Zum Hauptinhalt springen

Das neue Wir-Gefühl

Güzin Kar über den «Women’s March».

Unsere Kolumnistin Güzin Kar. Bild: Keystone
Unsere Kolumnistin Güzin Kar. Bild: Keystone

Natürlich kann man die weltweiten Demos und Protestaktionen gegen Donald Trumps erste Amtshandlungen lächerlich oder gar ärgerlich finden. Man kann sich darüber belustigen, dass Millionen von Frauen mit pinken Mützen auf die Strassen gehen, um gegen seine frauen- und minderheitenverachtende Politik anzutreten und stattdessen für Gleichheit und Respekt zu demonstrieren. Und man kann sich darüber aufregen, dass sich Menschen mit selbst gemalten Schildern an Flughäfen stellen, um gemeinsam ihren Unwillen gegen eine willkürliche Einreisesperre für Staatsangehörige bestimmter Länder kundzutun. Man kann die Ängste, Sorgen und das Engagement dieser Menschen belächeln und verhöhnen und sich darauf ver­steifen, dass dieser Mann, der Präsident der USA, demokratisch gewählt und seine Wahl deshalb zu akzeptieren sei.

Nur verdrängt man dabei, dass Demonstrationen und Protestmärsche ebenfalls etwas Urdemokratisches sind. Man muss sie weder mögen noch pflegen, aber diese in Zeiten von Social Media, Shitstorms und Hashtags anachronistisch anmutende Weise des Sich-Gehör-Verschaffens in Form von physischer Präsenz im öffentlichen Raum ist ein Grundrecht, das es zu verteidigen gilt. Insbesondere durch jene, die betonen, dass Trump doch aber vom Volk gewählt und deshalb akzeptabel sei. Ebenjene sollten darauf beharren, dass die unzufriedenen Teile des Volkes ebenso berechtigt sind, ihren Unwillen kundzutun, selbst dann, wenn sie der Wahl ferngeblieben sind oder Trump gewählt haben und dies nun bereuen.

Woher rühren dann diese Aggressionen von rechts gegen den Women’s March? Warum all der Hass gegen die Menschen, die bloss loslaufen, mit Schrifttafeln und Schildern in der Hand, auf denen sie ihren Wunsch nach einer besseren Politik kundtun? War es nicht eben noch cool, wenn sich das Volk gegen die Elite zur Wehr setzte? War es nicht eben noch ein heiliger Appell an die Politik, die Ängste und Sorgen der Bürger ernst zu nehmen? Gilt dies etwa nur, wenn der Bürger keine Frau, nicht schwarz, keiner Minderheit angehörig und nicht arm ist? Warum sollte Wut den sogenannten Wutbürgern vorbehalten sein?

Sicherlich ist es nicht nur erfreulich, sondern auch verstörend, wenn Grossdemonstrationen und Märsche als politisches Ausdrucksmittel gerade von der Linken wieder neu entdeckt werden, nicht nur in den USA, sondern auch in Europa. Die Skepsis gegenüber Massenaufläufen ist berechtigt, erwuchs der Kraft des Wir-Gefühls doch schon zu viel Unheil. Aber es braucht jetzt dieses «Wir» all jener, die sich gegen blinde staatliche Gewalt und diktatorische Gelüste zur Wehr setzen. Es braucht ein kollektives Grundvertrauen darauf, dass man nicht allein ist mit seiner Ablehnung von Willkür als rechtsgültigem Mittel der Landesverteidigung.

Demonstrationen sind nicht das einzige Protestmittel und nicht für jeden das richtige. Aber man sollte keine Angst haben vor Pathos und der grossen Geste, die immer auch unfreiwillig komisch wirken. Das einzig Wichtige dabei ist, dass sich das Wir-Gefühl aus einer Haltung speist und fragil bleibt und niemals zur betonierten Identität wird. Dieses Wir muss all jenen Menschen offenstehen, die für die demokratischen Grundwerte einstehen – egal, wie sie darüberhinaus leben, lieben und glauben mögen. Es soll keines sein, das Sinn und Dasein ersetzt, sondern eines, das bloss eine grobe Richtung anzeigt, sodass man weiss, wohin man als Gesellschaft gehen möchte. Und wohin ganz bestimmt nicht.

Güzin Kar ist Drehbuchautorin und Filmregisseurin. www.guzin.ch

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch