Eine lächelnde Leiche in einem leer stehenden Hotel

Krimi der Woche: Ein Polizist aus Manchester, der drogensüchtig war und sich auch sonst über Gesetze hinwegsetzt, steht im Mittelpunkt von «Smiling Man» von Joseph Knox.

Hat einen raffiniert konstruierten, vielschichtigen Noir-Krimi abgeliefert: Joseph Knox. <i>Foto: PD</i>

Hat einen raffiniert konstruierten, vielschichtigen Noir-Krimi abgeliefert: Joseph Knox. Foto: PD

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Der erste Satz
Es begann wie so oft mit einem Klopfen an der Tür.

Das Buch
Polizeibeamte sind nicht immer brave und gesetzestreue Bürger, jedenfalls in der Kriminalliteratur. Unangepasste Typen sind natürlich spannendere Romanfiguren. Dass sie sich mit ihren Vorgesetzten anlegen, ist längst alltäglich. Doch vor allem aus Grossbritannien kommen immer wieder Bücher, in denen Polizisten sich nicht nur gegen ignorante Chefs stellen oder mal ein bisschen grob werden, sondern sich oft weit jenseits der Gesetze bewegen. Ein drastisches Beispiel dafür ist Harry McCoy von der Polizei in Glasgow in einer neuen Noir-Roman-Serie von Alan Parks, die ich hier bereits vorgestellt habe: Er säuft, nimmt Drogen, paktiert mit Ganoven. Ein ähnlicher Typ ist Aidan Waits von der Polizei in Manchester, der jetzt in «Smiling Man» von Joseph Knox seinen zweiten Auftritt hat.

Detective Constable Waits, der eben eine Drogensucht überwunden hat, ist bei seinen Vorgesetzten in Ungnade gefallen und muss nun mit Detective Inspector Peter «Sutty» Suttcliffe, dem Kotzbrocken vom Dienst, Nachtschicht schieben in einer weitgehend als düster und verkommen geschilderten Stadt. «Drogen gab es hier an jeder Ecke, daher waren auch die Junkies nicht weit. Wie die Zombies schlurften sie, irgendwo zwischen Realität und Irrsinn, über die Strassen. Wirtschaftlicher Abschwung lässt das Drogengeschäft boomen, denn wenn sich die Leute ihre normalen Fluchten nicht mehr leisten können, suchen sie auf eine andere Art Vergessen.»

Die Fingerkuppen des mysteriös lächelnden Toten sind chirurgisch verändert worden.

Der junge Autor, Knox ist Anfang 30, verwebt in «Smiling Man» geschickt gleich mehrere Geschichten. Im Hauptplot geht es um einen mysteriös lächelnden Toten, der in einem stillgelegten Grandhotel gefunden wird. Hinweise auf seine Identität gibt es nicht, sogar seine Fingerkuppen sind chirurgisch verändert worden. Daneben kümmert sich Waits inoffiziell, dafür umso effizienter, um einen schmierigen Rechtspopulisten, der junge Frauen erpresst.

Eine zusätzliche Ebene bilden verstörende Geschichten um einen neunjährigen Jungen, der vom Freund seiner Mutter als Türöffner für brutale Raubzüge benutzt wird. In diesem Zusammenhang steht auch eine bedrohliche Figur aus Waits’ Vergangenheit, die plötzlich auftaucht und ihm nachstellt.

«Smiling Man» von Joseph Knox ist etwas weniger konventionell als die Krimis seines schottischen Kollegen Parks. Es ist ein raffiniert konstruierter, vielschichtiger Noir-Krimi. Hart und düster, aber auch mit trockenem Humor. Kraftvoll erzählt. Und mit einem Helden, oder eher Antihelden, von dem man gerne mehr liest. In England ist im Sommer bereits der dritte Roman der Reihe erschienen.

Die Wertung

Der Autor
Joseph Knox ist geboren in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre (er nennt sein Geburtsjahr nirgends) unter dem Namen Joseph Knobbs in Stoke-on-Trent in den englischen Midlands. Er studierte Englisch und arbeitete danach in Manchester und in Nottingham als Buchhändler bei Waterstones. Später zog er nach London, wo er für das gleiche Buchhandelsunternehmen noch bis 2018 als Einkäufer für Kriminalliteratur tätig war, während er bereits seine ersten beiden eigenen Romane schrieb und veröffentlichte. Seine eigenen Buchprojekte trug er schon seit dem Studium mit sich herum.

Acht Jahre arbeitete er an seinem Debüt «Sirens» (Deutsch: «Dreckiger Schnee», 2018), das 2017 erschien und in Grossbritannien zu einem Bestseller wurde. Darin führte er den jungen Detektiv Aidan Waits von der Polizei in Manchester als Hauptfigur ein. 2018 folgte der jetzt auf Deutsch erschienene Titel «The Smiling Man», und in diesem Jahr folgte als dritter englischer Band der Reihe «The Sleepwalker». Neben seiner Passion für Noir-Kriminalliteratur – nicht nur als Schreiber, sondern auch als Leser – ist Joseph Knox ein leidenschaftlicher Laufsportler. Er lebt in London.

br /> Joseph Knox: «Smiling Man – Das Lächeln des Todes» (Original: «The Smiling Man», Doubleday, London 2018). Aus dem Englischen von Andrea O’Brien. Knaur, München 2019. 445 S., ca. 23 Fr.

Alle weiteren Besprechungen finden Sie in der Collection «Krimi der Woche».

Erstellt: 27.11.2019, 14:05 Uhr

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