Schönheit vor Gesundheit?

Jeder weiss: Kosmetika können bedenkliche Inhaltsstoffe enthalten. Aber beeinflusst dies unser Kaufverhalten?

«Ich schaue schon darauf, dass die Produkte der Haut nicht schaden»: Video-Umfrage unter Passanten in Zürich. (Video: Muhammed Ali Dumlu)

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Früher reichten Wasser und Seife. Heutzutage ist die Körperpflege um einiges komplizierter und zeitaufwendiger: Ob Deodorant, Duschgel, Shampoo oder Tagescreme – Kosmetikartikel sind nicht mehr wegzudenken. Oft weisen Pflegeprodukte jedoch gesundheitsschädigende Inhaltsstoffe auf.

Wären Konsumenten bereit, ihren Kosmetikgebrauch zu ändern, wenn sie aufgeklärt würden, dass sie mit ihren Produkten dem Körper und der Umwelt schaden? Eine Onlineumfrage und Videointerviews, die von Studierenden der Zürcher Schule für Angewandte Linguistik durchgeführt worden sind, zeigen spannende Resultate.

«Ich würde den Konsum von bedenklichen Produkten reduzieren», sagte der Schüler Eray Erdogan im Interview. Er könne sich aber nicht vorstellen, ganz auf Alternativprodukte umzustellen. Ozan K. hingegen, eine weitere befragte Person, wäre bereit, seinen Kosmetikgebrauch zu ändern: «Ich würde versuchen, auf Produkte mit kritischen Stoffen zu verzichten.»

SAL-Journalismus-Studenten führten eine Strassenbefragung durch und lancierten sie im März 2017 auf Tagesanzeiger.ch/Newsnet. 550 Personen nahmen an der Umfrage teil. Mehr als zwei Drittel aller Befragten sind weiblich, die meisten zwischen 45 und 59 Jahre alt.

Grosse Marken schneiden schlecht ab

Gemäss einer Untersuchung des deutschen Bundes für Umwelt- und Naturschutz (Bund) enthält jedes dritte Kosmetikprodukt hormonell wirksame Substanzen. Vor allem Pflegeartikel grosser Marken wie die von Head and Shoulders, L’Oréal oder Nivea kommen bei der Bund-Studie schlecht weg.

Hormonell wirksame Stoffe werden vor allem als Konservierungsmittel oder UV-Filter eingesetzt. Unter Umständen können diese über die Haut in den Organismus gelangen und zu Irritationen des Hormonsystems führen. Hormonbedingte Krebsarten wie Brust- oder Hodenkrebs, Rückgang der Spermienqualität oder verfrühte Pubertät bei Mädchen werden in Verbindung mit hormonähnlichen Stoffen gebracht. Besonders gefährdet sind Föten im Mutterleib, Kleinkinder und Pubertierende: Es besteht der Verdacht, dass durch die Substanzen die Entwicklung beeinträchtigt wird. Naturkosmetika sind hingegen frei von hormonell wirksamen Stoffen, können jedoch teilweise ein Allergiepotenzial aufweisen.

Jeder Fünfte benützt Nivea-Produkte

Bei der Umfrage erwiesen sich folgende Kosmetikmarken als die beliebtesten: Nivea, Weleda, Clinique, Lavera und L’Oréal. Jeder fünfte Umfrageteilnehmer verwendet ausschliesslich Produkte von Nivea. Rund jeder Zehnte setzt bei der Körperpflege auf natürliche Produkte von Weleda. Rund jeder Zwölfte benützt Artikel von Clinique, rund jeder Fünfzehnte von der Naturkosmetiklinie Lavera und rund jeder Sechzehnte von L’Oréal. Nivea-Pflegeprodukte sind demnach am gefragtesten. Dies bestätigen auch die Verkaufszahlen von Manor und Migros: Die drei – bei Manor sind es die vier – meistverkauften Tagescremen des vergangenen Jahres sind allesamt von Nivea.

Geht es um die Inhaltsstoffe, schneidet aber gerade der Kosmetikfavorit Nivea schlecht ab. Gemäss Bund-Studie enthält jedes zweite Produkt von Beiersdorf (Nivea, Eucerin) hormonähnliche Substanzen. Als bedenklich gilt ebenfalls jedes zweite Produkt von L’Oréal (Garnier, Lancôme) sowie von Procter & Gamble (Wella, Head and Shoulders).

Trotz dieser Ergebnisse wurde Nivea 110-mal als Lieblingsmarke genannt. Viele der Umfrageteilnehmer, die Produkte von Nivea benützen, sind sich der bedenklichen Stoffe wohl (noch) nicht bewusst. 91 Prozent aller Befragten wären aber bereit, ihren Kosmetikgebrauch zu ändern, wenn sie aufgeklärt würden, dass sie mit ihren Produkten dem Körper und der Umwelt schaden.

64 Prozent der Befragten gaben an, sie würden Wert auf Kosmetika mit unbedenklichen Substanzen legen und auch gerne mehr dafür bezahlen. 27 Prozent schauen beim Kauf von Pflegeprodukten hingegen nicht auf den Inhalt. 9 Prozent gaben zwar an, auf die Inhaltsstoffe zu achten, wären aber nicht bereit, teurere unkritische Produkte zu kaufen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.06.2017, 10:03 Uhr

Sind die Konsumentinnen und Konsumenten kritisch genug im Umgang mit Kosmetika? Badende am Zürichsee. (Foto: Keystone)

Codecheck gibt Rat

Welche Kosmetika problematische Inhaltsstoffe aufweisen, das verrät eine App.

Die App Codecheck zeigt, welche Produkte beispielsweise Mikroplastik (Zahnpasta), Aluminiumchlorid (Deodorant) oder Silikone (Shampoo) enthalten. Die Zürcher Firma Codecheck.info betreibt seit 2002 eine Online-Datenbank, die rund 15 Millionen Produkte – Kosmetika, Lebensmittel und Haushaltswaren – verzeichnet. Konsumenten können noch nicht registrierte Produkte mittels Einlesen des Strichcodes in der Datenbank erfassen. Wie die App funktioniert, wird in der Bildstrecke erklärt. Codecheck.info arbeitet mit Organisationen wie Greenpeace, WWF oder Öko-Test zusammen; die Datengrundlage für die deutsche Bund-Studie stellte ebenfalls die Zürcher Firma zur Verfügung.

Bildstrecke

Der Check mit der App

Der Check mit der App Welche Kosmetika problematische Inhaltsstoffe aufweisen, das lässt sich nun mit dem Smartphone testen.

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Video- und Online-Umfrage

SAL-Journalismus-Studenten führten eine Strassenbefragung durch und lancierten auf Tagesanzeiger.ch/Newsnet eine (nicht repräsentative) Umfrage. 550 Teilnehmer füllten den Onlinefragebogen aus. Mehr als zwei Drittel aller Befragten sind weiblich, die meisten zwischen 45 und 59 Jahre alt.

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