Geld verdienen mit einem bröckelnden Gebiss

Stücke der Berliner Mauer sind so gefragt wie lange nicht – auch als Symbol in einer von Trump und Brexit geprägten Zeit der Abschottung.

30 Jahre Berliner Mauerfall: Ein Tag fürs deutsche Kollektivgedächtnis. Video: SDA

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An einem Donnerstagmorgen, lange vor Tagesanbruch, tigert der Mauerhändler nervös über einen dunklen Hof. Er braucht jetzt dringend eine Steckdose.

Eigentlich ist alles fertig: die Ware steht zur Abholung bereit, 3,60 Meter hoch, 2,7 Tonnen schwer. Ein ganzes Segment original Berliner Mauer. Übermorgen kommt die Spedition, sie wird das Stück zum Flughafen Tegel karren. Die Ware muss per Luftfracht in die USA. Vorher aber, so der Wunsch des Kunden, soll das Mauersegment bemalt werden. Hier auf dem Hof. Von einem jungen Künstler mit Undercut und Röhrenjeans, der jetzt etwas ratlos mit seinen Farbdosen auf dem Hof steht – unter dem Arm einen Projektor. Um das gewünschte Motiv auf die Mauer zu malen, braucht er, neben Dunkelheit: Strom. «Hat man mir natürlich nüscht von gesagt», brummt er und verschwindet in einem Gebäude.

Wenn der Fall der Mauer, wie aktuell, ein rundes Jubiläum feiert, ist der Mauerhändler im Stress. Die gute Art von Stress. Schliesslich verdient er in solchen Jahren deutlich mehr Geld als sonst. Jens Wordelmann, so heisst der Händler, vertreibt das, was nach ihrem Fall übrig ist von der Mauer. Er ist einer von einer Handvoll Händlern und Künstlern, die bis heute gut vom «Antifaschistischen Schutzwall» leben.

Besonders in den USA sind Mauerreste gefragt. Als Symbol für den Sieg über den Kommunismus

Wordelmann verkauft nicht die kleinen Stückchen, die sie in den Souvenirläden am Checkpoint Charlie anbieten. «Ich mach die grossen Brocken», sagt er: Faustgrösse aufwärts. Ganze unbeschädigte Segmente sind am einträglichsten, er verkauft sie für rund 10'000 Euro. Aber sie sind inzwischen selten. So selten, dass die Adresse des Hofs, auf denen sie lagern, und ihre genaue Anzahl geheim bleiben sollen. In Wordelmanns Katalog findet sich sogar ein ganzer Mauerwachturm, den er auf Kommission verkauft. Kostenpunkt: 50'000 Euro, Lieferzeit: zwei Wochen. Der sei allerdings ein Ladenhüter, gibt er zu.

Für Deutsche mag das seltsam klingen: Geld verdienen mit den Resten eines Bauwerks, an dem Menschen getötet worden sind, eines Symbols für den Unrechtsstaat DDR. Aber Deutsche seien da auch «so ‹ne Art Kulturbanausen», findet Wordelmann. Die meisten seiner Kunden kommen aus den USA. Und dort sehe man das anders: die Mauer als Symbol für den Sieg. Über den Kommunismus, über die Unfreiheit. Vor allem für den Sieg Amerikas.

Tatsächlich ist der Grossteil der mehr als 500 Mauersegmente, die nach Schätzungen in den letzten dreissig Jahren verkauft wurden, in die USA gegangen. Sie stehen dort vor so patriotischen Orten wie der CIA-Zentrale in Langley oder der Präsidentenbibliothek Ronald Reagans in Kalifornien. Aber auch vor dem «Wende Museum» in Los Angeles und hinter dem Pissoir eines Casinos in Las Vegas. Je nachdem wo man hinschaut, ist die Mauer über die Jahrzehnte zum Heiligtum geworden oder absolut profan.

Das Segment, das an diesem Morgen bemalt werden soll, geht nach Washington D.C. Es ist ein Geschenk an Donald Trump, von einem deutschen Verein namens «Die offene Gesellschaft». Wordelmann hat inzwischen ein Stromkabel aus dem Fenster eines Gebäudes gelegt, der Künstler schreibt jetzt in Schönschrift eine Art Brief auf den Beton: «Dear President Trump. This is an original piece of the Berlin wall.» Es folgt ein leidenschaftlicher Appell, dass Mauern Probleme nie dauerhaft lösten, weder damals noch heute. Wordelmann liest die ersten Worte, nickt beiläufig, dann dreht er sich weg – er ist Händler, kein Politiker.

Erst im Frühjahr lieferte Wordelmann für Angela Merkel ein grosses Stück nach Italien. Die Kanzlerin schenkte es dem Franziskanerorden in Assisi. Zeiten, in denen Politiker wieder von echten Grenzmauern schwadronieren, sind eben auch gute Zeiten für Händler von Mauerresten.

Bald fing die DDR an, die berühmten Mauergemälde zu fälschen

Und das ist nicht die einzige ironische Wendung in der Geschichte des Mauerhandels. Tatsächlich verwandelte sich der «Antifaschistische Schutzwall», der die DDR-Bürger ja angeblich vor dem bösen Kapitalismus schützen sollte, buchstäblich über Nacht selbst in ein kapitalistisches Spekulationsobjekt. Es begann ein Miniaturlehrstück über die Verführungskraft des Geldes, die Macht von Angebot und Nachfrage, der selbst die Führungsriege des einstürzenden Arbeiterstaats nicht widerstehen konnte.

Der Historiker Ronny Heidenreich hat den skurrilen Goldrausch nach dem Mauerfall im Auftrag der Bundesstiftung Aufarbeitung erforscht. Schon am 10. November erhielt die DDR-Führung erste Angebote, «nicht benötigte Teile Ihrer Grenzsicherungsanlagen» gegen Devisen zu verkaufen. Schnell erkannte man, dass hier viel Geld zu machen war: zwischen 800 und 500'000 DM, schätzte der DDR-Aussenhandelsminister. Umgehend liess man die wertvollsten Stücke der Mauer, nämlich die 300 Meter, die auf der Westseite von Künstlern wie Keith Haring oder Thierry Noir bemalt waren, bei Nacht abbauen.

Was dem Regime über Jahrzehnte als lästige «Schmierereien» gegolten hatte, erklärte es nun offiziell zur Kunst. Und liess es monatelang in einem Versteck bewachen. Ausgerechnet von DDR-Grenzern. Ein Ost-Unternehmen namens Limex wurde beauftragt, die Mauerstücke zu verkaufen. Bald merkte man, dass die Nachfrage das Angebot weit überstieg. Und dass man den Umsatz steigern könnte, wenn es nur mehr bemalte Segmente gäbe! Also vergrösserte man das Angebot: Namenlose Künstler bekamen ein kleines Honorar, wenn sie graue Elemente im Stil der berühmten Mauermaler besprühten. Eines dieser gefälschten Mauergemälde steht bis heute vor der Reagan-Bibliothek.

Aber nicht nur die DDR-Führung machte dubiose Geschäfte. Ein US-Kaufhaus verschiffte noch im November 1989 rund 60 Tonnen angeblichen «Mauerschutts» in die USA, für das Weihnachtsgeschäft. Dass diese Menge an Material zu diesem Zeitpunkt unmöglich echt sein konnte, störte niemanden. Für Jens Wordelmann, den Mauerhändler, war das die Zeit des «Raubrittertums». Der weltweite Hunger auf Brocken des gestürzten Bauwerks schien unersättlich zu sein.

Heute kaufen die Leute fast nur noch zu Jahrestagen grosse Stücke. So selten, dass es im September einen kleinen Skandal auslöste, als Heidi Klum ein Hochzeitsgeschenk von Tom Kaulitz in den Garten gestellt bekam – ein ganzes Segment mit einem Porträt ihrer selbst auf der einen und von Kaulitz auf der anderen Seite. Die Autorin Sarah Kuttner, gebürtige Ostberlinerin, kritisierte das auf Twitter mit dem Hinweis, an der Mauer «wurde geweint, geschossen und gestorben» – und jetzt sei sie Gartendekoration für Heidi?

Jens Wordelmann ist Westberliner, vielleicht hat er schon deshalb einen milderen Blick auf die Sache. Er kam erst zehn Jahre nach dem Mauerfall ins Geschäft. Ebay war damals in Deutschland neu, er stellte für einen Freund ein paar Brocken ins Netz. Als er merkte, welche Preise er dort verlangen konnte, sattelte er aus der Fitnessbranche um und begann, als «luckyseller28» hauptberuflich Mauerschutt zu vertreiben. Sein Startkapital machte er, als er zwei komplette Segmente aus Süddeutschland für einen Euro ersteigerte, und kurz darauf nach Amerika verkaufte. Für 17'000 Euro das Stück.

Damals, im Sommer 1990, war der Goldrausch aber bald zu Ende. Denn als die DDR und damit Limex zerfiel, konnte sich plötzlich jeder an der Mauer bedienen. Private Bauunternehmen rissen sie kilometerweise ab. Mauerstücke fluteten den Markt. Heute, dreissig Jahre später, leeren sich die Lager allmählich, die Preise ziehen an. Gelegentlich kommt es noch zu Überraschungsfunden: Vor ein paar Jahren entdeckte der Besitzer eines Bauernhofs in Mecklenburg-Vorpommern, dass sein Schweinestall aus Teilen der Berliner Mauer gebaut war. Er liess sie im Stil von Keith Haring bemalen und versteigerte sie.

Die Regeln des Marktes sind speziell: Ganze Mauerstücke sind fast nur verkäuflich, wenn sie von der Westseite der Grenzanlage stammen. Gefragt sind die L-förmigen Elemente der dritten Mauergeneration, Typ UL 12.41, gebaut aus Sand, Kies und Rüdersdorfer Zement. Die Mauer auf der Ostseite des Todesstreifens, die sogenannte Hinterlandmauer, lässt sich dagegen nur schwer zu Geld machen. Nicht weil sie weniger schön wäre – sie besteht aus gleichmässigen rechteckigen Platten -, sondern weil die weltweite Presse in den Tagen des Mauerfalls nun mal alle Bilder von Westen aus schoss. Ein Bauarbeiter namens Volker Pawlowski machte in diesen Tagen das Geschäft seines Lebens. Er lagerte Hunderte unbemalte Mauerstücke ein, hackte sie klein und verkaufte sie auf Ansichtskarten und Lesezeichen. Bis heute ist er Marktführer für Mauersouvenirs – auch wenn hin und wieder Vorwürfe laut wurden, manche der Splitter seien gefälscht.

Er möchte kein Interview mehr geben. Nicht alle hatten so viel Erfolg. Hans Martin Fleischer etwa. Er steht am Potsdamer Platz, Wuschelfrisur und Brille, neben dem berühmten einzelnen Mauersegment, das dort mitten im Verkehr neben einer Ampel steht. Es ist Teil des Stadtbilds, seit vielen Jahren. Aber: Es gehört ihm. Alle paar Monate kommt er her und kokelt mit einem Gasbrenner die Kaugummis runter – ein Spektakel, «die Touristen lieben das». Ansonsten interessiere das Stück kaum jemand. Und er hat aufgegeben, nach Käufern zu suchen. Fleischer ist einer von denen, die ebenfalls ein Geschäft witterten – dann aber Pech hatten.

Seit 30 Jahren bemalt er im Grunde Mauertrümmer und Trabis

Damals gelang es ihm mit viel Verhandlungsgeschick, sich die wohl ikonischsten Stücke der Mauer überhaupt zu sichern: jene, die am Abend des 11. November vor der Weltpresse am Potsdamer Platz als erste von einem Kran herausgehoben wurden. Die erste Zahnlücke im bröckelnden Gebiss des Ostblocks. Der Wirtschaftsstudent Fleischer zahlte der Limex damals 46'000 DM und war sich sicher: Das ist die Geldanlage meines Lebens.

Die vier berühmten Stücke stehen bis heute in einer ehemaligen Turnhalle in Brandenburg, unter einer blauen Plane. Denn Fleischer blieb damals auf seinen Stücken sitzen. Sein Pech: Mitten auf dem zentralen Segment prangt ein gesprühtes Hakenkreuz. Historischer Wert hin oder her – selbst die Stadt Berlin hatte kein Interesse, die Stücke auszustellen. So steht lediglich eines davon auf dem Potsdamer Platz und wird langsam mit Kaugummi glasiert. Fleischer kann darüber schmunzeln. Aber seltsam sei es schon, sagt er zur Verabschiedung: dass gerade die löchrige Strickjacke von Kurt Cobain für 334'000 Dollar versteigert wurde, während seine historisch einmaligen Stücke in einer dunklen Halle verstaubten.

Die Mauer mag als exzentrische Gartendeko dienen, als patriotische Trophäe – als langfristige Wertanlage aber hat sie sich für kaum jemanden gelohnt. In England versteigerte ein Auktionshaus im Frühjahr einige vollständige Segmente, aufwendig bemalt. Für 12'000 Pfund, «ein enttäuschender Preis», sagt der Auktionator am Telefon. Die Stücke gingen, natürlich, an einen Amerikaner. In Blickweite von Fleischers einsamem Mauerstück lässt sich ein Mann mit schwarzem Kapuzenpulli in einen Caféstuhl fallen. Er ist vielleicht derjenige, der am meisten Glück mit der Mauer hatte. Thierry Noir, gebürtiger Franzose und bekannt als «der» Mauerkünstler, bestellt zwei Rosinenschnecken und einen Schokomuffin.

Hier am Leipziger Platz malte er einige seiner ersten bunten Figuren an die Westseite der Mauer, die mit den grossen Nasen im Profil. Seit sie 1987 in Wim Wenders Film «Der Himmel über Berlin» auftauchten, als erster Farbfleck in einer bis dahin schwarz-weissen Welt, ist Noir Teil der Mauer-Ikonografie. Einige der von ihm bemalten Elemente stehen bis heute am Leipziger Platz, gut gepflegt und viel bestaunt. Noir ist jetzt 61. Gerade hat er ein Stück Mauer vor dem Kriegsmuseum in London neu bemalt.

Davor das Geschenk für Heidi Klum. Im Grunde bepinselt er seit 30 Jahren nichts anderes als Mauertrümmer und Trabis. Aber die Tristesse, gegen die er damals anmalte, die Brutalität einer Mauer mitten in der Stadt, die verstehe heute keiner mehr. Eine junge Journalistin habe ihn kürzlich gefragt, wo genau er damals eigentlich gelebt habe: in Ost- oder in Westberlin? Er sieht es als Indiz dafür, dass er am Ende vielleicht doch Erfolg hatte.

Erstellt: 09.11.2019, 14:45 Uhr

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