Wie die Engel flügge wurden

Othmar Keel zeigt in einer Ausstellung, dass die Boten Gottes ihre Vorfahren in der Antike haben. Auch wenn sie in den Evangelien kaum vorkommen, bevölkern sie die christliche Kunst zahlreich.

Musizierender Eros, Apulien, 330–270 vor Christus. Fotos: Francesco Ragusa (Mahf)

Musizierender Eros, Apulien, 330–270 vor Christus. Fotos: Francesco Ragusa (Mahf)

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Machen Sie in Ihrem Alltag Erfahrungen mit Engeln?
So wie viele andere Leute solche Erfahrungen zu machen meinen: nein. Ich erlebe aber in gewissen Leuten, vor allem in Frauen, die mir Freude machen, engelhafte Wesen. So wie das auch in der Literatur, in der Lyrik bezeugt wird, von Mörike etwa: «Wenn ich von deinem Anschauen tief gestillt mich stumm an deinem heiligen Wert vergnüge, dann höre ich die leisen Atemzüge des Engels, welcher sich in dir verhüllt.»

Das sind für Sie Engel: Sie spiegeln aussergewöhnliche Erfahrungen, die den Alltag transzendieren.
Ja, man macht Erfahrungen, die das Alltägliche übersteigen wie Erfolg oder Liebe, und erhebt diese Alltagserfahrungen in einen engelhaften Zustand. Eine spezielle Form von Engel entsteht, wenn man von etwas geschützt wird, einer Gefahr entgeht. Dann sagt man: Der hat einen guten Schutzengel gehabt. Wenn dann aber doch etwas passiert, sagt niemand: Der hat keinen Schutzengel gehabt. Es braucht eine Erfahrung, die man als nicht alltäglich erfährt und als Engel interpretiert. Man könnte ja auch ganz einfach sagen: Er hat Glück gehabt.

Die «Engelwelten», die Sie in Freiburg zeigen, haben nichts mit verkitschten Esoterikengeln zu tun.
Nein. Es gibt sogar Leute, die sich als Engelsforscher bezeichnen. Das finde ich unpassend. Forscher meint doch jemanden, der etwas rational verstehen will und nicht unterschiedliche Phänomene zusammenmischt. Bei den Engeln überwiegt das Geheimnis, sie sind rational nicht auflösbar. Engel entstehen auf ähnliche Art wie Gott: Es ist eine Erfahrung, die man macht und der man eine Deutung gibt. Nur führt man sie bei den Engeln nicht direkt auf die höchste Instanz zurück.

Abgesehen von der Anziehung durch engelhafte Frauen würden Sie aber für sich selber solche Erfahrungen nicht als Engel interpretieren?
Ich habe mich früher überhaupt nicht für Engel interessiert. Die Frage ist ja auch, was ein Engel ist. «Engel» ist in unserer Sprache ein griechisch-römisches Fremdwort und bedeutet Bote, Gesandter. Eigentlich müsste man schreiben: «Ein Bote kam zu Maria» und nicht: «Ein Engel kam zu Maria». Das Wort «Angelos» aus dem griechischen Neuen Testament wurde nicht übersetzt, so sind Engel eine eigene Gattung geworden. In der christlichen Kunst wurden Engel bis um 400 nach Christus als flügellose Männer dargestellt.

Ein Schutzengel wacht über ein krankes Kind, 19. Jahrhundert, anonym.

Männer ohne Flügel?
Ja, in der Bibel treten Engel als flügellose Männer auf. Sie brauchen, wie in der Traumvision Jakobs, eine Treppe oder eine Leiter, um auf Erden zu kommen. Noch in den Katakomben wurden sie so dargestellt. Das einzig Überraschende an ihnen war: Sie stehen plötzlich da und verschwinden wieder. Weil sie plötzlich da sind, sagen die Engel meistens auch: Fürchte dich nicht! Etwa im Buch Tobit, wo ein Bote Tobias auf seiner Reise begleitet. Als er von diesem seinen Lohn bekommen soll, verschwindet er und sagt: Ich bin ein Bote Gottes.

Seit wann haben die Engel Flügel?
Die christlichen Engel verdanken ihre Flügel der griechisch-römischen Siegesgöttin Nike/Victoria. Es war vor allem diese antike geflügelte Figur, die dazu geführt hat, dass man sich im christlichen Abendland Engel geflügelt und weiblich vorstellt. Die sehr einflussreiche Victoria diente vor allem dazu, die Vergöttlichung des römischen Kaisers zu symbolisieren. Häufig trugen zwei Victorien den Schild mit den kaiserlichen Tugenden. Seit 400 nach Christus hat man den Kaiser durch Christus als den wahren Herrscher der Welt ersetzt, wobei die Victorien zu Engeln wurden, die das Christusmonogramm tragen.

Der griechisch-römische Gott Eros/Amor war auch ein Flügelwesen?
Kein anderes vorchristliches geflügeltes Wesen hat das christliche Engelsbild so nachhaltig beeinflusst wie der Gott Eros/Amor. Eros war zuerst ein jugendlicher Gott, so wurde er von den griechischen Bildhauern verewigt. Erst im Hellenismus hat man Eros beziehungsweise die Eroten als Kind oder Kindergruppe dargestellt. Die Kinderengel, später Putten genannt, bevölkern besonders im Barock die Kirchen und schaffen eine himmlisch-heitere Atmosphäre. Sie haben also keinerlei biblische, sondern heidnische Ahnen.

Auch in der berühmten Bernini-Skulptur, die eine Vision der Theresa von Avila darstellt, erscheint ihr ein Engel mit Pfeil – handelt es sich also um Eros?
Der jugendliche Engel, der Theresa den glühenden Liebespfeil ins Herz rammt, ist genauso dargestellt wie der Gott Eros oder Amor. Dem entspricht Theresas Verzückung, die dem Betrachter einen Orgasmus suggeriert. Gebildete Zeitgenossen Berninis haben seiner Skulptur vorgeworfen, heidnisch zu sein, aber Bernini hat sich damit verteidigt, die Vision Wort für Wort umgesetzt zu haben.

Sie erstellen eine Genealogie der unterschiedlichen Engelsvorstellungen in der abendländischen Kultur. Betrieben Sie also Ahnenforschung der Engel?
Die ganze Ausstellung in Freiburg betreibt Ahnenforschung. Sie zeigt, welche ägyptischen, mesopotamischen, griechischen und römischen Gestalten den einzelnen christlichen Engeltypen Modell gestanden haben. Dabei findet wie bei jeder Renaissance eine Umbildung statt. Immer wenn etwas von einer fremden Kultur in eine andere übernommen wird, wird die Kultur, die aufnimmt, beeinflusst, beeinflusst aber auch jene, die liefert. Das sieht man heute beim Islam. Er muss eine mit westlichen Werten kompatible Form annehmen; der Westen muss lernen, den Islam zu akzeptieren.

Engel haben heidnische Ahnen. Entspricht das Ihrer «Vertikalen Ökumene», die Folgereligionen als Generationen oder als Stockwerke eines Turms betrachtet?
Genau. Alle drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam haben die Tendenz, sich scharf vom Heidnisch-Paganen abzugrenzen. In Wirklichkeit sind die Unterschiede zwischen den dreien grösser als angenommen und die Unterschiede zum Paganen kleiner, als sich die drei monotheistischen Religionen eingestehen. In vielen christlichen Engelsgestalten leben jahrtausendealte Erfahrungen aus ägyptischer, griechischer und römischer Zeit weiter. In der christlich-europäischen Tradition werden viele Wesen als Engel bezeichnet, die ursprünglich etwas anderes sind. 1975 während eines Freisemesters in Jerusalem habe ich entdeckt, dass die Serafim ursprünglich geflügelte Schlangen waren. Das weckte mein Interesse an der Genealogie der Engel erst.

Was sind Serafim?
Es sind Mischwesen, tiergestaltige Engel wie die Kerubim. Serafim und Kerubim waren ursprünglich eine Art Leibwächter, Bodyguards mit abschreckender Wirkung. Der Kerub ist ein geflügeltes Mischwesen mit Löwenkörper und Menschengesicht, das seinen Ursprung im ägyptischen Sphinx hat. Im Alten Testament bewachen Kerubim den Zugang zu Garten Eden und Lebensbaum. Die ursprüngliche Gestalt der Serafim ist die Speikobra, die geflügelte Schlange Ägyptens, die auf der Stirn des Pharao oder über Tempeleingängen erscheint.

Und im Alten Testament?
Im Alten Testament erscheint die geflügelte Schlange in der Wüste oder in der Vision in Jesaja, Kapitel 6. Dort schildert der Prophet, wie er Jahwe im Tempel auf einem Thron hat sitzen sehen. Zwei Serafim mit sechs Flügeln schweben über ihm und zischen: Qadosch, qadosch, qadosch – «Heilig, heilig, heilig!» Dieser Ruf der Serafim ist zum ältesten Kirchenlied geworden. Und die Botschaft ist: Achtung, das ist gefährlich, weil es heilig ist, unnahbar und unantastbar.

Es gibt auch erschreckende Engel: den Todes- oder den Würgeengel etwa.
In Herta Müllers Roman «Atemschaukel» gibt es den Hungerengel. Josef Mengele nannte man den Todesengel von Auschwitz. Diese Engel spiegeln nicht alltägliche, nachhaltige Erfahrungen mit dem Bösen. Dass es nur den Todesengel, nicht aber den Geburtsengel gibt, hat mit der männlichen Deutungshoheit zu tun: Obwohl die Geburt eine genauso urmenschliche Erfahrung ist wie der Tod, gehört sie zur Frau.

In der christlichen Literatur und der bildenden Kunst wimmelt es von Engeln. Dabei gehen die Evangelien bei der Gestalt Jesu mit Engeln sehr zurückhaltend um.
Dort kommen Engel nur einmal vor. Nach der Versuchung Jesu in der Wüste heisst es: «Da kamen Engel und bedienten ihn.» Bei der Gefangennahme in Gethsemane weist Jesus eine Präsenz von Engeln ausdrücklich zurück. Aber in der christlichen Kunst sind die Engel im Leben Jesu von der Geburt bis zur Grablegung sehr zahlreich vorhanden.

Wie ist diese Zurückhaltung in den Evangelien zu verstehen?
Es wäre ja nicht verständlich, dass Jesus verhaftet und gekreuzigt werden kann, wenn er von Engeln umgeben wäre. Er wäre dann gar nicht richtig Mensch geworden. In den Evangelien will man Jesus ja gerade als Menschen darstellen. Als Mensch aber hat er nicht Engel um sich, die ihn ständig gegen alles schützen.

Erzengel Michael, der gegen Satan und den Drachen kämpft, ist für Sie der gefährlichste Mythos aller. Ist er nicht hilfreich im innerpsychischen Kampf gegen das Böse?
Ich habe ein Problem mit all den Drachenkämpfern. Innerpsychisch sollte man ja den Schatten nicht töten, sondern integrieren. Gefährlich ist der Mythos, weil er dazu führt, die eine Seite als absolut gut und die andere als absolut böse zu sehen: Es gibt keinerlei Versöhnungsmöglichkeit mehr. In der Politik ist der Drachenkampfmythos verheerend. In der Jesuitenkirche St. Michael in Freiburg sind die Reformierten als Teufel und Drachen dargestellt, bekämpft von Erzengel Michael, dem Symbol des einzig wahren katholischen Glaubens. Unsere Ausstellung zeigt auch zwei Naziplakate, wo der arische Held Judentum und Bolschewismus in Form eines Drachen tötet.

Erstellt: 11.12.2017, 22:46 Uhr

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Engelwelten in Freiburg

Zu seinem 80. Geburtstag am 6. Dezember hat sich Othmar Keel selber ein Geschenk gemacht: die Ausstellung «Engelwelten» im Museum für Kunst und Geschichte in Freiburg. Anhand von Bildern, Miniaturen, Rollsiegeln und Skulpturen zeigt er, dass die Engel, die unsere christliche Kultur bevölkern, ihre Vorfahren in den ägyptischen, mesopotamischen, griechischen und römischen Kulturen haben. Keel entwirft erstmals systematisch eine Genealogie der Engel. Die Ausstellung hat acht Abteilungen: Engel als Boten und Wegbegleiter; tiergestaltige Engel; Kerubim und Serafim; Schutzgöttinnen und Schutzengel; Nike/Victoria als geflügelte Siegesgöttin; Kinderengel Eros/Amor und Putti; die Organisation des himmlischen Hofstaates sowie der Drachenkampf als gefährlicher Mythos. (Red)

Bis zum 25. 2. Katalog «Engelwelten»: Othmar Keel, 196 Seiten, 110 Farbbilder, 39 Fr.

Othmar Keel

Emeritierter Alttestamentler und Ägyptologe der Universität Freiburg

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