«Gibt es keine friedliche Lösung, wird es übel enden»

So hat Fifa-Präsident Gianni Infantino Chefaufseher Domenico Scala abgesetzt – die Tonbandaufnahmen.

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Es war am 13. Mai 2016, als Gianni Infantino seinen ersten Fifa-Kongress als Präsident leitete. Im Vorfeld kam es zu Sitzungen des Fifa-Rats, der für die Strategie zuständig ist. Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» veröffentlichte protokollierte Passagen daraus. Es ging darum, wie man versuchte, Chefkontrolleur Domenico Scala loszuwerden. Infantino sagte dazu letzte Woche im Interview: «Es handelt sich dabei um Auszüge, die aus dem Kontext gerissen wurden und mir schaden sollen.» Die Tonaufzeichnungen, die bislang der FAZ exklusiv vorlagen, konnten nun von der SonntagsZeitung angehört werden. Sie belegen die von der FAZ gemachten Aussagen aus den Council-Sitzungen in Mexiko-Stadt.

Die Tonaufnahmen aus den Sitzungen des Fifa-Rats.
Kurzversion der Fifa-Rat-Tonaufnahmen.

Eingangs der ersten protokollierten Sitzung am 10. Mai werden alle Ratsmitglieder darauf hingewiesen, dass die Sitzung aufgenommen werde. Dann beklagt sich Infantino über die strengen Regeln der Fifa bei der Abrechnung von Spesen, die man ihm nicht auszahlen wollte, da er eine pauschale Spesenvergütung erhält. Er schlägt eine Regelung vor, wonach der Rat ein Jahr lang Mitglieder der Kontrollgremien neu ernennen oder entlassen kann. Bislang darf das nur der Fifa-Kongress. Weiter erfährt man, dass er den Arbeitsvertrag, der ihm ein Millionen-Salär zusichern würde, nicht unterschrieben hat. Infantino (wörtlich, aus dem Englischen übersetzt): «Ich habe zurzeit keinen Vertrag mit der Fifa. Ich habe den Vertrag, der mir vom Vorsitzenden der Audit- und Compliance-Kommission (Domenico Scala, d. Red.) vorgeschlagen wurde, nicht unterschrieben. Ich habe das Angebot nicht akzeptiert, weil es beleidigend war. (...) Mein Vorgänger hat letztes Jahr 3,6 Millionen erhalten. Das Angebot für mich war weniger als die Hälfte davon.»

Nachdem der Präsident vor den Council-Mitgliedern den Lohn seines Vorgängers Sepp Blatter enthüllt hatte, sagt er, dass die Zahlen nicht der Wahrheit entsprachen. Infantino: «Sie wissen, dass mein Vorgänger und der letzte Generalsekretär sehr viel mehr verdient haben, als im veröffentlichten Bericht steht. Um das zu verstehen, reicht es, sich die letzten beiden Berichte anzusehen. Da gibt es eine Diskrepanz von 10 Millionen in den Löhnen. (...) Und da Ihre Gehälter gleich geblieben sind, können Sie sich vorstellen, wo diese 10 Millionen hingekommen sind.»

Dann beschwert er sich über Scala wegen eines Streits um Spesenrechnungen. Infantino: «Man hat mich über etwas informiert, das mich enttäuscht hat. Ich mache aber keine grosse Sache daraus. Der Vorsitzende der Untersuchungskommission hat mich darüber informiert, dass der Vorsitzende der Audit- und Compliance-Kommission eine Beschwerde gegen mich eingereicht hat. In der Beschwerde steht, dass ich zurzeit keinen Lohn beziehe, jedoch nach einem Haus in Zürich suche. Es wird gefragt, wie ich mir ohne Lohn ein solches Haus leisten könne, und festgestellt, dass dadurch der Verdacht auf Korruption oder Geldwäscherei besteht.»

Wer bezahlt die Reinigung von Infantinos Unterwäsche?

Offenbar hatte die Beschwerde kaum Wirkung. «Der Vorsitzende der Untersuchungskommission sagte mir, dass diese Beschwerde direkt in den Müll wandert. Sie ist absoluter Unsinn, es wird keine Untersuchung dazu geben.» Scala war jedoch nicht der Einzige, der sich an das Ethikkomitee wandte. Infantino: «Es wurden auch andere Dinge über mich an die Untersuchungskommission herangetragen. Es sind kindische Dinge, und es tut mir leid, dass ich Sie damit belästige. Aber da alles geleakt wird, ist es besser, wenn Sie sie von mir erfahren.»

Infantino fährt fort: «Vor ein paar Tagen hatte ich eine Auseinandersetzung mit einem Fifa-Angestellten. (...) Er kam zu mir und sagte, dass ich einige Rechnungen begleichen müsse. Das eine war eine Busse. Kein Problem, die habe ich bezahlt. Das andere war eine Rechnung für eine Wäscherei, in der ich während einer meiner Reisen Socken, T-Shirts und Unterwäsche habe reinigen lassen. Ich wurde wütend und habe dem Angestellten nicht gerade höflich geantwortet. Ich habe mich dafür später entschuldigt und die Rechnung sofort beglichen.» (...) «Sie müssen wissen, dass eine Notiz von diesem Angestellten zu Scala ging und von Scala zur Ethikkommission. In dieser Notiz steht, dass ich gemäss meinem Vertrag – den ich nicht unterschrieben habe – kein Recht auf Spesen habe. Ich müsse also meine Ausgaben selber bezahlen und hätte somit gegen irgendetwas verstossen.» (...) «Auch diese Notiz wird direkt im Abfalleimer der Ethikkommission landen, weil das alles extrem lächerlich ist.»

Das wird dem Ansehen der Fifa schaden

Daraufhin äussern sich Mitglieder des Councils empört über Scala: «Wir müssen eine Lösung finden für das, was wir hier gehört haben. Wir können so nicht weitermachen. Es kann nicht sein, dass Leute überall Fallen aufstellen. Das wird dem Ansehen der Fifa schaden. Und Sie (Infantino) sagen, Sie wollen das selber lösen, aber Sie haben meine Unterstützung und sicherlich auch die Unterstützung aller hier Anwesenden.» Eine andere Stimme sagt zu Infantino: «Wir können so etwas nicht zulassen! Haben Sie Scala etwas getan? Ich denke nicht! (...) Wenn Scala dafür verantwortlich ist, müssen Sie dem ein Ende setzen.» Danach wird die Sitzung beendet.

Am Freitagmorgen trafen die Mitglieder des Council noch einmal zusammen, um den Kongress vorzubereiten. Infantino schlägt die Senegalesin Fatma Samoura als neue Generalsekretärin vor. Er erntet allgemeine Zustimmung.

Dann geht es wieder um Scala. Als Erster äussert sich Sheikh Salman (Bahrein), einer der fünf Vizepräsidenten des Rats. Er will, dass man Scala rauswirft: «Es geht um die Angelegenheit mit dem Vorsitzenden der Audit- und Compliance-Kommission. Ich möchte alle Exekutivmitglieder darauf aufmerksam machen, dass sechs Konföderationen einen Brief unterschrieben haben, in dem wir den Vorsitzenden zum Rücktritt auffordern. (...) Was wir in den letzten Tagen von Ihnen, Herr Präsident, gehört haben, ist nicht im Interesse dieser Organisation. Und wenn wir allein in den letzten zwei Monaten so viele Probleme mit ihm hatten, was können wir in diesem Jahr noch erwarten? Wir wünschen uns, dass der Rücktritt auf eine ‹gute› Art erfolgt. Aber wenn das nicht möglich ist, dann haben wir keine Wahl.»

David Gill, ebenfalls Vizepräsident, der den englischen Fussballverband vertritt, findet das gar keine gute Idee: «Ich bin sehr überrascht über diesen Brief. Es war falsch, das nicht mit den Kollegen im Rat zu besprechen. Es ist nicht vernünftig. Ich weiss nicht, wie man zu dieser Entscheidung gelangt ist. Ja, es gab eine Diskussion am Montag. Aber was wir dort erfahren haben, sollte nicht zu so einem Brief führen. Ich verstehe das als persönlichen Konflikt, aber ich sehe nicht ein, wie es jetzt so weit kommen konnte. (...) Wir haben andere, wichtigere Dinge zu tun in der Fifa. Ich glaube, der Brief ist falsch, und ich bin enttäuscht.»

Der Brief wurde noch nicht abgeschickt

Infantino widerspricht: «Um das klarzustellen: Für mich gibt es hier keinen persönlichen Konflikt. Ich habe das Exekutivkomitee nur über die Vorfälle informiert, weil immer alles geleakt wird.» Sunil Gulati (USA) fragt, ob der Brief bereits abgeschickt wurde. Die Frage wird verneint.

Dann sagt Gulati: «Ich habe in den letzten 24 Stunden versucht, zwischen dem Präsidenten und Herrn Scala zu vermitteln, um eine friedliche Lösung zu finden. Ich glaube, der Bruch ist irreparabel. (...) Wir sollten bis nach dem Treffen warten und den Rat oder das Büro entscheiden lassen, wenn wir bis dahin keine friedliche Lösung finden. Und wir müssen sicherstellen, dass eine eventuelle Absetzung gut dokumentiert wird.»

Infantino: «Es ist besser, wenn eine solche Entscheidung vom Kongress kommt und nicht vom Rat. Kommt sie vom Rat, sieht es aus, als wäre sie eine persönliche Sache, und das ist sie nicht. Ich kann meine persönlichen Dinge selber erledigen. (...) Wenn Sie mit mir einig sind, dann kann jemand versuchen, mit ihm zu sprechen und eine Lösung zu finden.»

Gill: «Ich verstehe den Prozess nicht: Wenn jemand die Sache am Kongress ansprechen würde, was für Gründe würde er nennen, wie würde man das kommunizieren? (...) Wie soll ich dem englischen Fussballverband erklären, wie er abstimmen soll? Werden sich dann zwei oder drei Leute gegen diesen Herrn aussprechen und sagen, dass er gehen soll? Mit welcher Begründung? Ich kann nicht glauben, dass wir eine solch unfassbare Situation kreieren wollen.»

Infantino: «Man kann gerne nochmals mit ihm sprechen und schauen, ob er zurücktritt. Tut er es nicht, kann es zu einer Abstimmung kommen, wenn gewisse Länder das wünschen, das müssen wir auch respektieren. (...) Gibt es keine friedliche Lösung, wird es übel enden, aber wir werden der Welt zeigen, dass wir es ernst meinen.»

Nur Gill widerspricht. Es gibt noch weitere Voten, die belegen, dass man Scala möglichst rasch loswerden will. Auch wird diskutiert, ob man Scala am Kongress abwählen soll oder ob man ihn nicht besser zwei Wochen nach dem Kongress entlässt, wie dies mit den neuen Bestimmungen ja problemlos möglich wäre. Am Schluss heisst es, es soll ein weiterer Versuch gestartet werden, Scala davon zu überzeugen, dass er freiwillig geht. Das passierte denn auch. Scala, der zu diesem Zeitpunkt nichts vom Gang der Diskussionen im Fifa-Rat wusste, verliess den Kongress vorzeitig. Der Kongress stimmt der neuen Bestimmung zu, die dem Rat die Kompetenz gibt, Mitglieder der Kontrollorgane nach gut dünken zu entlassen.

Scala begründete seinen Beschluss damit, dass seine Arbeit mit den neuen Beschlüssen nicht mehr sinnvoll sei: «Die Gremien werden damit faktisch ihrer Unabhängigkeit beraubt und drohen zu Erfüllungsgehilfen derjenigen zu werden, die sie eigentlich überwachen sollten», schrieb der ehemalige Vorsitzende der Audit- und Compliance-Kommission in seiner Rücktrittserklärung. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.06.2016, 20:42 Uhr

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