«Die geheimsten Sex-Wünsche des Partners? Keine Ahnung»

Welche Hemmungen sind positiv, welche sollten wir überwinden? Sexologin Dania Schiftan rät, Geheimnisse zu verraten – aber nicht ungehemmt zu furzen.

Viele Menschen trauen sich nicht zu sagen, was sie wirklich wollen: Ein Paar im Bett. Foto: iStock

Viele Menschen trauen sich nicht zu sagen, was sie wirklich wollen: Ein Paar im Bett. Foto: iStock

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Frau Schiftan, Hemmungen sind mühsam, aber doch nicht so schlecht: Hat Mani Matter im Lied «Hemmige» das Thema abschliessend auf den Punkt gebracht?
Abschliessend sicher nicht. Er beleuchtet einen Bereich, den ich absolut so unterschreiben würde. Unsere Hemmungen sorgen dafür, dass wir nicht füdliblutt durch die Strassen laufen, sondern zuerst schauen, wie es die anderen machen. Wir sehen tagtäglich bei unseren Kindern, wie wichtig der Prozess der Sozialisierung ist. Ein gesundes Mass an Hemmungen ist absolut überlebenswichtig. Wer keine Hemmungen hat, auf andere zuzugehen, lebt effektiv lebensgefährlich.

Wenn ich mich auf der Strasse ausziehe, ist das doch nicht gefährlich.
Aber sie hätten die Polizei am Hals wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses. Das wäre ja dumm. Ohne Hemmungen würde uns der öffentliche Kompass fehlen, und wir würden dasselbe eine Woche später gleich wieder machen.

«Hemmungen machen unfrei»: Dania Schiftan arbeitet als selbständige Sexual- und Psychotherapeutin in Zürich. Foto: pd

Wir haben ja meistens das Gefühl, wir hätten zu viel Hemmungen.
Ja. Irgendwann, wenn unser Leben von den Hemmungen bestimmt wird, kann das krankhafte Auswüchse annehmen. Hemmungen machen unfrei und viele Leute schaffen es nicht, etwas daran zu ändern.

Sie beraten Menschen zu Sexualität und Partnerschaft. Haben viele Ihrer Patienten solche Probleme?
Ich würde behaupten, fast alle. Was ich oft sehe, ist etwa, dass Leute seit Jahrzehnten in einer Beziehung sind, und behaupten, sie würden einander in- und auswendig kennen. Wenn ich dann frage, was die geheimsten Sex-Wünsche des Partners sind, heisst es dann: Keine Ahnung.

«Beim Thema Sexualität haben viele einen grossen Knopf.»

Muss man denn die geheimsten Wünsche des Partners kennen?
Es ist nicht immer gut alles zu wissen, aber stellen Sie sich vor: Wenn ich meinem Mann erzählen wollte, dass ich gerne – ich sage jetzt mal etwas Klassisches – im Bett eine dritte Person dabei hätte. Wenn ich nicht weiss, wie er das findet, gehe ich vielleicht davon aus, dass er das schlecht aufnehmen würde. Deshalb habe ich Hemmungen, ihm das zu sagen. Wenn ich Wünsche habe, die ich nicht äussern kann, bin ich womöglich sexuell bereits eingeschränkt.

Was ist denn verheerender? Wenn man sich alles ungefiltert an den Kopf wirft oder wenn man wegen Hemmschwellen nicht gleich alles sagt?
Ungefiltert muten wir unserem Partner häufig negative Dinge zu. Wir furzen, während der andere da ist, wir werfen ihm dauernd vor, was einem nervt an ihm. Gleichzeitig sind positive Themen – was wäre meine Leidenschaft, worauf hätte ich sexuell Lust? – unter den Teppich gekehrt. Auch bei jenen, die das Gefühl haben, «ich sage ihm alles».

Warum ist man ausgerechnet bei den positiven Dingen gehemmt?
Die meisten Menschen haben keine Schwierigkeiten, so laut zu streiten, dass es die Nachbarn hören. Aber wenn die Nachbarn sie beim Sex hören würden, würden sie vor Scham im Boden versinken. Ich kann garantieren: Wenn der Nachbar wählen könnte, würde er sich für die Sexgeräusche entscheiden. Beim Thema Sexualität haben viele einen grossen Knopf.

Weshalb?
In unserer Gesellschaft sind Körperlichkeiten mit sehr vielen Hemmungen verbunden. Einerseits ist es ein gesellschaftliches Problem, dass alle körperlichen Vorgänge verneint werden, mit Deos, Slipeinlagen und dreimal am Tag T-Shirt wechseln. Und gerade beim Thema Sexualität wissen wir vieles nicht und haben auch kaum Ansprechpersonen.

«Selbstbewusstsein lässt sich antrainieren.»

Wenn man gerade in der Beziehung nicht traut, seine Wünsche zu äussern: Kann man das trainieren?
Erst einmal muss man sich seiner Bedürfnisse selbst bewusst werden. Dann kommt die Frage: Wie sicher bin ich mir meiner Bedürfnisse? Je klarer ich die formulieren kann, desto einfacher ist es, dem anderen zu erklären, was ich will.

Aber Selbstbewusstsein lässt sich doch nicht so einfach antrainieren.
Doch. Mit Training und positiven Erfahrungen lässt sich etwas bewirken. Das ist ja bei den Kindern genauso, mit Üben lernt man.

Gegenüber Kindern will man ja versuchen, eine gute Körpersicherheit zu vermitteln. Da stehen einem doch auch oft die eigenen Hemmungen im Weg.
Definitiv. Erfahrungsgemäss sind ja kleine Kinder immer da. Auch wenn man sich gerade den Po abwischt. Je natürlicher ich mit meinem Körper umgehe, je mehr ich das zulassen kann, weil auch die Kinder neugierig sind, die Welt kennen zu lernen, desto mehr können Kinder dann abschauen. Sie können merken, ein Körper ist etwas Schönes. Mama sieht anders aus als Papa. Da beginnt dann schon die Sexualerziehung, wobei man noch lange nicht von der Sexualität des Kindes spricht.

«Wir haben so Angst vor Ablehnung, dass wir zu schnell aufgeben.»

Darf ich beim Po abwischen einhaken? Wenn mein einjähriger Sohn dabei zuschaut, okay. Aber die Dreijährige schicke ich raus, ich verrichte mein Geschäft gerne privat. Vermittle ich schon zu viel Prüderie?
Sie machen das intuitiv richtig. Die Tochter darf durchaus auch lernen, dass es Dinge gibt, die man alleine macht. Aber sich präventiv zurückzuziehen aus Rücksicht auf das Kind, dem die Nacktheit zu viel sein könnte, ist gar nicht nötig. Wenn es dem Kind unangenehm wird, geht es von alleine weg.

Was raten Sie, wenn jemand einen Partner sucht, aber es einfach nicht klappt, weil er zu blockiert ist?
Üben. Es geht um Kompetenzen wie in anderen Lebensbereichen auch, die man trainieren kann und muss, und die sich lohnen. Bei einem Fussballspiel mit vielleicht 50 Torchancen fallen letzlich effektiv zwei, drei Tore. Man vergisst oft, dass das beim Dating auch so sein darf. Wir haben so Angst vor Ablehnung, dass wir nach den ersten zwei Körben schon finden, uh nein, das ist gar nichts für mich.

Ist Angst vor Ablehnung der Haupttreiber der Hemmungen?
Sicher.

Wir gehen immer von den Gehemmten aus. Kommen auch Menschen zu ihnen in die Praxis, die zu enthemmt sind?
Ja. ich berate auch Menschen, die ein Problem am Hals haben, zum Beispiel, weil sie jemanden angefasst haben. Andere haben beim Dating nie Erfolg, weil sie immer zu direkt sind und mit der Tür ins Haus fallen. Ich sehe das auch bei mir. Mani Matter hatte schon recht.

Erstellt: 22.11.2019, 21:13 Uhr

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