Wer den Krebs besiegt hat, möchte wieder etwas leisten

Arbeit bedeutet Stabilität und Normalität. Deshalb wollen die meisten Krebsüberlebenden bald in den Job zurückkehren – aber wie?

Die Krankheit soll nicht alles dominieren: Vielen Krebsüberlebenden tut es gut, zumindest Teilzeit wieder zu arbeiten. Symbolbild: Getty Images

Die Krankheit soll nicht alles dominieren: Vielen Krebsüberlebenden tut es gut, zumindest Teilzeit wieder zu arbeiten. Symbolbild: Getty Images

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Susanne Noll wollte unbedingt wieder arbeiten. 14 Monate bestand ihr Alltag aus Schmerzen, Übelkeit und Todesangst. 14 Monate ging es ausschliesslich darum, die Krebszellen in ihrem Körper zu zerstören – mit Operationen, Strahlen- und Chemotherapie. «Ich habe mich oft wie ein Stück Fleisch gefühlt», sagt sie. Mit der Rückkehr an ihren Arbeitsplatz im letzten Frühjahr gewann sie auch die Kontrolle über ihr Leben zurück. Ihre Kollegen und Chefs empfingen sie mit Blumen, Schokolade und einem Rockkonzert-Gutschein. Leicht war der Wiedereinstieg trotzdem nicht.

Noll war Anfang 40 und arbeitete als Statistikerin bei einer Behörde, als die Ärzte bei ihr die Krankheit entdeckten. Laut Robert-Koch-Institut erkrankt jeder Zweite im Laufe seines Lebens an Krebs, oft stehen sie mitten im Erwerbsleben. Trotzdem ist die Diagnose Krebs immer ein Schock. «Sie zerschneidet das Leben in vorher und nachher», sagt Petra-Alexandra Buhl, deren Buch «Heilung auf Widerruf. Überleben mit und nach dem Krebs» gerade bei Klett-Cotta erschienen ist. Buhl arbeitet als Führungskräfte-Coach und Supervisorin. In ihrer Jugend war sie selbst an Krebs erkrankt.

«Überlebende sind selbstbewusst, wollen teilhaben und etwas leisten.»Petra-Alexandra Buhl, Autorin

Zwei Drittel aller berufstätigen Betroffenen gehen nach der Behandlung wieder arbeiten. Der Job gehört für viele unbedingt zum Nachher dazu. «Untersuchungen haben gezeigt, dass sich geistige und körperliche Aktivität äusserst positiv auf die Gesundheit auswirkt», sagt Buhl. «Arbeit bedeutet Stabilität und Normalität. Sie reisst die Überlebenden aus der Isolation, die diese Krankheit oft bedeutet.»

Vor 50 Jahren, als die Diagnose häufig einem Todesurteil gleichkam, war die Situation eine andere. «Überlebende wurden quasi automatisch verrentet», sagt Buhl. «Dank des medizinischen Fortschritts bleiben sie heute oft über Jahre gesund. Sie sind selbstbewusst, wollen teilhaben und etwas leisten.»

Das hatte auch Vincent Kammerloher geplant. Mit 21 Jahren hatte er gerade seine Lehre als Zimmermann beendet und sich zur Meisterschule angemeldet, als er die Diagnose erhielt. Ins Krankenhaus nahm er Bücher mit, um für die Meisterschule zu lernen. «Ich hatte unterschätzt, was da auf mich zukommt», sagt er. Kammerloher litt an Leukämie. Überlebt hat er dank einer Stammzellenspende. Als er das Krankenhaus verliess, sass er im Rollstuhl und wog nur noch 40 Kilogramm. «So auf einer Baustelle arbeiten? Keine Chance!», sagt er.

Es kommt häufig vor, dass Krebsüberlebende gezwungen sind, sich neue Jobs zu suchen, sagt Buhl. Mal sei die Stelle in der Zwischenzeit an jemand anderen vergeben worden, mal wechselten die Betroffenen freiwillig in einen Job mit weniger Stress, weil sie auf ihre Work-Life-Balance achteten. Zum Teil lasse ihre Gesundheit auch einfach keinen Vollzeitjob mehr zu.

Die Angst vor dem sozialen Abstieg setzt viele Krebspatienten unter Druck.

Weder der Arbeitsmarkt noch das Sozial- und Gesundheitssystem seien auf diese Fälle vorbereitet, sagt Buhl. «Je länger jemand krank ist, umso grösser ist die Gefahr, zu verarmen.» Zumal eine Krebserkrankung immer auch mit hohen Zusatzkosten etwa für Medikamente und Hilfsmittel verbunden ist.

Die Angst vor dem sozialen Abstieg setzt viele Krebspatienten unter Druck. Diese Erfahrung macht die Psychoonkologin Karin Grabe. Auch darum sei es für viele wichtig, wieder zu arbeiten.

Vincent Kammerloher stand ganz am Anfang seiner beruflichen Laufbahn, als klar war, dass er den Beruf des Zimmermanns aufgeben musste. Er hatte noch keine Familie, keine finanziellen Verpflichtungen. Er schulte um auf Bautechniker – einen Schreibtischberuf, immerhin in derselben Branche. Seine Berufsschullehrer unterstützten ihn. Wenn nötig, bekam er bei Prüfungen etwas mehr Zeit. «Das habe ich aber selten eingefordert», sagt er.

«Was mich von meinen gleichaltrigen Kollegen unterscheidet, ist lediglich, dass ich öfter zum Arzt muss.»Vincent Kammerloher, Bautechniker

Inzwischen ist er 28 Jahre alt und hat vor Kurzem an einem dreistündigen Hindernislauf teilgenommen. In der Firma, in der er heute arbeitet, spielt seine Krankheit kaum eine Rolle. Was ihn von seinen gleichaltrigen Kollegen unterscheide, sei lediglich, dass er eben öfter zum Arzt müsse, erzählt er. Ständige Kontrolluntersuchungen gehören auch nach einer Krebstherapie fest zum Leben. Sein Chef habe dafür Verständnis und gebe ihm frei, wann immer es nötig sei.

Überlebende bräuchten oft gar nicht viel, um arbeiten zu können, sagt Petra-Alexandra Buhl: «Morgens später anfangen, dafür abends länger arbeiten und zwischendurch Pausen einlegen – das reicht manchmal.» Auch Teilzeitmodelle mit der Möglichkeit zum Home-Office seien denkbar. Die Arbeitsgestaltung müsse einfach flexibler werden. «Ergebnisorientierung statt Anwesenheitspflicht! Den Unternehmen fehlt dafür aber häufig die Fantasie», kritisiert Buhl. Dabei könnten sie so Know-how in ihren Unternehmen halten, Kündigungs- und Einstellungskosten sparen.

«Wir lassen keinen zurück»

Psychoonkologin Grabe rät, schon während der Abwesenheit auf die Vorgesetzten zuzugehen. «Es ist durchaus sinnvoll, sich immer wieder in Erinnerung zu rufen – sofern es die Kraft zulässt und das Vertrauensverhältnis stimmt.» Susanne Noll schrieb ihren Vorgesetzten alle drei Monate eine kurze E-Mail, in der sie wohl dosiert über ihren Gesundheitszustand informierte und klarmachte, dass sie fest vorhat, nach der Therapie zurückzukehren. «Ich hatte das Vertrauen, dass der Inhalt nicht Thema in der Kantine wird», sagt sie. Stets kam eine freundliche E-Mail zurück, in der stand: «Egal, wie lange es dauert, nehmen Sie sich die Zeit, die Sie brauchen!» Die einzig richtige Antwort in dieser Situation.

Petra-Alexandra Buhl betont die wichtige Rolle, die gute Führungskräfte für die Rückkehrer spielen: «Sie sind Vorbilder. Sie signalisieren der Belegschaft: Wir lassen keinen zurück, nur weil er krank geworden ist.» Allerdings sind Chefs und Kollegen oft verunsichert, wie viel sie dem Überlebenden zumuten können. Offenheit helfe da, sagt Buhl.

Grabe erinnert sich an einen Chef, der sie um Rat fragte, wie sein Team mit einer krebskranken Kollegin umgehen solle. «Das fand ich gut», sagt Grabe. Denn manchmal kann schon die Frage «Wie geht es dir?» heikel sein. Auf keinen Fall aber sollten Chefs ihre erkrankten Angestellten fragen: «Wann sind Sie wieder einsatzbereit?» Dadurch fühlten sich die meisten bedrängt. Genauso wie durch die Kontrollanrufe mancher Krankenkassen. «Die wollen tatsächlich wissen: Wie sieht's denn aus? Wird es noch mal mit der Arbeit?», erzählt Grabe.

Wenn sie nachmittags nach Hause kam, war sie so erschöpft, dass sie sofort einschlief.

Dabei benötigten Menschen nach einer Krebstherapie Zeit, um sich zu orientieren, sagt Coach und Autorin Petra-Alexandra Buhl. Julia Eckert, Projektleiterin bei einer Unternehmensberatung, die mit 30 Jahren an Krebs erkrankte, war trotzdem schon während der Chemotherapie wieder für ihren Arbeitgeber unterwegs – freiwillig. «Ich wollte mir wenigstens einen Rest vom Leben erhalten, der nicht aus Krankheit besteht», sagt Eckert, die in Wirklichkeit einen anderen Namen trägt. Sie erinnert sich, wie sie in der Klinik einen Zettel voller Termine in die Hand gedrückt bekam. Dass sie an einigen Tagen eigentlich etwas anderes vorhatte, spielte für die Mediziner keine Rolle. Es ging schliesslich um Leben und Tod. «Die Krankheit sollte plötzlich alles dominieren?» Das wollte sie nicht zulassen, erzählt Eckert. Sie bat darum, die Termine so zu legen, dass sie möglichst viele mit ihrem Job unter einen Hut bekam. Die Ärzte reagierten erstaunt, versuchten aber, ihren Wunsch zu erfüllen.

Auch Eckerts Chef unterstützte sie, wo es ging: Sie durfte sich die Arbeitszeit selbst einteilen und sich so oft und so lange freinehmen, wie es nötig war. Jede dritte Woche fehlte sie, weil sie mittwochs für die Chemo ins Krankenhaus musste und es ihr an den folgenden vier Tagen so schlecht ging, dass sie nicht allein aufstehen konnte. Kurz nach der dritten Chemo brach sie bei einem Kunden ohnmächtig zusammen und stürzte die Treppe hinunter: Bänderriss. «Natürlich habe ich gezweifelt, ob das sinnvoll ist, sich so zu belasten. Aber sonst hätte ich zu Hause gesessen und den nächsten Mittwoch abgewartet, an dem wieder Gift in mich fliesst.» Ihrer psychischen Verfassung habe die Arbeit gutgetan.

Julia Eckert und Susanne Noll kehrten stufenweise an ihren Arbeitsplatz zurück. Eckert startete mit zwei Stunden täglich, Noll mit drei. Im Zwei-Wochen-Takt stockte sie eine Stunde auf. Während der Wiedereingliederung galten beide weiterhin als arbeitsunfähig. Ihren Arbeitgebern entstanden dadurch also keine Zusatzkosten.

Strahlen- und Chemotherapie schädigen den Körper oft dauerhaft.

«Drei Stunden habe ich gut weggesteckt», sagt Noll, «vier auch.» Aber als sie bei fünf Stunden angelangt war, dachte sie «Oh, ha!» Während der Therapie habe sie wie ein Soldat funktioniert. Jetzt brach es über sie herein. «Ich hatte regelrecht Panikattacken und bin wegen jeder Kleinigkeit in Tränen ausgebrochen», sagt sie. Wenn sie nachmittags nach Hause kam, war sie so erschöpft, dass sie sofort einschlief.

«Die Aussicht, eventuell bis ans Lebensende krank oder eingeschränkt zu sein, kratzt erheblich am Selbstwert», sagt Petra-Alexandra Buhl. Viele verschwiegen die Folgen ihrer Krankheit bewusst, aus Furcht, nur noch unterfordernde Aufgaben zu erhalten oder nicht mehr für voll genommen zu werden. «Der Selbstschutz ist verständlich, aber nur mit Ehrlichkeit kann man einen Weg finden, der für beide Seiten passt», sagt sie.

Als Eckert vor einiger Zeit den Arbeitgeber wechselte, verschwieg sie anfangs ihre Krankengeschichte. Der Personalbogen brachte sie damals zum Schwitzen: «Ich sollte ankreuzen, ob ich schwerbehindert sei.» Sie entschied sich dagegen. Sie wollte nicht die ewige Krebspatientin sein.

Bewegung hilft gegen die Erschöpfung.

Strahlen- und Chemotherapie schädigen den Körper oft dauerhaft. Die meisten Betroffenen besitzen einen Schwerbehindertenausweis, der in der Regel auf fünf Jahre befristet ist. Auch Julia Eckert. Noch in den ersten Wochen im neuen Betrieb hat sie ihre Vorgesetzte um ein vertrauliches Gespräch gebeten und sie aufgeklärt. Ihre Sorge war unbegründet. Heute führt sie erfolgreich ihr eigenes Team. Als Schwerbehinderte geniesst sie einen erhöhten Kündigungsschutz und bekommt fünf zusätzliche Urlaubstage. «Die betrachte ich als Ausgleich für die unglaublich vielen Arzttermine», sagt Eckert. Oft seien diese ja psychisch belastend. Es geht schliesslich immer um die Frage: Bin ich noch krebsfrei?

Auch Susanne Nolls Wiedereingliederung ist mittlerweile abgeschlossen. Sie arbeitet momentan Teilzeit, sechs Stunden täglich: «Die kann ich mir relativ frei einteilen. Ab und zu mache ich Yoga zwischendurch», sagt sie. Bewegung helfe gegen die Erschöpfung. Der Job gebe ihr sehr viel. «Es ist befriedigend, wieder etwas zu leisten.» Neulich hat sie Kollegen sagen gehört: Gut, dass Susanne wieder da ist.

Erstellt: 30.11.2019, 22:37 Uhr

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