Der fiese Trick mit dem Rückruf

Pech hatte, wer zurückrief und danach nicht sofort auflegte: Die britische Infoline Services Ltd. hat 10'000 Schweizern ein dubioses Dienstleistungsabo aufgedrängt. Die Konsumentenschützer sagen: auf keinen Fall zahlen.

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10'000 Schweizerinnen und Schweizer erhielten in den vergangenen Wochen eine gesalzene Rechnung. 130 Franken verlangt eine Infoline Services Ltd. für die Anmeldung zu einem telefonischen «Informationsdienst gegen Grippe und Pandemie». Zu den Betroffenen gehört auch eine Bernerin, die anonym bleiben will. Sie erwartete einen Anruf vom Inselspital. Als das Telefon klingelte, nahm sie deshalb sofort ab, doch es war niemand am Apparat. Auch die Nummer 031 537'79'71, die auf der Anzeige erschien, liess sich nicht im Telefonbuch finden. Dennoch rief die Bernerin zurück.

Per Piepton unterzeichnet

Bei einem Anruf auf die Nummer ertönt zuerst Musik, dann heisst es: «Infoline Services, hallo.» Interessierte erhielten über eine Telefonnummer Informationen gegen Grippe und Pandemie. Die Dienstleistung koste pro Jahr 130 Franken, danach «nur» noch 2 Franken pro Minute. Die Stimme ab Band sagt, wer in der Leitung bleibe, der mache den «mündlichen Vertrag» automatisch rechtsgültig. Zwei Pieptöne. Schon heisst es: «Wir bedanken uns für Ihre Anmeldung.»

Damit das unseriöse Angebot einen offiziellen Anstrich erhält, meint die Stimme am Ende noch: «In der Zwischenzeit können Sie sich auch auf der Website des Bundesamtes für Gesundheit informieren.»

Beweislast liegt bei Kunden

Wenig später flatterte der Bernerin ein Brief ins Haus. Er enthielt eine Rechnung über 130 Franken «zahlbar netto innert 10 Tagen». Einwände der unfreiwilligen Kunden nimmt Infoline Services gleich vorweg: «Sollte es sich bei dieser Rechnung um ein Versehen handeln, so senden Sie uns bitte umgehend das Original Ihrer Telefonabrechnung mit dem Einzelverbindungsnachweis als Beweisstück zu.» Das heisst, die Betroffenen sollen bitte schön beweisen, dass sie die fragliche Telefonnummer nicht gewählt haben.

Weiter steht in dem Schreiben: «Bei einem Fehler unsererseits erhalten Sie als Entschädigung Ihrer Aufwendungen einen Einkaufsgutschein im Wert von 20 Franken bei der ‹Migro›.» Wieder bezieht sich das zweifelhafte Unternehmen auf eine vertrauenswürdige Schweizer Institution – die Migros. Die Schreibweise ohne «s» am Wortende ist kaum ein Versehen, sondern wohl eher eine ausgeklügelte Strategie, um rechtlich auf der sicheren Seite zu stehen.

Vertrag sei «nichtig»

Was sollen Kunden unternehmen, die eine solche Rechnung erhalten haben? Andreas Tschöpe von der Stiftung für Konsumentenschutz (SKS) sagt: «Am besten schreiben Sie der Infoline, dass Sie den Vertrag als nichtig betrachten, da er unter Täuschung zustande gekommen ist.» Die Adresse der Firma in der Schweiz lautet: Infoline Ltd., Postfach 584, 8034 Zürich.

Dasselbe rät die Inkassofirma ScoreControl AG mit Sitz in Pfäffikon SZ, die das Geld für Infoline eintreiben sollte. «Wir distanzieren uns in aller Form von diesem Geschäftsgebaren und entschuldigen uns dafür», sagt Geschäftsführer Olaf Pauls. «Die Firma sagte uns, diese Kunden hätten einen Vertrag abgeschlossen, und wir sollten ihnen eine Rechnung schicken.» Rund 10'000 Adressen habe Infoline Services dafür angegeben. Darunter seien sogar Adressen von Leuten gewesen, welche nie auf die Telefonnummer zurückgerufen hätten. Pauls hält fest: «Das ist willkürlich und nicht in Ordnung.» Deshalb werde ScoreControl nichts weiter unternehmen und bei Nichtbezahlen keine Mahnungen verschicken. Selbstkritisch merkt der Geschäftsführer an, dass seine Inkassofirma bei einem neuen Auftrag in Zukunft besser hinschauen werde.

Rechtlich kaum Handhabe

Reagiert hat auch die Comsys Schweiz GmbH. Die Anbieterin für Service-Rufnummern sperrte die Nummer 0901 0800 88 für die «Dienstleistung» von Infoline Services.

ScoreControl prüft zurzeit sogar rechtliche Schritte. Dies dürfte allerdings schwierig werden, denn hinter Infoline Services steckt das Tanner Business Center – mit Sitz in Grossbritannien.

Erstellt: 27.04.2010, 08:11 Uhr

Vorsicht beim Zurückrufen: Dubiose Firmen versuchen durch unseriöse Taktiken Geld zu machen.

Ein solcher Vertrag gilt praktisch nie

Ist ein Vertrag rechtskräftig, wenn jemand zu lange am Telefon bleibt, aber nicht explizit Ja dazu sagt? «In den allermeisten Fällen nicht», sagt Felix Schöbi vom Bundesamt für Justiz. «Ein Vertrag kommt auf Basis gegenseitiger Willensübereinstimmung zustande.» Den Hörer nicht aufzuhängen, sei keine klare Willensäusserung. Wahrscheinlich handle es sich beim Vorgehen der Infoline Services aber nicht um ein strafbares Verhalten im Sinne der Bauernfängerei. Gleichzeitig gibt es laut Schöbi durchaus Dienstleistungen, bei denen ein Einverständnis vorausgesetzt wird, wenn jemand den Hörer nicht auflegt – zum Beispiel bei erotischen Telefondiensten, die kostenpflichtig sind.

Bei Internet-Verträgen seien Missverständnisse heutzutage selten, sagt Schöbi: «Normalerweise muss der Kunde einen längeren Registrierungsprozess durchlaufen.» Deshalb rutsche kaum jemand aus Versehen in einen Vertrag hinein. Ein Nachteil sei jedoch, dass die Schweiz im Online-Handel kein Widerrufsrecht kenne. Nur Käufe an der Haustüre können Kunden widerrufen. Immerhin ortet das Parlament Handlungsbedarf: Der Nationalrat will das Widerrufsrecht auf Verträge per Telefon ausweiten. «Da sind Internet-Geschäfte nicht mehr weit entfernt», meint Schöbi.

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