Politiker in Bunkern

Gary Oldman schlüpft in die Rolle des britischen Premierministers Winston Churchill – und bietet dabei überwältigende Redefluten.

Kaum zu erkennen: Unter dem schweren Churchill-Make-up steckt Gary Oldman.

Kaum zu erkennen: Unter dem schweren Churchill-Make-up steckt Gary Oldman.

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Es ist zappenduster. Nicht nur draussen in der Welt (wir befinden uns im Jahr 1940), sondern auch drinnen, im Schlafzimmer von Winston Churchill (Gary Oldman). Erst als sich der massige Mann vor seinem Frühstückstablett mit Speck, Eiern und Whisky eine Zigarre anzündet, wird es hell. Und ja, das Königreich braucht eine Lichtgestalt. Als kommender Premier­minister soll Churchill Grossbritannien vor Hitlers Wehrmacht retten – und das, obwohl den Politiker keiner mag.

«Darkest Hour» ist nach «Churchill» bereits die zweite Biografie über den britischen Politiker innert Halbjahresfrist. Und man kann sich fragen, weshalb die Filmnation England gleich zwei solcher Pathos-Orgien aufs Kinopublikum loslässt. Gut, Churchill verstand es, die Bevölkerung mit Durchhalteparolen zu begeistern («Wir werden uns nie ergeben!»). Aber erstens wirkt das penetrante Deklamieren in «Darkest Hour» ermüdend, und zweitens fällt Drehbuchautor Anthony McCarten («The Theory of Every­thing») nichts Besseres ein, als den Staatsmann in die U-Bahn zu schicken, um dort den Puls seines Volkes zu fühlen. Erst dann ist er in der Lage, seinen politischen Gegnern den Garaus zu machen.

«Darkest Hour» funktioniert als kammerspielartiges Gegenstück zu Christopher Nolans «Dunkirk». Da ist Regisseur Joe Wright eine gute Wahl, profilierte er sich doch einst mit Kostüm­dramen à la «Atonement» (jener Film spielte teilweise auch in Dünkirchen). Statt eingekesselter Soldaten wie bei Nolan sehen wir nun in «Darkest Hour» Politiker in Bunkern, die über ebendiese Soldaten verhandeln. Die meiste Zeit sinniert man im Kino jedoch über andere Dinge. Zum Beispiel: Wie lange musste ein Klasseschauspieler wie Gary Oldman in der Maske sitzen, um derart unkenntlich zu werden? Oder: Sind solche Schwafelbiopics inzwischen nicht die grössere Landplage als die oft gescholtenen Superheldenkisten?

Was «Darkest Hour» fehlt, sind vor allem Überraschungsmomente. Da ist eine junge Sekretärin, die von Churchill beim Erstdiktat zusammengestaucht wird, aber bald zur Vertrauensperson avanciert. Da sind hartnäckige politische Gegner, da ist ein zögerlicher König, und da ist Churchill, dieses körperliche Wrack, das sich zu erstaunlichen Höhenflügen aufschwingt. Für grosse Gefühle oder Erkenntnisse ist das jedoch zu wenig. Und wenn Churchill gegen Ende gleich drei Reden hintereinander hält, meint man sogar im Gesicht von Gary Oldman einen gewissen Überdruss abzulesen.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.01.2018, 09:34 Uhr

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