Erfolg suchen mit Voltaire

Auf dem Markt: Ein neues Buch oder Fussballer wie Jordi Quintillâ oder Aiyegun Tosin

Geboren in Lagos, entdeckt in Lettland, jetzt umjubelt von der Südkurve im Letzigrund: Aiyegun Tosin.

Geboren in Lagos, entdeckt in Lettland, jetzt umjubelt von der Südkurve im Letzigrund: Aiyegun Tosin. Bild: Keystone

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Ein Freund, Piero, hat ein Buch geschrieben. Es ist sein zweiter Roman und wie alle, die Bücher schreiben, möchte er auch gelesen werden. Sein Roman «Bittere Erde» spielt in Zürich und in Süditalien. Ein erfolgreicher Schweizer Werber und ein Vorarbeiter aus Apulien, der pensioniert ist, lernen sich kennen – es sind zwei gegensätzliche Typen, und die Affäre mit der Geliebten eines Mafioso bringt den einen in grosse Gefahr.

Nur wenige, die Bücher schreiben, können davon leben, 200 neue kommen im deutschsprachigen Raum heraus, pro Tag. Es gibt, wie im Sport, beim Film, in der Kunst oder der Musik auch in der Literatur solche, die sind so talentiert, dass die Chance da ist, dass sie einmal entdeckt werden und dann jedes neue Buch zu einem Erfolg wird.

Aber bei den meisten, in welcher Sparte auch immer, ist es Zufall, eine Begegnung, ein Augenblick, das Schicksal will es so. Das Schicksal wird schon seine Gründe haben, schrieb Voltaire einmal.

Daran dachte ich, als ich von zwei Fussballern las, deren Namen bei uns bis vor kurzem fast niemand kannte, die aber nun in St. Gallen und auf dem Letzigrund in Zürich bejubelt werden. Der Spanier Jordi Quintillà war einmal in Barcelonas Talentschmiede La Masia, er trainierte unter Pep Guardiola und mit Lionel Messi, aber er war offenbar nicht gut genug. Sein Weg führte nach Ajaccio auf Korsika, Kansas City und zuletzt nach Puerto Rico, er schien gescheitert – und seit einem Jahr, mit 26, bietet ihm St. Gallen die Möglichkeit, einen neuen Anlauf zu nehmen.

Der Nigerianer Aiyegun Tosin, geboren in Lagos, ist einer von vielen Zehntausend, die in Afrika den grossen Traum von Europa träumen. Sein Manager reiste mit ihm in viele Länder und bot ihn überall an - vergeblich. Erst in Lettland fanden sie einen Club, er schoss viele Tore – und der FCZ wurde auf ihn aufmerksam. Er habe, so erzählte er der NZZ, es erst gar nicht glauben können: «FC Zürich, ein grosser Club!» Er ist erst 20, er träumt wieder schöne Träume.

Silvio Blatter, ein Schriftsteller, der es geschafft hat, schrieb einmal in einem Buch den Satz: «Manchmal muss man am falschen Ort aussteigen, um am richtigen Ort anzukommen.» Puerto Rico (für Quintillà), Lettland (für Tosin) waren vielleicht die falschen Orte – oder eben doch die richtigen.

Und was heisst dies für Piero und die vielen Tausend, die Bücher schreiben? Vielleicht kommt der Tag noch, an dem sie jemand entdeckt. Zufällig.


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

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Erstellt: 03.12.2019, 10:43 Uhr

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