«Gäisle» der Menschheit

Pfand oder Peitsche: Martin Ebel über einen Mundartausdruck, der für manches Missverständnis gut ist.

Sind Peitsche und Geisle dasselbe? Hinter den Wörtern steckt mehr als man glauben mag. (Video: Anthony Ackermann, Sacha Schwarz)

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Herzlich willkommen zum guten Deutsch in aller Kürze. Bald beginnt die Vorweihnachtszeit, da pflegen manche Gegenden den alten Brauch des Chlauschlöpfens. Dabei chlöpft, also knallt man mit – ja mit was? In der Schweiz sagt man Geissel dazu, mundartlich «gäisle», im Hochdeutschen ist das eine Peitsche. Dort ist die Geissel reserviert für das Gerät, mit dem religiöse Fanatiker sich selbst kasteien, also blutig schlagen.

Die Geissel hat auch eine metaphorische Karriere gemacht, sie wird bildlich für alles Mögliche verwendet, das man als Plage empfindet: Bandenkriminalität ist die Geissel Mittelamerikas, Schwarzarbeit die Geissel der Wirtschaft, der Deppen-Apostroph die Geissel der Rechtschreibung und so weiter.

«Gäisle» kann im Schweizerdeutschen aber auch etwas ganz anderes bedeuten, nämlich das, was im Hochdeutschen die Geisel mit weichem s ist: Jemand, den man gefangen hält, um Druck auszuüben. Die Geisel ist übrigens immer weiblich, auch wenn es ein Mann ist, der in diese unerquickliche Lage geraten ist. Sprachgeschichtlich geht die Geisel auf das Keltische zurück, bei den Kelten gab es die Institution des Leibbürgen, eine Art menschliches Pfand. Sie kennen das aus Schillers Ballade «Die Bürgschaft».

Pfand oder Peitsche: Das kann man eigentlich nicht verwechseln, auch wenn in der Mundart beides «gäisle» heisst. Trotzdem kommt es immer wieder vor, dass man von der «Geisel der Menschheit» spricht oder liest. Ihnen passiert das, spätestens nach dieser Sprachsprechstunde, natürlich nicht. Denken Sie daran: Sprache ist unser Schatz, hüten und pflegen wir sie!

Erstellt: 09.11.2019, 11:59 Uhr

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