Österreich hat einen neuen Liederbuchskandal

Bereits zum dritten Mal fällt ein FPÖ-Politiker mit Liedgut aus dem deutschnationalen Milieu auf. Von antisemitischen Texten will er sich nicht distanzieren.

Hat ein doppeltes Problem: FPÖ-Politiker Wolfgang Zanger

Hat ein doppeltes Problem: FPÖ-Politiker Wolfgang Zanger Bild: Keystone

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Ende August hat Wolfgang Zanger einen schönen Tag verbracht. Auf Facebook postete der FPÖ-Politiker ein Foto, auf dem man ihn in Lederhosen vor einer Holzwand sitzen sieht mit einer jungen Frau, die sich mit den Armen und dem Kopf an seine Schultern schmiegt. «Es war mir wirklich eine grosse und wahrliche Freude», schreibt Zanger an die «liebe Philippa Strache», die mit ihm auf dem Bild zu sehen ist. «Wahre Politik ist es, einfach beim Menschen zu sein!»

Zwei Monate später sitzen die beiden als Abgeordnete im neu gewählten Bundesparlament, aber die Lage ist aus ihrer Sicht ziemlich, wie man in Österreich sagt, ungustiös: Philippa Strache ist aus der FPÖ ausgeschlossen worden, ihr Mann, der langjährige Chef der radikal rechten österreichischen Partei, ist als Mitglied suspendiert wegen einer Spendenaffäre. Und der aus der Steiermark stammende Wolfgang Zanger befindet sich inmitten eines veritablen Skandals, der für seinen Landesverband zur Unzeit kommt – denn Ende November steht die Landtagswahl an.

Aber alles der Reihe nach.

Das Liederbuch und seine Lieder

Es geht bei dem Skandal – schon wieder – um ein Buch mit Liedgut aus dem deutschnationalen Milieu der Männerbünde. Ein Band, in dem allerlei Strophen enthalten sind, aus denen Nazi-Verherrlichung und Antisemitismus quillt und Österreich als Land geschmäht wird. Wie die Kronenzeitung zuerst berichtete, heisst es in dem Liederbuch unter anderem «Heil Hitler, ihr alten Germanen», man besingt Männer der Nazi-Mordeinheiten SS und SA.

Auch der Staat Österreich und die Österreicher werden in einem Lied schlechtgemacht: In Anlehnung an die Bundeshymne wird Österreich als «Land der Kriecher» und «Land der Schieber», als «Schmiergeldreich» bezeichnet. Die Republik wird als ein dysfunktionaler Staat dargestellt, «Skandale dann vertuschen», heisst es, «das geht nur in Österreich».

An anderer Stelle heisst es, «Rothschild» sei das «grösste Schwein». Der Name der Familie Rothschild ist in rechtsextremen Kreisen seit Jahrzehnten Synonym für antisemitische Vorurteile, wonach Juden angeblich pauschal raffgierig und hinterhältig sind. Gerade das Hitler-Regime hat mit dem Namen Rothschild immer wieder der Hass auf Juden befeuert, noch heute ist es ein Teil des variantenreichen Märchens von einer jüdischen Weltverschwörung.

Der Kronenzeitung zufolge trägt das nun publik gewordenen Liedbuch den Titel: «Liederliche Lieder zum 125. Stiftungsfest des Corps Austria zu Knittelfeld» anno 2005. Was zurück zu Wolfgang Zanger führt. Der FPÖ-Abgeordnete erklärt nämlich, dass es sich bei dem Buch um ein Geschenk der Grazer Burschenschaft Cheruskia an das Knittelfelder Corps handelt, auf deren Facebookseite man mit «Heil Jul» gegrüsst wird.

Wolfgang Zanger und sein doppeltes Problem

Den FPÖ-Politiker bringt die Causa in in die Bredouille. Er ist auf der Homepage des Knittelfelder Männervereins als «Ansprechpartner» angegeben. Zanger hat der Krone erklärt, er sei seit zwei Jahren nicht mehr «Altherrenobmann» – die Webseite sei «leider Gottes nicht mehr aktuell». Das kann durchaus zutreffen, denn auch die einzigen beiden Termine im Kalender zeigen den Stand vom Frühjahr 2018. Allerdings hatte er offenkundig Kenntnis vom Inhalt des Liederbuchs, denn er selbst besitzt ein Exemplar der «Liederlichen Lieder».

Auf Fragen der Redaktion Tamedia vom Mittwochabend hat Zanger bislang nicht reagiert. Allerdings hat er sich andernorts inzwischen geäussert. Vom rechtsextremen Inhalt des Liederbuchs will er sich nicht distanzieren, denn «distanzieren kann ich mich nur von etwas, das ich selbst geschrieben, gesagt oder getan habe», sagte er der Krone. «Warum soll ich mich von etwas distanzieren, das andere geschrieben haben?»

Bei Facebook postete er ebenso einen verschwurbelten Eintrag. Von Liedern aus dem Buch werde doch einiges auf Volksfesten dargebracht, etwa «Wir sind die Schleifer und kommen aus Paris». Das seien Lieder, die meine Eltern gesungen haben«, schreibt der FPÖ-Mann, »dafür werde ich mich NIEMALS schämen«. Und der Freiheitliche beklagt sich, »mal wieder herhalten« zu müssen als »Feind Nummer 1«.

Dabei ist Zanger vor allem fürs Austeilen bekannt. Im Parlament beschimpfte er Gewerkschafter und Betriebsräte als «Beidl», was im Österreichischen «Trottel» und «Idiot» bedeutet, allerdings auch ein vulgärer Ausdruck für männliche Genitalien ist. Politisch ganz weit rechts hat er sich schon früh verortet. 2006 behauptete er als frisch in den Nationalrat gewählter Abgeordneter im ORF-Interview, «natürlich habe es gute Seiten am Nationalsozialismus gegeben». 2016 war er Redner bei einer Veranstaltung der rechtsextremen «Identitären Bewegung».

Seinem innerparteilichen Aufstieg hat das alles nicht geschadet. Auf Facebook hat Zanger ein Foto gepostet, das ihn umringt vom damaligen Parteichef und Vizekanzler Heinz-Christian Strache, einer FPÖ-Mitarbeiterin, Norbert Hofer sowie dem Extremsportler Felix Baumgartner zeigt, der sich für Österreich eine «gemässigte Diktatur» gewünscht hat. Das Foto veröffentlichte Zanger am 15. Mai 2019. Zwei Tage später veröffentlichten die Süddeutsche Zeitung und der Spiegel Teile des Ibiza-Videos. Inzwischen ist Strache alle politischen Posten los und Hofer ist FPÖ-Chef.

Die FPÖ und ihre Gegenmassnahmen

In Österreich wurden in den vergangenen eineinhalb Jahren bereits zwei weitere Fälle von jeweils unterschiedlichen rechtsextremen Liederbüchern von deutschnationalen Männerbünden publik, die Causa Knittelfeld ist also Nummer drei. Jedes Mal gab es eine gewisse Verbindung zur FPÖ, die sie jeweils abgestritten hat, andere Aspekte wurden bagatellisiert. Ähnlich verhält sich die Partei auch im aktuellen Fall. Von einer «nebulosen Liederbuch-Geschichte», einer «Schmutzkübel-Inszenierung» ist die Rede, gezielt lanciert vor der Landtagswahl in der Steiermark am 24. November. FPÖ-Generalsekretär Harald Vilimsky, erklärt in einer Pressemitteilung, dass «weder die FPÖ noch ihre Politik damit auch nur irgendwas zu tun haben». Die FPÖ verurteile zitierten Passagen dieses Liederbuches auf das allerschärfste und lehnt deren Inhalte kategorisch ab. Zanger selbst liess in einer eigenen Erklärung wissen: «Lehne jede Form von Rassismus, Nationalsozialismus und Antisemitismus entschieden ab!»

Wenig später sorgt FPÖ-Stratege Herbert Kickl für ganz andere Schlagzeilen. Er will den Einfluss des Bundespräsidenten auf die Regierungsbildung zurückdrängen, heisst es. Kickl liefert damit eine Nachricht, die andere Nachrichten zudecken kann – zum Beispiel die über das Liederbuch.

Wolfgang Zanger selbst muss wohl nicht fürchten, dass ihn die FPÖ-Oberen fallen lassen. Der Parteifreund habe mit seiner Pressemitteilung alles klargestellt, heisst es aus der FPÖ. Ein parlamentarisches Nischendasein, wie Philippa Strache, die in der letzten Reihe des Plenarsaals ihren Sitz hat, bleibt Zanger also erspart. Denn dafür ist er als Mitglied des FPÖ-Landesparteipräsidiums so kurz vor der Wahl ohnehin zu wichtig.

Auf Fragen der Redaktion Tamedia, wie viele Exemplare des Liederbuches es seines Wissen gibt und ob er selbst Lieder mit den beschriebenen hochproblematischen Passagen jemals gesungen hat, hat Zanger bislang nicht geantwortet.

Erstellt: 31.10.2019, 19:48 Uhr

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