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Geldberater: Der Marktschrei(b)erNestlé gibts zum Vorzugspreis

Aryzta kriegt es endlich gebacken +++ Zur Rose erobert Markt um Markt +++ Dätwyler profitiert von der Impfhoffnung +++ Intel verliert den Anschluss.

Nestlé: Bei einem Preis um 100 Franken sind die Aktien attraktiv, nur schon wegen der jährlichen Dividendenrendite von mehr als 2,5 Prozent.
Nestlé: Bei einem Preis um 100 Franken sind die Aktien attraktiv, nur schon wegen der jährlichen Dividendenrendite von mehr als 2,5 Prozent.
Foto: Jean-Christophe Bott/Keystone

Nestlé: Kaufen

Die gute Stimmung an der Schweizer Börse in den vergangenen Monaten hat den Aktien von Nestlé etwas den Charme genommen. Die Erwartung, dass 2021 grossflächig geimpft wird und damit die Wirtschaft in absehbarer Zeit wieder zur normalen Aktivität zurückkehrt, liess die Investoren froh­locken. Sie langen nun eher bei konjunktursensitiven Aktien wie jenen von Industrieunternehmen und Luxusgüterherstellern zu, in der Hoffnung, dass sich diese stärker erholen als Nestlé-Titel. Doch aus meiner Sicht ist das im Fall des weltweit grössten Nahrungsmittelkonzerns zu kurzfristig gedacht. Die Westschweizer haben nicht nur als sogenannt sicherer Hafen eine Anziehung. Unter dem Konzernchef Mark Schneider ist das Unternehmen in den vergangenen vier Jahren auch agiler geworden, es wächst schneller und erzielt eine höhere Profitabilität. Zwar zeigt sich das auch im langfristigen Aktienkurs. Wieso die Titel aber heute weniger wert sein sollen als noch zu Beginn des Jahres, ist mir schleierhaft. Bei einem Preis um 100 Franken sind die Aktien attraktiv, nur schon wegen der jährlichen Dividendenrendite von mehr als 2,5 Prozent. Kaufen

Aryzta: Dosiert kaufen

Noch etwas mehr hat sich in den vergangenen Monaten bei Aryzta getan. Seit ich im Juli in dieser ­Kolumne zum letzten Mal über den Tiefkühlbäcker schrieb, wurde die komplette Führung ausgewechselt. Der frühere Hiestand-Manager Urs Jordi stieg in kurzer Zeit zum Chefbäcker auf und zeigt einen plausiblen Weg zu erfolgreicheren Zeiten. Erste strategische Pflöcke hat er mit Sparmassnahmen und Teilverkäufen bereits eingeschlagen. Nach Jahren der Skepsis gehöre deshalb auch ich zu den neuen Optimisten. Jordi und Co. sollten in den nächsten zwei Jahren eine schlankere, effizientere und profitablere Aryzta gebacken kriegen. Das wird allerdings kein Spaziergang. Corona bremst das Geschäft noch einige Monate, bevor Verbesserungen sichtbar werden. Die Aktien sind denn auch immer noch knapp 40 Prozent weniger wert als vor Ausbruch der Pandemie und widerspiegeln den Unternehmenswert bei weitem nicht. Ein neuer Übernahmeversuch durch den Hedgefonds Elliott könnte ebenfalls zu weiteren Kursschwankungen führen. Mein Trader-Herz schlägt höher. Dosiert kaufen

Zur Rose: Dosiert kaufen

Wer hätte das gedacht: Die Aktien von Zur Rose zählten 2020 mit einem Kursgewinn von 150 Prozent zu den Toptiteln an der Schweizer Börse. Vor einem Jahr waren die Anleger gegenüber der Onlineapotheke noch skeptisch eingestellt. Der Börsenkurs verharrte etwa ein Drittel unterhalb des Preises, zu dem die Valoren Mitte 2017 ausgegeben worden waren. Nun gehen die Investoren davon aus, dass Zur Rose in Corona-Zeiten vom Onlineboom profitiert. Zudem wird die Digitalisierung des Gesundheitssektors beschleunigt, was dem Unternehmen auch langfristig zugutekommt. Seit der Publikumsöffnung hat Zur Rose einen Konkurrenten nach dem andern gekauft, vor allem in Deutschland. Dort hat sie in kurzer Zeit einen Marktanteil von über 40 Prozent erobert. Allerdings blieb die Profitabilität auf der Strecke. Unter dem Strich wird Zur Rose frühestens 2022 schwarze Zahlen ausweisen. Auch wenn der Weg dahin mit hohen Risiken gepflastert ist: Mutige Anleger greifen zu. Entweder schafft es Zur Rose allein, Nummer eins in Europa zu werden – oder sie wird von einem Grossen geschluckt. Dosiert kaufen

Dätwyler: Abwarten

Das Urner Unternehmen Dät­wyler stellt Dichtungen und Gummikomponenten her, etwa für vorgefüllte Spritzen oder Nespresso-Kapseln. Mitte August hat sich Konzernchef Dirk Lambrecht letztmals zum Geschäftsgang geäussert. An einer Telefonkonferenz zum Halbjahresergebnis liess er sich die Aussage entlocken, das zweite Halbjahr werde mindestens so gut ausfallen wie das erste. Das ist eher vorsichtiger Optimismus, zumal der Umsatz im ersten Halbjahr wegen Corona 10 Prozent niedriger ausfiel. Dennoch haben die Aktien seither rund ein Drittel gewonnen. Ein Analyst nach dem anderen hat zuletzt sein Kursziel erhöht. Der Grund: der bevor­stehende Impfstart. Dätwyler hat bereits im August mitgeteilt, man rechne mit einer «klar steigenden Nachfrage», sobald ein Impfstoff entwickelt sei. Der Kurs nimmt diese höhere Nachfrage unterdessen bereits vorweg. Grundsätzlich halte ich die Aktien von Dätwyler für attraktiv. Für einen Einstieg gilt es aber, den nächsten Rückschlag zu berücksichtigen. Abwarten

Intel: Meiden

Die Marke Intel hat noch immer einen guten Klang, der jedoch darüber hinwegtäuscht, dass das Unternehmen dahinter den Anschluss verloren hat. Beim Blick auf Zukunftsmärkte wie künstliche Intelligenz oder autonomes Fahren führen andere, etwa Nvidia oder AMD. Selbst in Smartphones oder Tablets finden sich keine Intel-Prozessoren – hier dominiert der britische Chip-Entwickler ARM, den Nvidia kürzlich übernommen hat. Sogar im Stammgeschäft Personal Computer knirscht es. Erst Ende 2022 will der ehemalige Primus so weit sein, Chips im 7-Nanometer-Verfahren zu fertigen. Je geringer der Durchmesser der Halbleiter, desto grösser die Leistung. Nach 15 Jahren hat sich Apple daher im Herbst von Intel abgewandt und verbaut nun eigene Chips – mit 5 Nanometern. Auch Microsoft soll an eigenen Prozessoren arbeiten. Intel-Chef Bob Swan, einst Finanzvorstand des Konzerns, gibt meines Erachtens eine schwache Figur ab. In diesem Jahr haben die Aktien von Intel gegenüber dem Branchentrend ein Viertel an Wert verloren. Um auf einen Umschwung zu wetten, ist es zu früh. Meiden

Diese Kolumne wird von den Redaktorinnen und Redaktoren der «Finanz und Wirtschaft» verfasst. Sie haben sich verpflichtet, nicht in den entsprechenden Titeln aktiv zu sein. Wer die Tipps dieser Kolumne umsetzt, tut das auf eigenes Risiko. Die SonntagsZeitung übernimmt keine Verantwortung.