brexit so viele andere Gewissheiten bröckeln. Was galt, soll also weiter gelten: Der Ablauf der Krönungszeremonie ist aus dem Jahr 973 überliefert und wird, im Wesentlichen, nach historischen Vorgaben bis heute vollzogen. Westminister Abbey ist seit 1066 Schauplatz der Feierlichkeit.
Die Krönung vor 65 Jahren sahen sich Millionen Menschen im Fernsehen an.
Und was für eine Show das im Jahr 1953 war. Jeder im Königreich erinnert sich daran. Allein die schieren Zahlen rund um das Ereignis sind überwältigend: Millionen Zuschauer sassen vor den Fernsehschirmen – die Liveübertragung im TV galt damals als fast ungeheuerliche Innovation. 6500 Sonderzüge brachten Zehntausende begeisterte Briten nach London. Tagelang campierten die Schaulustigen im Regen an der Strecke, an der die goldene Kutsche der Queen entlangfahren würde. Vor der Westminster Abbey lag ein 57 Meter langer Teppich für die Monarchin bereit. Drinnen, auf bienenwabenartig gestapelten Galerien, nahmen 8000 Gäste Platz.
In der BBC-Dokumentation wird in einem Einspieler eine der Ehrendame der Queen vorgestellt: die in Schönheit gealterte Lady Anne Glenconner. Noch immer wickelt sie mit sichtlichem Stolz ihr üppig geschmücktes Kleid von damals aus dem Seidenpapier und erinnert sich, dass es so eng geschnitten gewesen sei, dass sie bei der Zeremonie mit Ohnmachtsanfällen kämpfte. Die Queen, erzählt sie, habe auch damals, in all der Anspannung, ihren trockenen Humor nicht verloren: «Ready, girls?», habe sie gefragt, als es losging. Und dann, bis zum Schluss, ohne Regung durchgehalten.
Der mutmasslich nächste König ist in der Dokumentation übrigens auch zu sehen: Als vierjähriges Kind versteckt sich Prinz Charles unter der Schleppe seiner Mutter. Das nächste Mal wird er wohl selbst die Krone mit ihren 2868 Diamanten, 17 Saphiren und Hunderten Perlen tragen, die 1,3 Kilo wiegt. Nicht alle Briten freuen sich darauf.
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Video: Zwei wie Pech und Schwefel
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