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Anti-Nazi-Film von 1943 erobert Soziale Medien

Nach den Ausschreitungen in Charlottesville erlebt ein 70-jähriges Video ein Revival. Die Botschaft ist so klar wie banal.

In seiner Welt sind die Fremden die Bösen: Der Redner aus «Don’t Be a Sucker», dem amerikanischen Propagandafilm von 1947.
In seiner Welt sind die Fremden die Bösen: Der Redner aus «Don’t Be a Sucker», dem amerikanischen Propagandafilm von 1947.
Screenshot Youtube

Vielleicht ist es ein etwas gar moralischer Film. Aber nach den Ausschreitungen von Hunderten von Neonazis und Anhängern der Alt-Right in Charlottesville ist das Bedürfnis nach einer klaren Botschaft gross – zumal Präsident Trump in seiner Verurteilung des Aufmarsches sehr vage blieb. «Don’t Be a Sucker» ist ein rund 17-minütiges Propagandavideo des amerikanischen Kriegsministeriums, das 1943 produziert und 1947 veröffentlicht wurde.

Der US-amerikanische Propagandafilm aus dem Jahr 1947. Quelle: US-Armee

Auf den sozialen Medien wird es nun eifrig geteilt. Vor allem einer bestimmten Szene begegnet man immer wieder: Ein Mann steht erhöht vor einer Gruppe Passanten, in der linken Hand hält er ein Pamphlet, hinter ihm flattert die amerikanische Nationalflagge. Er ruft in die Runde: «Ich sehe, wie Schwarze jene Arbeitsplätze besetzen, die mir und euch gehören! Ich will von euch wissen: Wenn das so weitergeht, was passiert dann mit uns richtigen Amerikanern?»

Er fährt in seiner Tirade fort und zählt auf, wer für all das Schlechte im Land verantwortlich sei: auch andere Minderheiten, die Freimaurer, Katholiken, Immigranten. Im Pamphlet stehe die Wahrheit über die Schwarzen und all die Fremden in diesem Land, sagt der Mann. Er sieht sich als Aufklärer – und automatisch denkt man sich den Satz «Das wird man doch wohl noch sagen dürfen!» dazu.

Vorurteil als schädliche Waffe

Einer der Zuhörer wendet sich an einen jungen Mann neben ihm. Er spricht Englisch mit Akzent, er ist geborener Ungar, lehrte in Berlin an der Universität und wanderte dann in die USA aus. Der Ungar sagt: «Das habe ich schon einmal gehört, aber ich hätte nie erwartet, es auch in Amerika zu hören.»

Er habe in Berlin gesehen, was diese Art zu reden verursache. «Damals war ich ahnungslos. Ich dachte, die Nazis seien verrückte Menschen, dumme Fanatiker.» Aber das seien sie nicht gewesen, im Gegenteil: Die Nazis hätten Vorurteile als Waffe benutzt, um die deutsche Bevölkerung in kleine Gruppen aufzutrennen und schliesslich jeden gegen jeden aufzubringen. So hätten sie es geschafft, einen Krieg loszutreten.

Alle sind Minderheiten

Der junge Mann hört dem Ungar nun aufmerksam zu, die beiden setzen sich auf eine Parkbank. Erst war er vom Redner mit dem Pamphlet in der Hand noch eingenommen, weil er fand, wer so sicher auftrete, scheine zu wissen, wovon er rede. Aber als dieser auch die Freimaurer zu den Schädlingen für die amerikanische Gesellschaft zählte, stutzte er – der junge Mann selbst ist ein Freimaurer. «Siehst du», sagt der Ungar zu ihm, «erst als man über dich sprach, hast du verstanden.»

Und genau so sei eine Gesellschaft beschaffen: Sie setze sich aus lauter Minderheiten zusammen. Darum redet der Ungar ihm ins Gewissen, und das ist zugleich die Botschaft des ganzen Films: «Let’s not be suckers! Seien wir keine Idioten! Teilen wir die Menschen nicht in ein ‹Wir› und ‹Ihr› auf.»

Ein Idiot wird, wer sich von Fanatismus und Hass leiten lässt. Und wie wuchtig sich dieser Zorn entladen kann, hat man in Charlottesville gesehen.

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