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Neuer Streamingdienst SpectyouNetflix fürs Theater

Lust auf «Die italienische Nacht»? Oder auf Ibsens «Gespenster»? Das erste deutschsprachige Angebot, um Schauspiel, Tanz und Performance zu Hause zu schauen, ist jetzt auf Sendung.

Eines der Gesichter hinter der Plattform: «Spectyou»-Geschäftsführerin Elisabeth Hermann.
Eines der Gesichter hinter der Plattform: «Spectyou»-Geschäftsführerin Elisabeth Hermann.
Bild: PD

Marie Jung ist auf einem Feld am Heuen, aber so richtig ist die Schauspielerin vom Hamburger Thalia-Theater nicht bei der Sache. Anstatt das Gras emsig zu wenden, schaut sie auf ihr Handy – dort scheint etwas viel Spannenderes zu laufen. Wir erfahren: Sie schaut Spectyou.

So geht die Werbung für die erste deutschsprachige Streamingplattform fürs Schauspiel. Der Clip wurde noch zu Zeiten gedreht, als die Sonne über der Kultur schien. Jetzt hat sich alles geändert, auf der Bühne sind die Lichter gelöscht. Online aber gibt es eine Premiere. Seit Donnerstag ist Spectyou auf Sendung. Und wir möchten wie Marie immer nur weitergucken.

In der Testphase gratis

In der Testphase kann man sich die Stücke gratis anschauen. Vorhang auf für «Salome» von Oscar Wilde aus dem Theater Oberhausen. Für «Identitäter» aus dem Schlachthaus Bern. Oder für Ödön von Horvaths «Die italienische Nacht» aus der Roten Fabrik in Zürich. Für den vorgezogenen Anfang ist bereits ein vielfältiges Programm zusammengekommen. Applaus schon an dieser Stelle.

Spectyou ist Netflix für Theater. Aktuelle Stücke, Suchfunktion, Trailer, Kurzbeschrieb, Cast, alles da. Es fehlt nicht die Altersempfehlung. Die Warnung vor Gewalt, Sex und Drogen kommt aber nicht vor. Abgesehen davon kann Spect­you mehr als Netflix: Es ist eine Plattform für den Austausch. Hier kann man sich informieren. Aber auch vernetzen.

Der Start von Spectyou sei eigentlich auf die Saison 20/21 vorgesehen gewesen, sagt die Geschäftsführerin Elisabeth Caesar, «jetzt können wir aber für alle wichtig sein». Also wurde der Launch vorgezogen, die ersten Stücke sind jetzt online zu sehen. «Kulturelles Leben soll weiter stattfinden», sagt Caesar, auch jetzt, wo die (Theater-)Menschen zu Hause bleiben müssen.

Zwei Jahre dauerte die Vorbereitung, entwickelt wurde die Plattform in Berlin und Bern. Im Team von Spectyou sind auf der einen Seite eine Dramaturgin, eine Theatermacherin, eine Lektorin, eine Schauspielerin; auf der anderen: IT-Architekt, UX-Designerin, Produktmanager. Kunst kommt mit der Technik zusammen, es ist eine Kombination für die Zukunft.

Kein Ersatz, eine Ergänzung

Spectyou ist kein Ersatz. Sondern eine Ergänzung. Und zeigt: Theater kann auch online Spass machen. Schauen wir mal in ein solches Stück hinein, zum Beispiel in «Die italienische Nacht» von Ödön von Horvath, produziert von 400 asa, Regie: Samuel Schwarz, Dramaturgie: Lukas Bärfuss. Dauer: 1 Stunde 43 Minuten. Das Video zeigt eine Aufzeichnung aus der Roten Fabrik in Zürich aus dem Jahr 1999. Das Video spult in die Vergangenheit dieser Truppe zurück. Im Cast unter anderem: Catriona Guggenbühl, Fabian Krüger, Wanda Wylowa. Wir sehen sie in Verhältnissen, die heute nicht mehr aktuell sind. Schon längst ist Fabian Krüger am Burgtheater der Liebling des Publikums.

Die grossen Häuser sind auf Spectyou noch nicht präsent. Wer Schaubühne Berlin schauen will, der geht im Moment auf www.schaubühne.de (dieses Theater hat übrigens online ein hervorragendes Programm). Spectyou führt eher in den Grenzbereich des Theaters, die Plattform ist auch offen für Tanz und Performance. Man sieht, was man sonst sehr wahrscheinlich nicht schauen würde, zum Beispiel die «Metamorphosen oder die Struktur der mittleren Jahre» aus dem Schlachthaus Bern. Und wer war schon mal im Theater Oberhausen? Oder im Ballhaus Ost? Eben. Mit Spectyou kommt man überall hinein.

www.spectyou.com