«Ich bin Vegetarierin, die ab und zu Ausnahmen macht»

Regula Rytz über ihre Bundesratsambitionen, Bio-Produkte und weshalb die Bevölkerung die grünen Reformen mittragen soll.

Regula Rytz an der Schiffländte in Thun, dem Ort ihrer Herkunft.

Regula Rytz an der Schiffländte in Thun, dem Ort ihrer Herkunft. Bild: Adrian Moser

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Frau Rytz, Sie gelten als mögliche Bundesratskandidatin. Warum kandidieren Sie dann noch für den Ständerat?
Es ist noch nicht festgelegt, ob überhaupt und mit wem die Grünen bei den Bundesratswahlen im Dezember antreten. Für mich ist aber klar: Wenn ich als Berner Ständerätin antrete und gewählt würde, wäre ich Ständerätin. Punkt.

Ihre Kandidatur ist keine Fake-Kandidatur?
Nein.

SP und Grüne haben vereinbart, dass der Zweitplatzierte im ersten Wahlgang verzichtet. Warum halten Sie sich nicht daran?
SP und Grüne haben auch abgemacht, die Ausgangslage nach dem ersten Wahlgang neu zu beurteilen. Hans Stöckli und ich lagen auf den beiden Spitzenplätzen. Zudem brachten die Wahlen eine historische Stärkung der Grünen und der Frauen. Daher haben wir uns entschlossen, beide nochmals anzutreten.

Wäre der Kanton Bern mit zwei linken Ständeratsmitgliedern denn adäquat vertreten?
Das Resultat des ersten Wahlgangs hat gezeigt, dass sich der Kanton Bern verändert. Auch in ländlichen Regionen weiss man, dass es wegen des Klimawandels dringende Reformen braucht – etwa im Tourismus. Gemäss einer Studie der Uni Bern wird der Wintertourismus im Berner Oberland 70 Millionen Franken an Wertschöpfung durch den Klimawandel verlieren. Die Bevölkerung traut uns offenbar zu, hier neue Lösungen zu finden. Auch zeigen die letzten Abstimmungen im Kanton Bern über die Steuerreform oder die Kürzungen in der Sozialhilfe, dass die Bevölkerung den sozialen Ausgleich stärker gewichtet als die Regierung und der Grosse Rat.

«Man wird dafür sorgen müssen, dass das Fahren eines SUV seinen Preis hat.»

Die Grünen sind wachstumskritisch. Wie wollen Sie den Umbau in eine grüne Wirtschaft finanzieren?
Wir wollen wirtschaftlichen Wohlstand ohne Naturzerstörung. Und wir wissen: Klimaschutz kann zur Chance für die Wirtschaft werden. Das erste CO2-Gesetz hat schweizweit über 40'000 neue Arbeitsplätze in den Bereichen Bau und alternative Energien geschaffen. Mit einer nachhaltigen Energiepolitik können wir die Wertschöpfung im Kanton behalten und schicken nicht jedes Jahr Milliarden von Franken für Öl und Gas nach Saudiarabien oder Russland. Nichtstun kostet mehr als anpacken. Schon heute kommen hohe Infrastrukturkosten auf uns zu. Es kostet zum Beispiel fast vier Milliarden Franken Steuergelder, um die Rhone an die Wassermassen anzupassen, die durch die Gletscherschmelze entstehen.

Wie soll das ohne Wirtschaftswachstum finanziert werden?
Wir wollen einen Umbau von der linearen Wegwerfwirtschaft in die Kreislaufwirtschaft. Eine Kreislaufwirtschaft hat nicht weniger Arbeitsplätze, aber andere. Es werden mehr Leute im Reparaturbereich oder bei Sharing-Plattformen arbeiten.

Eine Kreislaufwirtschaft wird international aber nicht wettbewerbsfähig sein.
Alle Länder müssen umstellen. Es kommen riesige Probleme bei der Nutzung von Wasser- und Landressourcen auf uns zu. Sogar am WEF wird heute über den ökosozialen Umbau der Wirtschaft diskutiert. Es ist im Übrigen typisch bernisch, da weiterzudenken. Die ökonomische Gesellschaft hat im Kanton Bern bereits im 18. Jahrhundert neue Ideen für die Landwirtschaft entwickelt. Und heute sind wir wieder in einer Zeit des Umbruchs.

Die Schweiz soll da vorangehen und nicht etwa China oder die USA?
Die Schweiz als reiches Land mit starkem Forschungsstandort darf der Entwicklung nicht nachhinken. Die Politik kann die Rahmenbedingungen so setzen, dass es sich für die Unternehmen lohnt, auf nachhaltiges Wirtschaften umzustellen und zum Beispiel auf Plastikverpackungen zu verzichten. Ich habe mich deshalb denn auch erfolgreich für eine nachhaltige Reform des Beschaffungsrechts eingesetzt.

Sie haben in einem Interview gesagt, Sie würden kaum neue Kleider mehr kaufen. Es fällt schwer, das zu glauben.
Ich habe gesagt, dass ich Alltagsgüter wie Kleider so lange wie möglich nutze und sie daher häufig flicken lasse. Ich kaufe im Quartier auch lieber ein gutes Velo, auf dem man zehnmal eine neue Bremse montieren kann, als ein Billigvelo, das nach zwei Wintern kaputt ist.

Der Sommer 2019 war zwar der Sommer der Klimaproteste. Aber auch die Flughäfen verzeichneten Rekordzahlen. Zwischen grün wählen und grün handeln liegen Welten.
Es ist ja nicht so, dass die Mehrheit der Bevölkerung grün gewählt hat. Aber es ist ein Wandel im Gang. Schulklassen diskutieren heftig darüber, ob man noch mit dem Flugzeug auf die Maturreise gehen kann. Eine Pensionsbetreiberin im Tessin hat mir gesagt, dass sie im Herbst noch nie so viele Gäste hatte wie dieses Jahr. Auch der TGV nach Paris wird ausgebaut, weil das heutige Angebot zu klein ist. Das sind erfreuliche Entwicklungen.

Plädieren Sie für Verbote?
Wir sind primär für Lenkungsabgaben, technische Grenzwerte und den Einsatz von Fördergeldern, etwa zur sozialen Abfederung von Haussanierungen. Und es wird auch nötig sein, alte Technologien vom Markt zu nehmen, um neue einzuführen. Die Grünen fordern, dass ab 2030 keine neuen Autos mit fossilem Antrieb mehr zugelassen werden. Nur so hat die Autoindustrie den Anreiz, alternative Antriebe marktfähig zu machen.

Wie wollen Sie die Leute davon überzeugen?
Die Auswirkungen des Klimawandels werden immer sichtbarer und verändern unseren Alltag. Weiter wie bisher ist keine Option. Wenn die nötigen Reformen fair, sozial und wirksam sind, wird die Bevölkerung sie mittragen.

Sie glauben, dass die Menschen letztlich zur Einsicht kommen werden und es keine Verbote braucht.
Ist ein Grenzwert ein Verbot oder ein Anreiz, bessere Technologien zu entwickeln? Als der Bundesrat 1986 beschloss, Phosphat aus den Waschmitteln zu verbannen, gab es einen Technologiesprung. Darum geht es.

Der Anteil von Elektroautos ist noch immer klein, doch die Zahl der SUV nimmt zu.
Die SUV werden vor allem im städtischen Flachland gekauft, wo das Fortkommen kaum durch Schnee behindert wird. Die Werbung schürt diese Bedürfnisse. Man wird durch Schadstoffgrenzwerte und finanzielle Anreize dafür sorgen müssen, dass das Fahren eines SUV seinen Preis hat – zum Beispiel über eine Revision der Motorfahrzeugsteuer.

Essen Sie Fleisch?
Ich bin Vegetarierin, die ab und zu Ausnahmen macht. Das Fleisch muss aber aus guter Tierhaltung stammen und lokaler Herkunft sein.

Wie sollen sich ärmere Leute biologische Produkte leisten?
Unverarbeitete und saisonale Produkte sind in der Regel günstiger. Natürlich ist Fleisch aus tierquälerischer Massentierhaltung billiger als Qualitätsware. Auch Tomaten aus Spanien, die in Sklavenarbeit gepflückt wurden, sind billiger als Biotomaten aus dem Seeland. Viele Konsumentinnen sind aber bereit, für Qualität einen fairen Preis zu bezahlen.

Und wenn sie es doch nicht bezahlen können?
Für Lebensmittel gibt man wenig aus im Vergleich mit den Ausgaben für Gesundheit und Wohnen. Wer sozial handeln will, muss den Druck bei den Mieten und den Krankenkassenprämien wegnehmen und nicht beim Umweltschutz sparen.

Erstellt: 07.11.2019, 10:07 Uhr

Der zweite Wahlgang

Am 17. November entscheidet die Berner Bevölkerung, wer den Kanton im Ständerat vertritt. Der «Bund» fühlt den vier Kandidierenden auf den Zahn. Bereits erschienen: Hans Stöckli (SP) und Werner Salzmann (SVP). Nach Regula Rytz (Grüne) folgt morgen noch Christa Markwalder (FDP).

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