Die 10 grössten Klima-Irrtümer

Soll man den alten Kühlschrank ersetzen? Ist Plastik des Teufels? Lässt sich mit Bio die Welt retten? Umweltmythen im Check.

Plastik hat einen schlechten Ruf: Doch seine Ökobilanz ist gar nicht so schlecht. Foto: Getty Images

Plastik hat einen schlechten Ruf: Doch seine Ökobilanz ist gar nicht so schlecht. Foto: Getty Images

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1. Elektroautos sind grün

Na ja. Es kommt auf den Strom an.

Elektroautos sind nicht per se grün. Erstens spielt die Herkunft des Stroms für den Betrieb eine grosse Rolle. In der Schweiz mit ihrem sauberen Strommix sind Elektroautos tatsächlich klimafreundlicher als Benziner oder Dieselfahrzeuge. In Deutschland nicht – weil es da immer noch viel Kohlestrom gibt. Zweitens trübt die Herstellung der Batterie die Umweltbilanz: Dafür braucht es viel Energie und Ressourcen. Auch das Recycling-Problem ist ungelöst. Wem die Umwelt wichtig ist, der kauft ein kleines Auto und behält es möglichst lange. Ob elektrisch oder Benziner, ist gar nicht so wichtig. Wirklich umweltfreundlich ist nur der Verzicht auf ein eigenes Auto.

2. Die Schweiz hat eine intakte Umwelt

Im Gegenteil. Die Artenvielfalt geht stark zurück.

92 Prozent der Einwohner halten die Umweltqualität in der Schweiz für gut bis sehr gut. Und auf den ersten Blick sieht es ja auch prächtig aus: Die Berge sind schön, die Bäche sauber, die Wiesen grün. Doch wenn man genauer hinschaut, sieht man, dass die Umwelt dramatisch am Verarmen ist. Die Zersiedelung nimmt zu, die Landschaft wird eintöniger, fast alle Moore und Trockenwiesen sind verschwunden. Nur noch 0,2 Prozent der Flächen unterhalb von 500 Metern sind naturnah. Besonders schlimm steht es um die Biodiversität: In keinem anderen Land der Welt ist der Anteil bedrohter Arten so hoch wie bei uns. So sind in der Schweiz 39 Prozent der Vogelarten auf der Roten Liste – das sind dreimal so viele wie im globalen Durchschnitt.

3. Film-Streaming ist das neue Fliegen

Nein, Fliegen ist viel schlimmer.

Das Streamen braucht viel Energie. Doch Kerosin belastet das Klima viel mehr. Foto: Getty Images

Streaming braucht viel Energie. Eine Stunde Online-Filme-Gucken entspricht etwa einem Flug von einem Kilometer, was den Energieverbrauch pro Person betrifft. Wenn man täglich drei Stunden schaut, ergibt das in einem Jahr einen Flug Zürich–Paris und zurück. Das ist viel. Der Vergleich ist trotzdem irreführend, denn beim Streamen stammt die Energie von Strom, und der hat zumindest in der Schweiz einen kleinen Klima-Fussabdruck. Das Flugzeug hingegen fliegt mit Kerosin und belastet das Klima viel mehr. Dennoch: Auch Strom sparen ist sinnvoll. Am meisten lässt sich herausholen, wenn man die Filme nicht auf einem Grossbild-TV schaut, sondern auf einem Gerät mit kleinem Schirm.

4. Regionale Produkte sind besser

Durchaus, aber der Unterschied ist klein.

Manche Leute schauen strikt darauf, nur einheimische Produkte zu essen. Das ist schon recht, aber man darf die Wirkung nicht überschätzen. Der Anteil des Transports in der Ökobilanz ist meist ziemlich klein. Anders ist das nur bei Flugwaren, etwa Mangos und Papayas mit dem Vermerk «By Air». Die sollte man unbedingt meiden. Viel wichtiger als der Transport ist die Produktionsweise, und da ist regional nicht immer besser. Schweizer Gemüse aus beheizten Treibhäusern beispielsweise hat eine schlechtere Ökobilanz als Freiluftgemüse aus Spanien oder Italien. Wer einheimisches Gemüse kauft, sollte darum auch darauf achten, was gerade Saison hat.

5. Beim Abfall ist die Schweiz vorbildlich

Nein, wir produzieren zu viel davon.

Das Joghurt-Deckeli kommt ins Alu, die Hülle in den Karton, der Becher in den Plastik. Was sich partout nicht recyceln lässt, verbrennen wir und heizen mit der Wärme ganze Quartiere. So weit, so vorbildlich. Doch leider sind wir nicht nur im Recycling Weltspitze, sondern auch in der Abfallproduktion. Die riesige Müllmenge ist Ausdruck eines gewaltigen und stetig weiter zunehmenden Konsums. Weil wir einen grossen Teil der Güter importieren, verpesten wir durch unseren Konsum die Luft in anderen Ländern und vermiesen auch deren Klimabilanz. Gerechterweise müsste man diese Umweltsünden der Schweiz anrechnen. Und wenn man das tut, dann gehören wir weltweit zu den Ländern mit dem höchsten Ausstoss von klimaschädlichen Gasen pro Kopf.

6. Plastik ist des Teufels

Falsch. Seine Ökobilanz ist nicht so schlecht.

Sicher, ein Mehrwegbecher wäre besser. Noch besser wäre es allerdings, ab und zu auf einen Kaffee zu verzichten. Foto: Getty Images

Plastik begegnet uns auf Schritt und Tritt. Das Plastiksäcklein für die Früchte, die Plastikhülle um die Zeitschrift, das Plastikgeschirr beim Steh-Apéro. Aber auch: Die PET-Flasche am Wegrand, der Plastikmüll in den Meeren. Das hat dem Plastik einen schlechten Ruf eingetragen – viele Leute versuchen, es möglichst aus ihrem Leben zu verbannen. Doch solange man es nicht auf den Boden oder in den See schmeisst, richtet Plastik nicht viel Schaden an. Im Gegenteil: Die Plastikfolie der Zeitschrift hat eine bessere Ökobilanz als ein Papiercouvert, und die Umweltwirkung des Plastiksäcklis von der Ladenkasse ist verschwindend klein. Ohnehin schauen wir viel zu sehr auf die Verpackung, während es in Wahrheit meist der Inhalt ist, der den grössten Teil der Umweltbelastung verursacht. So ist es schön und gut, den Becher für den Unterwegs-Kaffee von zu Hause mitzunehmen. Für die Umwelt viel wirkungsvoller wäre es, ab und zu auf einen Kaffee zu verzichten.

7. Wir sind ein Volk von Bahnfahrern

Schon. Noch mehr aber sind wir Vielflieger.

Im Schnitt legen wir 9000 Kilometer pro Jahr mit dem Flugzeug zurück: Rush Hour am Flughafen Kloten. Foto: Keystone

Es stimmt, die Schweizer sind Weltmeister im Zugfahren. Leider gehören wir mittlerweile aber auch beim Fliegen zu den führenden Ländern. Und das, obwohl die Schweiz ein kleines, zentral gelegenes Land ist und viele Tourismus-Destinationen gut mit dem Zug oder Bus erreichbar sind. 9000 Kilometer im Jahr legen wir im Schnitt mit dem Flugzeug zurück, der grösste Teil davon sind Privatreisen. Das ist mehr als dreimal so viel wie mit dem Zug. Die Zahl der Flugkilometer ist in den letzten Jahren kräftig gestiegen, und auch im Klimastreik-Jahr 2019 verzeichnen die Flughäfen und Fluggesellschaften Wachstum. Der Umbruch hat noch nicht einmal zaghaft begonnen.

8. Alte Geräte soll man rasch ersetzen

Keineswegs. Besser so lange wie möglich nutzen.

Moderne Kühlschränke oder Waschmaschinen brauchen weniger Energie als alte. Trotzdem ist es falsch, die alten Geräte wegzuschmeissen und neue zu kaufen. Sinnvoller ist es, sie bis zu ihrem Lebensende zu nutzen und sie nach Möglichkeit zu reparieren, wenn sie kaputt sind. Dies gilt besonders für Autos: Der Aufwand zur Herstellung ist so gross, dass sich ein vorzeitiger Ersatz aus Umweltsicht nur in den wenigsten Fällen lohnt, und sei der Neuwagen noch so sparsam. Ein weiteres wichtiges Beispiel ist das Smartphone, das wir im Schnitt alle zwei Jahre ersetzen – was für eine Verschwendung! Und dies bloss, weil das neue ein paar Funktionen mehr hat oder weil wir es fast gratis bekommen. Der ökologische Fussabdruck eines Smartphones ist gross, wir sollten alles daransetzen, es so lange wie möglich zu brauchen. Beim Kauf darauf achten, dass es gut in der Hand liegt, dann behält man es erwiesenermassen länger.

9. Die Schweiz muss Wasser sparen

Muss sie nicht. Sie hat genug davon.

Grundsätzlich befindet sich Wasser in einem Kreislauf und kann nicht «verbraucht» werden. Knapp werden kann es trotzdem, so wie das punktuell im sehr trockenen Sommer 2018 der Fall war. Solche Engpässe drohen häufiger zu werden, im Moment sind sie aber die Ausnahme. Solange das so ist, bringt es nicht viel, krampfhaft einzelne Liter einzusparen, zumal Hahnenwasser einen sehr kleinen Umwelt-Fussabdruck hat. Sinnvoll ist Sparen hingegen beim Mineralwasser und vor allem beim Warmwasser, denn darin steckt sehr viel Energie. In Schweizer Haushalten gehen 13 Prozent des Energieverbrauchs auf das Konto von Warmwasser.

Bio braucht viel Platz – deshalb ist es insgesamt negativ fürs Klima: Ein Biobauer im Hühnergehege. Foto: Keystone

10. Bio ist die Rettung

Nein, Fleischverzicht ist wichtiger.

Der Einfluss des biologischen Landbaus ist kleiner, als man meint. Es stimmt zwar, dass er sich positiv auf die Artenvielfalt und die Wasserqualität auswirkt. Auch verringert sich lokal der Treibhausgas-Ausstoss. Gleichzeitig sinkt aber auch der Ertrag. Um mit Bio gleich viel zu produzieren wie konventionell, braucht es mehr Fläche. Mehr Fläche bedeutet mehr Treibhausgas. In einer Gesamtbilanz ist Bio darum negativ fürs Klima – jedenfalls, solange wir unser Ernährungsschema beibehalten. Wer auf Bio-Produkte umsteigt, sollte gleichzeitig weniger Fleisch und Milchprodukte essen, dann sind die Auswirkungen sowohl für die Artenvielfalt als auch fürs Klima positiv.

*Der Autor zählt zu den renommiertesten Schweizer Wissenschaftsjournalisten. Für diesen Beitrag hat er die aktuellsten Studien unter die Lupe genommen und daraus die wichtigsten Erkenntnisse für unser Konsumverhalten destilliert. Sein Artikel «Tun Sie was!» zum gleichen Thema wurde kürzlich von den Akademien der Naturwissenschaften mit dem Prix Média ausgezeichnet.

(Schweizer Familie)

Erstellt: 07.11.2019, 10:14 Uhr

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