Auf einer Nussschale allein über den Atlantik

Im Rennen von Spanien in die Karibik auf 6,5 Meter kleinen Mini-Booten mischt Simon Koster aus Oberengstringen an der Spitze mit.

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Von Ruedi Baumann Oberengstringen/Gran Canaria - Simon Kosters Böötli ist sogar auf dem Zürichsee klein. Zurzeit - nach 14 Tagen auf See - surft er mitten auf dem Atlantik grosse Wellenberge herunter. Ganz allein, die Regatta ist für junge Einhandsegler mit kleinen Booten und wenig Elektronik. Am Mittwochmorgen lag Simi an dritter Stelle des berüchtigten Minitransat, 2400 Seemeilen von Spanien oder 1500 von den Kanaren entfernt und nur noch 1300 Meilen weg vom Ziel, Guadeloupe in der Karibik. Von 53 Booten sind nur noch 38 dabei. Einige sind gekentert, verloren den Mast, hatten Elektronikprobleme - und ein Segler ist vor den Kanarischen Inseln eingeschlafen und hat die Küste gerammt.

Einen Wal gerammt

«Simi ist der perfekte Segler und Handwerker», lobt ihn sein Seglerfreund Ueli Naef aus Oberglatt. Bei ihm in der Halle hatte Koster sein Boot vorbereitet. Der 25-Jährige Koster war schon Schweizer Meister auf der 420er-Jolle und hat bereits dreimal auf grossen Rennjachten den Atlantik überquert. Als gelernter Elektroniker hat er auch handwerklich einiges drauf. Er kann Segel nähen, Löcher polyestern und Elektronik reparieren. Alles hat er schon gebraucht. Bei einem Rennen von der Bretagne auf die Azoren rammte er 2012 einen Wal, ein Steuerruder wurde abgerissen, und Koster musste einen 40-Zentimeter-Riss im Heck abdichten.

Gefordert war Simon Koster bereits vor dem Rennen. Der Start in der Bretagne wurde wegen der Stürme in Europa mehrfach verschoben. Geplant waren zwei Etappen mit einem Zwischenstopp auf Lanzarote. Doch kaum waren die Boote Richtung Kanarische Inseln gestartet, zog in der gefürchteten Biskaya erneut ein Sturm auf. Das Rennen wurde buchstäblich abgeblasen, die Boote flüchteten in verschiedene Häfen in Nordspanien. Kosters Boot schlug dabei so hart auf die Wellen auf, dass an der Mastspitze der Windmesser wie durch einen Peitschenhieb wegbrach. Diesen braucht es als Befehlsgeber für die Selbststeuerung. Allein von Hand über den Atlantik zu steuern, ist unmöglich.

Bevor das Rennen am 13. November bei La Coruña wieder gestartet wurde, mussten die Vorräte aus Lanzarote nach Spanien zurück; aus Zeitgründen wurde der Stopp auf den Kanaren gestrichen. Simon Koster benötigt für die 6800-Kilometer-Diretissima (3700 Seemeilen) Astronautennahrung für 30 Tage, 120 Liter Wasser und 20 Liter Ethanol-Alkohol zur Stromgewinnung mit einer Brennstoffzelle.

Auf den Mast geklettert

Koster hat in Spanien einen neuen Windmesser montiert. Wie über die Rennleitung bekannt wurde, musste er unterwegs in den Mast steigen, um diesen erneut zu reparieren. Funken mit der Öffentlichkeit ist den Seglern nicht erlaubt. Damit wird verhindert, dass sie sich ein teures Meteo- und Taktikteam leisten. Die Segler dürfen nur einen einfachen GPS-Empfänger, UKW-Funk und einen Weltempfänger an Bord haben, aber keinen weitreichenden Kurzwellensender.

Taktik und Meteorologie sind neben Durchhaltewillen, Geschick und Schlafmanagement die zentralen Elemente im Rennen. Die Segler müssen sich zwischen einem direkten Weg Richtung Karibik und einer mehr südlicheren Route entscheiden. Der direkte Weg ist kürzer, der Passatwind bläst aber erst in tropischen Breiten so richtig. Einziger Fixpunkt war ein virtuelles Tor zwischen Fuerteventura und Lanzarote.

Zweikampf mit Schweizer WG-Partnerin

Simon Koster lieferte sich an der Spitze des Rennens zwischen den Kanaren und der Mitte des Atlantiks mehrere Tage lang ein Duell um Platz zwei mit der Genferin Justine Mettraux. Die beiden waren häufig in Reichweite ihres UKW-Funks - 10 Kilometer. Am Dienstag hatte sich Simon für einen südlicheren Kurs entschieden und fiel zurück. Am Mittwochmittag lag Justine 100 Meilen vor Simon, 160 Meilen voraus segelt der sehr erfahrene Bretone Aymeric Belloir. Neckisch am Spitzenduell: Simi und Justine wohnten während der zweijährigen Vorbereitung in der Bretagne in einer WG.

Wichtigstes Instrument an Bord ist bei Simon Koster ein Wecker mit einem 120 Dezibel lauten Pfeifton - zu laut für jede Disco. Sein Rhythmus: Jede Stunde zehn Minuten schlafen. Wenn er extrem schnell segelt, heisst das jedes Mal, Gas wegnehmen, Segel verkleinern oder gar den fast 100 Quadratmeter grossen Spinnacker bergen. Das Brutale am Einhandsegeln: Wer zu viel schläft, ist zu langsam - und wer zu wenig schläft, entdeckt auf dem Meer Gespenster. «Ich sehe dann jeweils Fischerboote, die es gar nicht gibt», sagt Koster.

Im Moment fahren die Boote «nur» noch sieben Knoten schnell. Der Passatwind ist unstabil, die hinteren Boote der Flotte stecken in einer Flaute. In rund einer Wochen können die ersten Boote in der Karbik sein.

www.minitransat.fr/cartographie, www.simonkoster.com (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.11.2013, 13:34 Uhr

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