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Déjà-vu um Déjà-vu

Wer durchs Schweizerland reist, stösst da und dort auf Spuren der eigenen Vergangenheit. Und lernt: Selbst der schönste Ort des Landes kann einem eines Tages auf die Nerven gehen.

Gedanken über die wahre Hauptstadt der Schweiz: Zürich. (Video: Beat Metzler und Thomas Wyss)

Wie heisst das Gegenteil eines Verfremdungseffekts? Verbekanntungseffekt? Egal. Die Sache geht so: Man betritt ein Hotelzimmer, alles wirkt seltsam vertraut, das schmale Pult, das breite Bett, die Aussicht auf den See, die goldenen Lampen. Ein Déjà-vu, das nicht mehr aufhört. Bis die Erinnerung einknickt und Metzler zu Wyss sagt: «Hier, im Hotel International in Lugano, war ich schon einmal, Ewigkeiten ists her.» Nicht die schlechteste Art, zu merken, dass man älter wird.

Fünf Nachteile des Reisens mit dem Auto (zusammengetragen von Nicht-Automobilist Metzler): 1. Stau. 2. Abends hat man das Gefühl wie nach einem Tag auf See, alles schwankt. 3. Nirgends bleibt man lange genug, um anzukommen. 4. Ständig glaubt man, etwas zu verpassen. 5. Die belastende Inkonsequenz, dass man oft denkt: «Ach, wie schön wäre es hier ohne Motorenlärm», im Wissen, dass man ohne Strasse gar nie hier wäre.

Joël Vuigner, Manager des Swissminiatur, 35-jährig: «Mein Grossvater gründete das Swissminiatur 1959, mein Vater entwickelte es weiter, ich war der logische Nachfolger. Als ich jünger war und hier aushilfsweise arbeitete, sagte ich mir: niemals! Mich zog es in die Welt, ich studierte Wirtschaft, wohnte auch mal zwei Jahre in Zürich. Als mich Vater später nochmals fragte, ob ich nicht doch einsteigen wolle, sagte ich Ja. Es war wohl auch die Wehmut, schliesslich hatte ich hier die halbe Kindheit verbracht. Nun leite ich den Park, bin verantwortlich für rund 40 Mitarbeiter und stolz darauf. Gut möglich, dass ich hier pensioniert werde.

Wir machen alle Modelle selber, in Handarbeit, bis eines fertig ist, dauert es rund 1700 Stunden. Wenn möglich, erstellen unsere Modellbauer jährlich ein neues Exemplar, bis auf wenige Ausnahmen habe alle den Massstab 1:25. In den vergangenen zwei Jahren kamen das Schilthorn und das Schloss Rapperswil hinzu, so sind es derzeit 128 Schweizer Sehenswürdigkeiten.

Unsere Klientel ist sehr international, doch die Mehrheit der Besucher kommt aus der Deutschschweiz. Viele Deutschschweizer haben Swissminiatur-Kindheitserinnerungen, an das Züglein, das Matterhorn, die Schiffe. Diese Dinge sind bis heute gleich geblieben.»

Im Swissminiatur erlebt man demzufolge ein doppeltes Déjà-vu. Weil man die Modelle von früher kennt. Und aus der Wirklichkeit. Zudem - wir merken das am eigenen Leib - berührt und verführt diese malerische Szenerie das Kind im Manne (für Frauen können wir biologisch bedingt leider nicht sprechen), es weckt aber bestimmt auch den künftigen Kerl im Bub, der das Matterhorn erklimmen und Pilot werden oder wenigstens mal ein Riegelhaus bauen will. Ja, kleine heile Welt. Aber perfekt, nein, das ist sie nicht! Haben Sie sich mal Zürichminiatur angeschaut? Und bemerkt, wie matt und verkrampft Grossmünster und Rathaus im Vergleich zum Rest dieser stilisierten Beauté wirken? Das stimmt einen schon ein wenig nachdenklich, da sieht man seinen vertrauten Lebensraum dann plötzlich mit ganz anderen Augen.

Fünf Vorteile des Reisens mit dem Auto (zusammengetragen von Youngtimer-Besitzer Wyss): 1. Stau (Alle Schweizer, die in ihrem Leben für gewöhnlich auf der Schnellspur unterwegs sind, sollten lernen, einen Stau als wohltuend entschleunigende Rast zu sehen). 2. Gute Tanzmusik kommt auf der Autobahn in der Regel noch besser in Fahrt als auf dem Dancefloor (echt schade, dass das neue Prodigy-Album - es trägt übrigens den vortrefflich zu dieser Tour passenden Titel «No Tourists!» - erst am 2. November rauskommt, das Beat-Furioso hätte unseren Pferdestärken-Ritt über den Ceneri wohl noch mehr galoppieren lassen). 3. Irgendwann kommt man immer an. 4. Der Begriff «Komm, lass uns ein wenig die Füsse vertreten» entfaltet erst beim Autoreisen seine wahre Qualität. 5. Die tolle Erfahrung, dass man oft denkt: «Ach, wie mühsam es doch wäre, hier zu Fuss oder mit dem Velo hochkraxeln zu müssen», und dann zurücklehnt und aufs Gaspedal drückt.

Morcote am Luganersee wurde 2016 zum schönsten Dorf der Schweiz gewählt. Vor Ort muss man eingestehen: hat was. Herrschaftliche Häuser, eine Uferpromenade unter steinernen Arkaden, dahinter kühle Gässlein. Über allem thront eine elegante Kirche, über 500 Jahre alt. Touristen betört und entzückt das, das hört man allüberall. Mittendrin hocken drei Einheimische in einer Promenaden-Bar, süffeln Vino um Vino und spötteln über die vorbeiflanierenden Touristen. Sie hatten wohl das eine oder andere Déjà-vu zu viel.

Noch als Leserservice: Der richtige Eingang in den prächtigen Parco Scherrer befindet sich am See unten. Wyss weiss das nun genau, er probierte nämlich den inoffiziellen Eingang (Überklettern des Zauns oben im Dorf), wobei er auf eine Metallspitze stand und sich die Schuh- und Fusssohle durchbohrte.

Metzler: «Der schönste Moment unserer gemeinsamen Tage? Als mir Thomas auf dem Verzasca-Staudamm diese Glace mit den grossen Caramelstücklein kaufte.» Wyss: «Bei mir lag zuerst die Situation vorn, in der wir im Verzasca-Tal an einer Gruppe Freikirchlern mit Kreuz vorbeifuhren und Vegetarier Beat unversehens über sündiges Fleisch zu referieren begann, vor Lachen hätte ich beinahe die nächste Kurve übersehen. Doch am Schluss hat die Nostalgie obsiegt - also dieser ergreifende Augenblick, als ich im Swissminiatur nach 48 Jahren wieder vor jenem Burggraben stand, in den ich 1970 als kleiner Bub hineingefallen war, weil ich das Wasser wegen seiner Verschmutzung nicht als Wasser hatte erkennen können.»

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