Zum Hauptinhalt springen

Ist Ökologismus die neue Religion?

«Die Natur nimmt das Heft in die Hand. Schlägt beinhart zurück. Schickt die Geldgier in Katastrophen. Zwingt uns zu unserem Glück», singt Herbert Grönemeyer in seinem Lied «Chaos». Fleischessen gilt nicht nur wie früher zur Fastenzeit als Sünde, sondern ist das ganze Jahr hindurch eine «Klimasünde». Umweltbewusste Menschen fragen sich, «ob Bio-Sprit auch wirklich öko» ist. Wissen Sie, weshalb auch urbane Atheisten ein pseudo-religiöses Vokabular verwenden? Ist Ökologismus die neue Religion? S. L.

Lieber Herr L. Noch bis Mitte des 18. Jahrhunderts war es denkbar, dass die Natur böse sein kann. Dieses Denken änderte sich im Jahr 1755, in jenem Jahr, als das Erdbebens von Lissabon mehrere Zehntausend Todesopfer forderte. Anders als andere Philosophen stellte der junge Kant nicht die Frage, wie Gott eine solche Katastrophe (ausgerechnet in einem wichtigen Zentrum der katholischen Welt) hatte zulassen können, sondern entwarf eine geologische Theorie, wie solche Naturphänomene zustande kommen. An die Stelle des Versuchs, den unergründlichen Ratschluss Gottes theologisch zu ergründen, war der Versuch getreten, die rätselhaften Mechanismen der Natur auch in ihren katastrophischen Ausdrucksformen zu erforschen.

Mit dieser neuen Frage, auf welche Weise die Natur aus sich selbst heraus ihre Katastrophen hervorbringt, war die Natur an die Stelle Gottes gerückt. Das Naturböse als Effekt einer seit dem Sündenfall verdorbenen Natur oder als Strafe Gottes verschwand aus dem Denken. Das für Gott so wesentliche Attribut der Güte ging auf die Natur über: Was natürlich ist, kann nicht schlecht und Naturgesetze können nicht ungerecht sein. Die Natur als allumfassende Ordnung, die unhintergehbar vorgegeben ist, wird zu einer Ordnung, gegen die man sich ebenso versündigen kann wie vormals gegen die göttliche.

Um diesen Artikel vollständig lesen zu können, benötigen Sie ein Abo.