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Liebe Telefonkabine

Viereckig, grau, eng, stickig, oft verraucht: Der Journalist, der in der kleinen Zelle schwitzte. Ein Nachruf.

Ab Ende November gibt es sie nicht mehr: Telefonkabinen in der Schweiz. (Bild Swisscom)
Ab Ende November gibt es sie nicht mehr: Telefonkabinen in der Schweiz. (Bild Swisscom)

Du wirst verschwinden, Ende November, es wird dich nicht mehr geben. Nirgends mehr in der Schweiz. Einfach weg. Überflüssig geworden, weil heute jeder sein Telefon bei sich hat.

Ich erinnere mich noch bestens an damals, in jungen Jahren, an die Begegnungen und Erfahrungen, die alle haben, die mit dir aufgewachsen sind. Als ich von zu Hause wegschlich und vielleicht sagte, ich würde noch kurz spazieren gehen, obwohl die Eltern wussten, dass ich doch nie freiwillig spazieren gehen würde. Aber ich musste telefonieren, dringend, ungestört. Beim Bahnhof war die nächste Kabine, ich wählte in dieser engen Zelle die Nummer, zitternd, ich hatte sie auf meine Hand geschrieben – und hoffte, dass nicht die Eltern, sondern die Tochter abnimmt. Mein Schwarm.

Später kam die Zeit, als du auch beruflich mein Begleiter warst. Manchmal bin ich zu dir gehetzt, vom Stadion zum nächsten Platz, wo du gestanden bist, viereckig, grau, mit «Telefon» angeschrieben. Es pressierte, der Redaktionsschluss war nah, das Blatt Papier mit dem Text in der einen Hand, die Hermes Baby, auf der ich geschrieben hatte, in der anderen. Und dann, oh Schreck, war schon jemand drin, ich machte ihm oder ihr – vielleicht war es auch Liebe, er oder sie hatte leuchtende Augen – ein Zeichen: Entschuldigen Sie bitte, es eilt, sehr.

Der Autor und die Telefonkabine – eine Liebesgeschichte.
Der Autor und die Telefonkabine – eine Liebesgeschichte.

Und dann: Münzen durch den Schlitz, die Muschel ans Ohr, das Papier in der Hand, «tüt, tüt, tüt», besetzt! Es war kalt oder heiss, stets war es entweder kalt oder sehr heiss, stickig die Luft, verraucht auch. Endlich, es nahm auf der Redaktion jemand ab, ich konnte diktieren, was ich geschrieben hatte. Und inzwischen, klar, stand wieder jemand draussen – oder noch schlimmer: eine ganze Schlange – und wollte auch, und ich machte jetzt Zeichen von drinnen, es daure, er oder sie machte Zeichen von draussen, es sei auch dringend, vielleicht erneut die Liebe.

Später habe ich die Texte nicht mehr mit der Hermes Baby geschrieben, sondern mit dem ersten Computer, diesem Olivetti. Da musste man die Muschel in einen Koppler pressen, und wenn das Münz ausging, war alles umsonst, kein Text übermittelt. Alles nochmals von vorne. Die Zeitung musste in den Druck.

Ich schwitzte immer, ob es sehr heiss oder kalt war, es war Stress mit dir. Mitte der 90er-Jahre, in deiner Blütezeit, gab es von dir gegen 60000 Exemplare. Und heute braucht man dich nicht mehr, weder für die Liebe noch für den Beruf.

Ich werde deinen Anblick vermissen.

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