Warum meldete F/A-18 Triebwerksproblem verzögert?

2015 verlor die Schweizer Luftwaffe in Frankreich einen Jet durch Absturz. Jetzt hilft die US Navy bei Fragen. Das provoziert die Politik.

Am 14. Oktober 2015 stürzte eine F/A-18 der Schweizer Armee (das Bild zeigt eine typengleiche Maschine beim Training in der Schweiz) über dem französischen Jura ab. Der Pilot rettete sich mit dem Schleudersitz.

Am 14. Oktober 2015 stürzte eine F/A-18 der Schweizer Armee (das Bild zeigt eine typengleiche Maschine beim Training in der Schweiz) über dem französischen Jura ab. Der Pilot rettete sich mit dem Schleudersitz. Bild: Keystone

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«F/A-18-Absturz von 2015: Unfallursache geklärt»: In seiner Medienmitteilung vom 13. Juni dieses Jahres hat das Verteidigungsdepartement (VBS) keinen Zweifel offen gelassen, was zum Unglück vom 14. Oktober 2015 bei Glamondans über dem französischen Jura geführt hatte. Der Absturz, so das Fazit, sei das Resultat eines Pilotenfehlers. Der Mann, der den Unfall leicht verletzt überlebt hatte, soll nicht vorschriftsgemäss reagiert haben, als während des Trainingsflugs am linken Triebwerk der F/A-18 Probleme in Form eines Strömungsabrisses aufgetaucht seien. Statt den Jet zu stabilisieren, habe er sich mit dem Schleudersitz gerettet. Andere Faktoren wie eine technische Störung oder das Wetter schloss die Militärjustiz als Unglücksursache aus.

Doch lückenlos geklärt ist der Fall nicht. Wie das VBS bestätigt, hat das Bundesamt für Rüstung (Armasuisse) die US Navy beauftragt, einen – möglicherweise entscheidenden – Punkt in der Unfallkette unter die Lupe zu nehmen. Das VBS spricht von «sehr tiefgehenden technischen Abklärungen». Konkret geht es um die Frage, warum die Bordinstrumente dem Piloten das skizzierte Triebwerksproblem erst mit einer Verzögerung von 24 Sekunden gemeldet haben.

Über diesen Befund war die Militärjustiz im Juni informiert; dies geht aus der Zusammenfassung des Untersuchungsberichts hervor (den Bericht selber veröffentlichte die Militärjustiz nicht). Dort heisst es, über die Ursache für die verzögerte Warnung lägen noch «keine Erkenntnisse» vor, doch «direkt ursächlich» sei sie nicht. Dem Piloten ist in dieser Lesart also trotz allem genügend Zeit geblieben, die Maschine wieder zu stabilisieren – eine Schlussfolgerung, die externe Fachleute in Abrede stellen. Aviatikexperte Max Ungricht etwa sagte bereits im Juni: «Wenn die Maschine mehr als 20 Sekunden lang mit reduzierter Triebwerksleistung und ohne Fehlermeldung in einen unkontrollierbaren Flugzustand gerät, ist das sehr wohl die Hauptursache für den Unfall.»

Potenzielles Erpressungsmittel?

Die Abklärungen durch die US Navy sind laut VBS noch im Gang. Weiter dazu äussert sich das Departement von Bundesrat Guy Parmelin (SVP) nicht. Das Resultat wird nicht zuletzt deshalb bedeutsam sein, weil die Militärjustiz im Juni eine Voruntersuchung gegen den Piloten eingeleitet hat, einen sehr erfahrenen Mann mit mehr als 3000 Flugstunden, davon fast 1000 mit der F/A-18. Nach Einschätzung der Militärjustiz besteht der Verdacht auf «Missbrauch und Verschleuderung» von Armeematerial. Für den Piloten gilt die Unschuldsvermutung. Sicherheitspolitiker zeigten sich im Juni irritiert über das Vorgehen der Militärjustiz: Es sei falsch, dem Piloten, der in solchen Situationen blitzschnell handeln müsse, einen Strick aus dem Unfall drehen zu wollen.

Die Abklärungen durch die US Navy sind nicht nur für die Klärung des Unfallhergangs von Interesse. Sie haben auch eine politische Dimension, belegen sie doch die Abhängigkeit von der US Navy. Wie die Schweizer Luftwaffe eingesetzt werden kann – darüber entscheiden die USA massgeblich mit. Gemäss früheren Medienberichten unterliegen etwa Software-Updates von F/A-18 und deren Lenkwaffen exklusiver US-Kontrolle.

In der Vergangenheit ist deswegen wiederholt Kritik aufgekommen. Zum Beispiel 2003, kurz vor dem Ausbruch des Irakkriegs, hatte sich im Bundeshaus ein Zwist entzündet, und zwar an der Frage, ob die Schweiz den Amerikanern und ihren Verbündeten Überflüge in Richtung Irak erlauben soll. Parlamentarier befürchteten, die Abhängigkeit der Schweizer Luftwaffe von der US Navy werde zu einem gefährlichen Erpressungsmittel (der Bundesrat entschied in der Folge, nebst Überflügen zu humanitären und medizinischen Zwecken auch – umstrittene – Überflüge von Überwachungs- und Aufklärungsflugzeugen zuzulassen).

Ruf nach europäischer Alternative

Heute sprechen Sicherheitspolitiker noch immer von einer «bedenklichen Abhängigkeit», so etwa SVP-Nationalrat Werner Salzmann. Sie sei nicht zuletzt eine direkte Folge davon, dass «wir die schweizerische Rüstungsindustrie immer mehr geschwächt haben», sagt er. Bedenken hegen auch linke Politiker. «Diese Vorgänge zeigen, wie stark die Schweizer Luftwaffe von den USA abhängig ist», sagt Nationalrat Balthasar Glättli (Grüne). Nicht nur von den Lieferanten, sondern auch von den Streitkräften. Glättli erinnert daran, dass die Frage, ob diese Abhängigkeit mit der Neutralität vereinbar ist, auch im Rahmen der Gripen-Abstimmung 2014 ein Politikum war. Der schwedische Kampfjet sei zwar nicht von den USA hergestellt worden, aber zentrale elektronische Komponenten, so Glättli.

Linke Parlamentarier wie SP-Nationalrätin Priska Seiler plädieren vor diesem Hintergrund dafür, dass sich die Schweiz in Europa nach einer Alternative umsehen solle, wenn dereinst die F/A-18-Flotte ersetzt werden müsse. Die Debatte darüber ist bereits im Gang. Der Typenentscheid soll 2020 fallen. Ins Rennen steigen dürften nebst dem amerikanischen Hersteller Lockheed Martin Eurofighter, Dassault (Frankreich) und – trotz des Volks-Nein 2014 zum Gripen – Saab (Schweden). Seiler räumt ein, dass die Abhängigkeit auch beim Kauf eines Jets aus Europa bestehen bleibt. Doch die Schweiz teile den Luftraum mit ihren europäischen Partnern, die wechselseitige Abhängigkeit sei gesellschaftlich, wirtschaftlich, kulturell und politisch ohnehin sehr gross. Deshalb, so Seiler, handle sich die Schweiz keine zusätzlichen Sicherheitsrisiken ein, «wenn sie auch im Bereich der Kampfflugzeug-Technologie zur Tatsache steht, dass sie ein europäisches Land ist».

Erstellt: 28.08.2017, 17:46 Uhr

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