«So schüttet man Wasser auf die Mühlen von Salvini»

Seenotretter Claus-Peter Reisch erklärt, wie er Flüchtlinge im Mittelmeer rettet und wo er Italiens Vizepremier recht geben muss.

Er könnte sich zurücklehnen, aber Claus-Peter Reisch will mit der Seenotrettung weitermachen.

Er könnte sich zurücklehnen, aber Claus-Peter Reisch will mit der Seenotrettung weitermachen. Bild: Franziska Rothenbühler

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Herr Reisch, Seenotretter werden zu Fällen für die Justiz, wie das Beispiel der Kapitänin Carola Rackete zeigt. Sie haben letztes Jahr ein Schiff mit 235 Flüchtlingen nach Malta gebracht. Warum tun Sie sich das an?
Man darf sich von Menschen wie dem italienischen Innenminister Matteo Salvini nicht abschrecken lassen. Er ist nicht der Nabel der Welt. Die Geschichte wird eines Tages über ihn richten. Wenn ihm die Seenotrettung nicht gefällt, müsste er auch die Strandaufsicht in Rimini abschaffen. Es geht darum, dass Menschen am Ertrinken sind. Da kann man nicht einfach wegschauen.

Sie selber wurden in Malta zu einer Busse von 10'000 Euro verurteilt.
Die maltesischen Behörden wollten mir Verschiedenes anhängen: so etwa Bereicherung am Schleppergeschäft oder Beihilfe zur unerlaubten Einreise in die EU. Am Ende ging es aber um die Registrierung des Schiffes Lifeline. Im Flaggenzertifikat stand deutlich: unter holländischer Flagge. Heimathafen: Amsterdam. Drei Monate nach der Rettungsmission hat der holländische Wassersportverband ein neues Zertifikat geschickt mit dem Vermerk: «Flagge nicht anwendbar. Heimathafen: Amsterdam.»

Sie vermuten, dass jemand Druck auf die Holländer ausgeübt hat?
Ich weiss es nicht, aber es macht den Anschein. Die Mission Lifeline ist seit 2015 mit holländischen Zertifikaten von Malta aus unterwegs. Dabei hatte es nie Beanstandungen gegeben.

Sind Sie letzten Sommer Malta angelaufen, weil sie damit rechneten, glimpflicher davonzukommen als in Italien?
Nein. Ich bin aus taktischen Gründen vor Malta hin und her gefahren, weil ich hoffte, dass das Land Druck auf die europäischen Länder macht, damit sie die 235 Flüchtlinge an Bord aufnehmen. Wir haben sieben Tage lang auf einem Vierplattenherd 500 Mahlzeiten pro Tag gekocht. Aufgrund der schlechten Wetterlage damals musste ich befürchten, dass mir Leute wegen Unterkühlung sterben. Fünf Leute lagen wegen Dehydrierung am Tropf. 150 weitere waren ebenfalls seekrank. Da habe ich Malta um Einlauferlaubnis gebeten. Sonst hätte ich den Seenotfall ausgerufen.

Sie hatten ein Ambulatorium an Bord?
Ja, wir hatten ein kleines Hospital mit drei Behandlungsplätzen. Zum Team gehörten ein Herzchirurg als Arzt, eine Intensiv- und eine Anästhesiekrankenschwester sowie fünf ausgebildete Rettungssanitäter. Wir sind keine Hobbyschiffsfahrer.

«Wenn private NGOs Seenotrettung betreiben, machen sie natürlich medial ein Fass auf.»

Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete hat ja auch den Seenotstand ausgerufen.
Nein. Sie hat sich auf den Notstand berufen. Das ist etwas Ähnliches, aber ohne gleich auf den roten Knopf zu drücken. Irgendwann sind die Zustände einfach unhaltbar. Die Passagiere fragen dauernd: Kapitän, wohin geht es? Fahren Sie mich nach Libyen zurück? Irgendwann kippt die Stimmung, und die Leute sagen, sie würden lieber ertrinken, als nach Libyen zurückzukehren.

Sie haben Menschen an Bord genommen, die eigentlich die von Italien aufgerüstete libysche Küstenwache zurückholen wollte. Warum haben Sie das getan?
Wir hatten drei Ziele auf dem Radar und sind das nächstliegende Ziel angefahren. Es war ein Schlauchboot in sehr bedenklichem Zustand – vergleichbar mit einer schwach aufgepumpten Luftmatratze, nur dass da 120 Menschen drauf sassen. Die Leute auf dem Boot haben uns gesagt, dass drei Boote gleichzeitig von der libyschen Küste losgefahren seien. Also waren die anderen beiden auch Flüchtlingsboote.

Sie wollten die auch holen?
Genau. Wir konnten aber die 120 Menschen auf dem schlecht gepumpten Boot nicht zurücklassen und haben sie aufgenommen. Bei der Anfahrt zum zweiten Boot kam ein E-Mail von den Libyern, sie würden das Boot in einer halben Stunde aufnehmen. Das zweite Boot war in einem noch schlechteren Zustand als das erste, aber von den Libyern war nichts zu sehen. Also nahmen wir die Menschen auf diesem Boot auch auf. Dann erschien das libysche Schiff doch noch, und der Kapitän hat uns über Funk gedroht: «Helper, helper, I kill you.»

Was haben Sie getan?
Wir liessen uns einholen. Als sie da waren, wollten sie auf hoher See bei uns anlegen. Das macht man nie, weil es lebensgefährlich ist. Zudem konnten sie schlecht manövrieren. Es war ein 27-Meter-Stahlschiff. Wenn es mir auf der Höhe des Maschinenraums reingefahren wäre, wäre mir die Maschine vollgelaufen. Dann wäre Feierabend gewesen.

Haben es die Libyer trotzdem gemacht?
Sie haben es versucht, aber wir haben uns immer wieder abgedreht. Ich sagte mehrfach über Funk, sie sollten eine unbewaffnete Person mit dem Schlauchboot rüberschicken. Sie waren aber nicht fähig, ihr eigenes Schlauchboot zu wassern. Schliesslich sagte ich meinem Rettungsleiter, er solle rüberfahren und einen holen.

Die Libyer sind Ihren Anweisungen gefolgt?
Nicht wirklich. Sie standen zu siebt auf der Badeplattform. Wir waren mit dem Schlauchboot noch gar nicht da, da ist schon einer gesprungen. Er hing dann zwischen den Booten mit den Füssen im Wasser. Dann haben wir ihn reingezogen. Schliesslich haben wir auch den libyschen Kapitän noch mit aufs Schiff genommen. Er sagte, er wolle die Leute mitnehmen. Ich sagte, dass ich sie nicht hergebe, aber wir könnten zusammen das dritte Schlauchboot suchen.

«Es geht um eine Art Entsorgung. Andere werden in die Wüste gefahren und vom LKW gekippt.»

Sie wollten das dritte Boot nicht selber holen?
Doch, doch. Aber die Libyer hielten uns ja zurück, und das dritte Boot drohte vom Radar zu verschwinden. Nach zwanzig Minuten sagte ich dem libyschen Kapitän, dass ich ihm die Menschen nach der Genfer Flüchtlingskonvention gar nicht ausliefern dürfe. Schliesslich verliessen sie unser Schiff und fuhren wieder nach Libyen zurück.

Seitdem es die libysche Küstenwache gibt, ist die Zahl der Ertrunkenen von 4578 (2016) auf 1311 (2018) zurückgegangen.
Na ja, im Verhältnis zum Total der auf dem Seeweg nach Italien angekommenen Flüchtlinge sind letztes Jahr aber viel mehr Menschen ertrunken als zwei Jahre zuvor. Schliesslich kamen vor drei Jahren 181'000 Menschen übers Meer nach Italien und letztes Jahr bloss 23'370. Aber das sind perverse Zahlenspielereien. Zudem handelt es sich bloss um offizielle Zahlen.

Sie vermuten eine Dunkelziffer?
Ja. Zwischen Libyen und Italien treiben viele Leichen auf dem Meer. Wenn man mehr als 150 Meter Abstand hat, sieht man die nie. Wenn man eine Leiche findet, macht man ein Foto und gibt Position, Tag und Uhrzeit ans Rettungszentrum in Rom durch. Rom hat mir einmal geantwortet, ich solle die Leiche aufnehmen. Als ich erwidert habe, ich hätte keinen Kühlcontainer, antwortete die Leitstelle: «Okay, Leiche treiben lassen.» Aber wahrscheinlich stammt die Leiche von einem überfüllten Schlauchboot. Und die anderen Menschen auf diesem Boot hat keiner gefunden.

Wie hoch schätzen Sie die Dunkelziffer?
Wir gehen davon aus, dass sie viermal so hoch ist wie die offiziellen Zahlen. Das UNHCR geht davon aus, dass auf sechs Angekommene ein Toter kommt. Die Fischer von Zarzis in Tunesien berichten, dass sie wöchentlich, teilweise täglich Leichenteile in ihren Netzen finden.

Die meisten Flüchtlinge werden von Handels- oder Militärschiffen aufgenommen. Warum steht die private Seenotrettung im Fokus?
Für Herrn Salvini stehen alle im Fokus. Wir hatten bei unserer letztjährigen Mission noch ein weiteres Boot mit 118 Flüchtlingen gefunden und diese an ein Handelsschiff übergeben. Dieses Schiff liess man vier Tage vor dem sizilianischen Hafen Pozzallo warten. Was glauben Sie, was das kostet? Dahinter steckt eine Taktik: Mittlerweile fahren die Handelsschiffe weiter nördlich durch, um keine Flüchtlinge aufzunehmen. Aber ja, wenn private NGOs Seenotrettung betreiben, machen sie natürlich medial ein Fass auf. Irgendwie muss der Sprit ja auch bezahlt werden. Und wir finanzieren uns nur mit Spendengeldern. Indem wir an die Öffentlichkeit gehen, werden wir zur Projektionsfläche.

«Italien steht mit dem Flüchtlingsproblem alleine da.»

Sie gelten entweder als Held oder als Totengräber des Abendlandes. Wie sehen Sie sich selber?
Wir sind sicher keine Helden. Wir tun das, was staatliche Stellen tun sollten. Ich habe meine Firma Ende 2008 verkauft und habe viel Freizeit.

Fühlen Sie eine innere Berufung zum Retter?
Nein. Vor vier Jahren bin ich mit meinem Privatboot von Sardinien nach Griechenland gesegelt. In den Häfen Süditaliens sah ich alte, ausrangierte libysche Kutter, die als Flüchtlingsboote gebraucht wurden. Ich würde keine 500 Meter vor die Küste fahren damit.

Fahren auch Schlepper mit den Flüchtlingsbooten mit?
Nein, nie. Die Schlepper suchen sich am Strand einen aus, dem sie das Starten des Motors erklären.

Aber die Menschen wissen doch, dass das nicht bis Italien klappt?
Da bin ich mir nicht sicher. Man erzählt ihnen, dass nach den Ölplattformen entlang der libyschen Küste gleich Europa komme. Aber nach Malta sind es etwa 180 bis 200 Meilen. Dafür müssten sie 400 Liter Sprit dabei haben. Meist haben sie aber bloss 60 Liter, davon ist die Hälfte Wasser. Oft steigen die Leute auch nicht freiwillig ein. Stellen Sie sich vor, Sie sind zum ersten Mal am Meer, stehen nachts am Strand, hören das Getöse der Wellen und können nicht schwimmen. Da haben Sie Angst. Es geht um eine Art Entsorgung. Andere werden in die Wüste gefahren und vom LKW gekippt. Wissen Sie, was etwas nützen würde?

Eine gesamteuropäische Lösung. Aber Italien wird im Stich gelassen.
Ja, das ist der einzige Punkt, in dem ich Salvini recht geben muss: Italien steht alleine da. Solange es keinen Verteilschlüssel für Flüchtlinge gibt, schüttet man Wasser auf die Mühlen von Salvini und lässt die Menschen ertrinken.

Haben Sie nie daran gedacht, dass Sie mit der privaten Rettung eine Behebung der Missstände verhindern?
Mir ist auch klar, dass die privaten Seenotretter bei hochgradigen Zahnschmerzen Aspirin verteilen, obwohl man eigentlich eine Wurzelbehandlung machen müsste. Aber es ist nicht damit getan, am libyschen Strand eine Stacheldrahtrolle auszurollen. Solange man die Fluchtursachen nicht bekämpft, wird die Fluchtbewegung nicht aufhören.

Erstellt: 06.07.2019, 11:18 Uhr

Artikel zum Thema

«Der Platz dieses Fräuleins wäre das Gefängnis gewesen»

Italiens Rechtspopulisten sind verärgert über die Freilassung der Seenotretterin Carola Rackete. Innenminister Matteo Salvini wetterte auf Facebook gegen die Justiz. Mehr...

Rom und Berlin im offenen Konflikt

Wegen «Widerstand und Gewalt gegen ein Kriegsschiff» muss sich Kapitänin Rackete in Italien verantworten. Salvini kontert Kritik aus Deutschland. Mehr...

Vom Hobbysegler zum Retter

Der 59-jährige Claus-Peter Reisch wurde letzten Sommer als Kapitän des Schiffes «Lifeline» bekannt, mit dem er über 230 Flüchtlinge gerettet hat. Der Auto-Mechatroniker aus dem bayrischen Landsberg ist seit jugendlichen Jahren passionierter Hobbysegler. In den letzten drei Jahren absolvierte er mehrere Einsätze im Mittelmeer, die meisten für die NGO «Mission Lifeline». Reisch wurde unter anderem mit dem Preis der österreichischen Liga für Menschenrechte prämiert.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Gespenstische Stimmung: Ein Vogel fliegt während des letzten Vollmondes des Jahres über den Statuen der Katholischen Hofkirche in Dresden. (12. Dezember 2019)
(Bild: Filip Singer) Mehr...