Fälschen für den Meisterfälscher

Ausgerechnet beim Text über Claas Relotius, der Reportagen für den «Spiegel» erfand, kam es auf Wikipedia zu Manipulationen.

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«Nein, ich bin nicht Claas Relotius», ­beteuert der Wikipedia-Autor, der sich «Snapperl» nennt. Er ist soeben überführt worden als Manipulator des Eintrags über den journalistischen Meisterfälscher. «Ich wollte etwas beitragen», versucht sich der Ertappte zu rechtfertigen, «nicht mehr, nicht weniger.» Es sind seine letzten Worte im Onlinelexikon. «Snapperl» taucht ab.

Mit ihm fliegt eine der grössten Manipulationsoperationen in der deutschsprachigen Ausgabe von Wikipedia auf. Gestoppt wird eine Aktion zur Rettung der Ehre des Claas Relotius.

Am 19. Dezember 2018, als der «Spiegel» selber publik machte, dass bei ihm in grossem Stil gefälscht worden war, existierte kein Wikipedia-Beitrag zum mit Preisen überhäuften Reporter. Eiligst wurde ein Text zum Fälscher Dutzender Reportagen und Interviews geschrieben. Noch im ersten Monat gehörte er zu den meistgeklickten. Bis heute ist der biografische Eintrag weit über 600'000-mal aufgerufen worden. Aktuell ist er 7000 Wörter lang, die 154 Fussnoten nicht mitgezählt. Anfangs war er kürzer – und kritischer.

Die Manipulatorengruppe beschönigt nach und nach Stellen zu Relotius’ Fälschungen.

Beim Onlinelexikon kann jeder mitmachen. Wie zum Beispiel «PreRap», der sich ab Februar in die Diskussion einschaltet. Gleich in seinem ersten Beitrag baut er eine Stelle ein, in der Relotius mit dem legendären Reporter Egon Erwin Kisch verglichen wird.

Sukzessive tauchen mehr als ein halbes Dutzend weitere Wikipedia-Debütanten auf. Sie gehen dreist vor. Und raffiniert. Die Manipulatorengruppe, die nicht als Gruppe wahrgenommen werden soll, beschönigt nach und nach Stellen zu Relotius’ Fälschungen. Den Rest des Lexikons ignoriert sie weitgehend. Nur da und dort werden Passagen über vergleichsweise kleine Fehler journalistischer Hochkaräter ausgeschmückt. Zu den so Angeschwärzten gehören Rechercheur Hans Leyendecker oder «Spiegel»-Kadermann Dirk Kurbjuweit.

Bei den ganz Grossen

Der Tenor: Die ganze Branche fälscht, Relotius ist einfach einer der genialsten unter vielen Schriftstellern im Journalismus. Kein Vergleich ist den Manipulatoren zu klein, um ihn ins Onlinelexikon zu übernehmen: Relotius wird als «Karl May unserer Tage» verharmlost; er habe auch etwas von Tom Wolfe, Paul Auster und Truman Capote, den ganz grossen US-Literaten.

Ende März tritt ein weiterer Neu­autor in den Dienst von Wikipedia. Er trägt einen besonderen Namen: «Klussmann». Nur die Schreibweise ist anders als beim neuen «Spiegel»-Chefredaktor Steffen Klusmann. Nun zünden «Klussmann» und verbündete Manipulatoren die nächste Stufe: Bislang wurde geschönt, gelöscht und gedreckelt. Ab ­sofort wird aber auch mit falschen und gefälschten Belegen operiert.

«Klussmann» ist auf Wikipedia mehr ­Löscher als Schreiber. Auf einen Schlag lässt er rund 15'000 Zeichen zu Relotius’ Modus Operandi bei Fälschungen verschwinden.

Relotius war bekannt dafür, dass er die unglaublichsten Protagonisten für seine Reportagen auftrieb. Oder erschuf. Ganz am Anfang seiner Karriere hatte er im kommunistischen Kuba einen sehr kapitalistisch agierenden Steuerberater porträtiert. Ein starkes Stück, an dem es nun starke Zweifel gibt, auch auf Wikipedia – bis «Klussmann» und seine Mitstreiter einen Beleg für die Existenz des Mannes heranschaffen: ein Jahrbuch einer deutschen Stiftung.

Der Beleg ist falsch. Im Jahrbuch steht nichts zur Steuerberatung im karibischen Sozialismus. Auf der angegebenen Seite geht es um die Aufarbeitung des Bürgerkriegs in Sri Lanka. «Das ist die Wahrheit», heisst ein Zwischentitel.

«Klussmann» ist auf Wikipedia mehr ­Löscher als Schreiber. Auf einen Schlag lässt er rund 15'000 Zeichen zu Relotius’ Modus Operandi bei Fälschungen verschwinden – das ist rund eineinhalbmal der Text, den Sie gerade lesen.

Verfälschung pflanzt sich fort

«So ist es nüchtern, neutral und korrekt», begründet «Klussmann» sein Löschen. Damit kommt er aber nicht durch. «Schönfärberei», kommentiert ein Wikipedia-Kontrolleur, «zurück zur letzten gesichteten Version.» Dagegen wehrt sich «Klussmann» noch scheu. Dann verschwindet er, spurlos. Postwendend tauchen neue Relotius-Manipulatoren auf – wieder mit ­falschen Belegen. Mit einem Artikel aus der «Basler Zeitung» soll untermauert werden, dass Relotius seine Preisgelder Kinderhilfswerken gespendet hat. Doch darin steht kein Wort darüber. Eine Untersuchungskommission durchleuchtet derweil das «Spiegel»-Œuvre des Meisterfälschers. Am 24. Mai stellt sie ihren Abschlussbericht vor. Die Wikipedia-Manipulatoren schrecken danach nicht davor zurück, Stellen daraus zu verfälschen. Sie gehen subtil vor. Aus «Manipulationen», von denen die Kommission schreibt, machen sie «Kurzgeschichten und Fiktion».

Die winzige Verfälschung pflanzt sich fort. Die «Berliner Morgenpost» übernimmt die geschönte Stelle über «Kurzgeschichten und Fiktion» ungeprüft aus Wikipedia. Relotius erscheint damit nun auch ausserhalb des Onlinelexikons nicht mehr als Manipulator, sondern als Kurzgeschichten-Schreiber, der sich in der Branche geirrt hat.

Auf wiederholte ­Anfragen zum Thema dieses Artikels an Relotius’ Anwalt erfolgt keine Antwort.

«PreRap» beginnt im Juli, eine der traurigsten Relotius-Fälschungen zu verteidigen. Er will erreichen, dass ein Gespräch mit einer Holocaust-Über­lebenden als echt anerkannt wird. Das ist nicht ganz einfach: In einer «Spiegel»-Nachprüfung sagt die Hundertjährige aus den USA, Relotius habe ihr Worte in den Mund gelegt. «PreRap» ­behauptet, das stimme nicht, und regt an, eine angebliche Richtigstellung zu übernehmen, «am besten, ohne die alte Dame ‹alt› aussehen zu lassen». Andere Wikipedianer suchen nach der Richtigstellung. Vergebens.

Der Showdown auf Wikipedia beginnt, als im September «Tausend ­Zeilen Lüge» erscheint. «Spiegel»-­Mitarbeiter Juan Moreno, der seinen ­Kollegen im Alleingang entlarvt hatte, schildert im Buch seine Sicht des Falls. Relotius reagiert. Er geht juristisch gegen Verlag und Autor vor. «Ich muss keine unwahren Interpretationen und Falschbehauptungen von Juan Moreno hinnehmen», begründet er seine Abmahnung. Er sei sich seiner «grossen Schuld heute sehr bewusst» und stelle sich allem, wofür er verantwortlich sei.

Offensichtlich schliesst dies Fragen nach den Manipulationen auf Wiki­-pedia nicht mit ein. Auf wiederholte ­Anfragen zum Thema dieses Artikels an Relotius’ Anwalt erfolgt keine Antwort.

Fiktive Meldung

Den Wikipedia-Manipulatoren missfällt vieles in Morenos Buch. Sie versuchen teilweise jene Passagen aus dem Lexikon zu tilgen, die Relotius auf dem Rechtsweg bekämpft. Zentral ist eine seiner frühen Behauptungen: Relotius hatte gesagt, er könne eine Stelle beim «Spiegel» wegen seiner kranken Schwester nicht antreten. Relotius hat aber nur einen Bruder. Nichtsdestoweniger behauptet «PreRap», die Sache sei ­strittig. Erfahrene Wikipedianer suchen die Belege, die er dafür angibt, doch sie finden nichts. «PreRap» gerät in Erklärungsnot.

Da taucht plötzlich ein neuer Wikipedia-Autor auf und springt ihm bei – «Snapperl». Er lädt einen Screenshot hoch, eine Medienseite aus der «Welt». Darauf findet sich eine Kurzmeldung, die alles beweist: Ein früherer «Spiegel»-Ressortleiter will wegen Falschangaben zur erkrankten Schwester gegen Moreno rechtlich vorgehen. Die Wikipedianer steigen ins «Welt»-Archiv und finden dort weder die Kurzmeldung noch die Medienseite. «Ehrlich gesagt, verfestigt sich bei mir auf dieser Grundlage der Eindruck, dass es sich bei ­deinem ‹Screenshot› um einen Fake handelt, Snapperl», schreibt einer von ihnen. «Snapperl» antwortet: «Entschuldige, aber das wird mir jetzt zu paranoid.» Der angeblich paranoide ­Wikipedianer fragt «Snapperl», welche Interessen er verfolge: «Persönliche vielleicht? So wirkt es fast.»

«Snapperl» entfernt seinen Screenshot und antwortet: «Nein, ich bin nicht Claas Relotius.»

Doch die Fälschung ist bewiesen. Wikipedia-Kontrolleure leiten umgehend ein Check-User-Verfahren ein.

Acht Benutzerkonten werden überprüft. Bei dreien davon – zu ihnen gehört «Klussmann» – gibt es keine verlässlichen Resultate, da die Manipulatoren zu lange nicht mehr aktiv waren. Bei den übrigen ist das Ergebnis eindeutig und verheerend: Fünf Wikipedia-Accounts, darunter «PreRap» und «Snapperl», wurden über denselben Rechner gesteuert. Wegen massiver Manipulationen werden sie am 30. September gesperrt.

«PreRap» hatte, wohl durch einen Lapsus, einmal seine IP-Adresse preisgegeben. Damit lässt sich der Ort eingrenzen, von dem die Manipulierungsaktion mutmasslich gesteuert wurde. Indizien deuten auf den Umkreis der norddeutschen Gemeinde Seevetal hin, wo auch die kleine Ortschaft Tötensen liegt. Von dort stammt Claas Relotius.

Erstellt: 07.11.2019, 21:53 Uhr

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