«Ich überlebte das Massaker von Bowling Green»

Trump-Beraterin Conway erzählte von einem Massaker in einer Stadt, das nie stattgefunden hat. Wie clever die Einwohner jetzt reagieren.

Nehmen es grösstenteils mit Humor: Wähler stehen bei den republikanischen Vorwahlen im März in einer Schlange. (Archiv)

Nehmen es grösstenteils mit Humor: Wähler stehen bei den republikanischen Vorwahlen im März in einer Schlange. (Archiv) Bild: Austin Anthony/Keystone

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In Bowling Green wird dieser Tage viel gelacht. Für die scheinbar gute Laune hat Kellyanne Conway mit einem, wie sie im Nachhinein einräumte, Versprecher gesorgt: Die Beraterin von Präsident Donald Trump hatte dessen Dekret zum Einreiseverbot für Muslime aus sieben Ländern am Donnerstag mit einem Massaker gerechtfertigt, dass es in der beschaulichen Stadt in Kentucky nie gegeben hat. Der Spruch: «Ich überlebte das Massaker von Bowling Green» ist zu einem Online-Hit geworden.

Sogar das populäre Maskottchen der Western Kentucky University, Big Red, wurde eingespannt: In einem Posting lag das pelzige, Cartoon-ähnliche Wesen auf dem Boden hingestreckt, darunter die Mahnung «Never forget», vergesst niemals. «Die Witze verbreiten sich in Windeseile», sagt der Universitätsdozent Guy Jordan. «So wie ich das sehe, sind wir heute in einer Stadt voller Leute, die auf beim Gehen auf ihre Handys schauen und leise in sich hinein kichern.»

Ein paar Siege der Uni-Mannschaft

Die einzigen Massaker, die es in Bowling Green gegeben habe, seien ein paar Siege seiner Universitätsmannschaft gewesen, sagt Jordan nicht ganz im Ernst. Nun ja, und vor drei Jahren sind ein paar klassische Corvette-Museumsautos von einem Sinkloch verschluckt worden.

Conway hatte in einem Interview gesagt, das Massaker von Bowling Green sei ein Grund für das umstrittene zeitweilige Einreiseverbot gegen Muslime. Trumps Vorgänger Barack Obama habe 2011 ein ähnliches Dekret erlassen, nachdem in Kentucky zwei Iraker unter dem Vorwurf verhaftet wurden, sie hätten geplant, Geld und Waffen an das Terrornetzwerk al-Qaida zu schicken. Sie wurden aber nie beschuldigt, Anschläge in den USA geplant zu haben.

Conway sagte am Freitag, sie habe statt «Massaker» eigentlich «Terroristen» sagen wollen. Der Bürgermeister von Bowling Green, Bruce Wilkerson, dankte für die «Klarstellung»; Versprecher in Interviews kämen vor. Zur Stimmung in seiner Stadt sagte er: «Die Leute rollen mit ihren Augen, weil aus einer Mücke ein Elefant gemacht wird.»

Eine Pizza in Ehren des «Massakers»

Im Restaurant Home Cafe & Marketplace avancierte derweil die eigens kreierte Pizza «The Bowling Green Massacre» zum Bestseller. Sie war auf dem Weg, den Tagesrekord für ein Gericht zu brechen, sagte Eigner Josh Poling. «In dem Augenblick, als ich das gestern hörte, dachte ich: Mensch, das ist eine Gelegenheit, die man nicht vorbei gehen lassen darf», erklärte er. Alle Einnahmen daraus würden einer Hilfsorganisation gespendet.

Auch hat inzwischen jemand die Webdomäne bowlinggreenmassacre.com registriert, von der man direkt auf die Seite der Bürgerrechtsunion ACLU weiter geleitet wird. Und am Freitagabend versammelten sich in einem Park etliche Leute, um bei Kerzenschein der Opfer des «Massakers» zu gedenken.

Hinter all den Witzen und lustigen Aktionen steckt auch ein ernster Hintergrund, findet der Universitätslehrer Barry Kaufkins. "«Es ist lustig und wir können darüber lachen», sagt er. «Aber ich denke, wir lachen zu einem grossen Teil, damit wir nicht weinen müssen. Viele sind besorgt über die Rhetorik, ganz zu schweigen vom Benehmen, dieser Regierung.» (rsz / ap)

Erstellt: 04.02.2017, 19:44 Uhr

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