Islamischer Dachverband suspendiert An'Nur-Verein

Razzia in der Moschee, Imam in Untersuchungshaft: Jetzt distanziert sich der Zürcher Dachverband Islamischer Organisationen vom umstrittenen Verein.

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Der Dachverband der Islamischen Organisationen in Zürich (VIOZ), der fast alle Moscheen im Kanton vertritt, hat den An'Nur-Verein nach der Razzia in der Winterthurer Moschee suspendiert. Das beschloss der Verband an einer Krisensitzung vom Freitag.

«Wir sind erschüttert, dass ein Imam in einem unserer Gotteshäuser zu Gewalt aufruft», sagte VIOZ-Präsident Mahmoud El Guindi in einem Interview mit der «Sonntagszeitung». Der Vorstand habe einstimmig beschlossen, den An'Nur-Verein bis auf weiteres zu suspendieren und distanziere sich von den Aussagen des Imams.

Bekenntnis zum Rechtsstaat

«Wir verlangen von unseren Mitgliedern ein Bekenntnis zum Rechtsstaat und zur Schweizer Demokratie», sagte El Guindi weiter. Die Suspendierung sei eine Warnung an den Verein. Gegen einen Ausschluss aus dem Dachverband spreche, dass jeder «eine zweite Chance verdient» habe.

Auch sei es nicht Ziel des VIOZ, Leute für ihr rechtswidriges Verhalten zu bestrafen. «Wir wollen radikale Elemente auf den richtigen Weg zurückbringen. Das erfordert in gewissen Fällen zuerst einmal Toleranz.» Es sei wichtig, den Kontakt zu Moscheegängern mit radikalem Gedankengut zu halten, um ihnen andere Ansichten mit auf den Weg zu geben.

Keine Rechtsgrundlage für Schliessung

Entschieden stellt sich El Guindi gegen die Schliessung der An'Nur-Moschee. «Dafür gibt es ja auch gar keine Rechtsgrundlage». Um ähnliche Vorkommnisse wie jene in Winterthur zu verhindern, prüft der Verband derzeit, wie man den Imam-Beruf besser definieren und auch schützen könnte. «Wir als Verband müssen jetzt Anforderungen an Prediger in unseren Moscheen formulieren.» Er bezweifle, dass der nun inhaftierte Imam die nötigen Qualifikationen mit sich brachte.

Die Justiz hatte am Mittwoch in der umstrittenen An'Nur-Moschee in Winterthur-Hegi eine Razzia durchgeführt. Die Moschee war in den vergangenen Jahren in Zusammenhang mit radikalisierten Jugendlichen immer wieder ins Blickfeld der Behörden und der Medien geraten.

Imam in Untersuchungshaft

Der äthiopische Imam und ein Vorstandsmitglied des Vereins befinden sich in Untersuchungshaft. Ihnen wird vorgeworfen, öffentlich zu Verbrechen oder Gewalt aufgerufen zu haben. Bereits am Mittwoch war der ehemalige Präsident der An'Nur-Moschee wieder auf freien Fuss gesetzt worden. Am Donnerstag wurde eine weitere Person aus dem An'Nur-Umfeld entlassen.

Bei der Razzia hatte die Polizei vier weitere Personen in der Moschee angetroffen, welche sie vorläufig verhaftete. Gegen drei von ihnen hat die Staatsanwaltschaft inzwischen Strafbefehle erlassen. Sie wurden wegen rechtswidrigen Aufenthalts und teilweise wegen rechtswidriger Einreise bestraft. Die vierte Person wurde von der Staatsanwaltschaft bereits am Mittwochnachmittag wieder entlassen. Diese hielt sich rechtmässig als Tourist in der Schweiz auf und konnte die gültigen Ausweisdokumente vorweisen.

V-Mann warnte Behörden

Die Behörden waren näher dran am Treiben hinter den Mauern der Winterthurer An'Nur Moschee als bisher bekannt. Laut der «Sonntagszeitung» hatte die Polizei einen verdeckten Ermittler in die Moschee eingeschleust. Er nahm Predigten auf Band auf und berichtete seinen Vorgesetzten aus dem Innern des islamistischen Zirkels. Gleichzeitig hörte die Polizei Telefone der Hintermänner ab und filmte die Gläubigen vor der Moschee.

Die Fahnder drängten ihre Vorgesetzten über Monate, etwas gegen die An'Nur zu unternehmen, eine Razzia oder eine Schliessung zu veranlassen. Doch die Behörden warteten bis zuletzt. Erst am vergangenen Mittwoch, nach einem Mordaufruf des äthiopischen An'Nur-Imams, schlugen sie zu.

(chi/sda)

Erstellt: 06.11.2016, 05:58 Uhr

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