«Sterbehilfe gehört nicht zu den Aufgaben des Arztes»

Mediziner gerieten zunehmend unter Druck sterbewilliger Patienten, warnt der Zürcher Ärztepräsident Josef Widler. Ärzte wehren sich gegen die Lockerung der Sterbehilfe-Richtlinien.

«Uns stört, dass man nun den Ärzten die Beurteilung überträgt, ob für den Patienten ein Leiden unerträglich ist», sagt Josef Widler im Interview. (Bild: Getty)

«Uns stört, dass man nun den Ärzten die Beurteilung überträgt, ob für den Patienten ein Leiden unerträglich ist», sagt Josef Widler im Interview. (Bild: Getty)

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Gemäss den neuen medizinisch-ethischen Richtlinien dürfen Ärzte auch Sterbehilfe leisten, wenn jemand keine tödliche Krankheit hat, sondern unerträgliches Leiden empfindet. Was stört Sie an dieser Lockerung?
Mit dieser Neuregelung bringt die Schweizerische Akademie der medizinischen Wissenschaften (SAMW) die Ärzte in ein Dilemma. Die SAMW macht die Beihilfe zum Suizid zu einer ärztlichen Tätigkeit, unabhängig davon, ob jemand an einer tödlichen Krankheit leidet. Wir sind der Meinung, dass Suizidbeihilfe nicht zur Aufgabe des Arztes gehört.

Aber ein Arzt kann sich wie heute weiterhin weigern, jemandem Pentobarbital zu verschreiben.
Ja, das kann er. Aber mit der Lockerung der Richtlinien wird der Druck auf die Ärzte steigen, das tödliche Mittel zu verschreiben. Es genügt künftig, dass jemand selbst sein Leben nicht mehr erträglich findet. Heute besagen die ärztlichen Standesregeln, dass eine schwere tödliche Krankheit vorliegen muss, die nicht behandelbar ist. Dann kann ein Arzt Beihilfe zum Suizid leisten.

Kann man denn heute immer glasklar sagen, wenn eine Krankheit in absehbarer Zeit zum Tod führt?
Ja, das kann man. Die neue SAMW-Richtlinie scheint uns hingegen ziemlich beliebig. Man sieht Beihilfe zum Suizid als ärztliche Tätigkeit. Dafür braucht es keinen Arzt. Wer sich umbringen will, kann künftig Druck auf den Arzt machen, um ein Rezept für ein tödliches Mittel zu erhalten. Dagegen wehren wir uns.

Kann denn ein Arzt nicht beurteilen, ob jemand unerträglich leidet?
Da geraten wir auf heikles Terrain, und die Frage lautet, was noch lebenswertes Leben ist. Das ist sehr individuell. Das soll nicht der Mediziner entscheiden müssen.

Aber es ist doch schon heute so, dass Menschen Sterbehilfe erhalten, die keine tödliche Krankheit haben. Prominentes Beispiel ist der 104-jährige Australier, der kürzlich in der Schweiz Sterbehilfe beanspruchte.
Ja, aber uns stört, dass man nun den Ärzten die Beurteilung überträgt, ob für den Patienten ein Leiden unerträglich ist. Der Begriff «unerträgliches Leiden» ist unbestimmt und hängt von der Einschätzung des Patienten und dessen Wertvorstellungen ab. Das macht es für den Arzt sehr schwer, eine klare Grenze zu ziehen. Stossend ist auch, dass die Ärzteverbindung FMH sich gegen diese neue Regelung gewehrt hat und sie die SAMW den Ärzten nun gegen deren Willen aufdrückt.

Im Falle des 104-jährigen Australiers kann man davon ausgehen, dass er ohnehin nur noch wenige Jahre zu leben hatte. Warum ihm also den Sterbewunsch verweigern?
In diesem Fall könnte man sagen: Die einzige wirklich tödliche Krankheit ist das Leben. Wir sind einfach der Meinung, Sterbehilfe ist keine Aufgabe des Arztes. Am meisten stört mich aber, dass es die Politik in der Schweiz bisher mehrmals ablehnte, die Sterbehilfe gesetzlich zu regeln. Wenn die Gesellschaft heute sagt, dass der einzelne Mensch die Verantwortung über sein Leben haben soll, dann soll man auch den Fall regeln, wenn er sich suizidieren will. Das kann nicht über eine ärztliche Richtlinie passieren. Die Politiker haben das Thema bisher gescheut wie der Teufel das Weihwasser. Die Diskussion über die Sterbehilfeorganisationen hat man ja nicht erst seit gestern.

Was müsste in einem Gesetz geregelt werden?
Wenn die Gesellschaft findet, dass das Individuum das Recht hat, Beihilfe zum Suizid zu beanspruchen, dann muss man die Bedingungen für diese Beihilfe festlegen. Eine Stelle müsste prüfen, ob die Bedingungen erfüllt sind. Eine Abgabestelle und nicht mehr der Arzt würde dann das Pentobarbital abgeben.

Der Arzt würde nur noch prüfen, ob jemand urteilsfähig ist?
Ja, vermutlich müssten wir das noch machen.

Haben Sie selbst schon Beihilfe zum Suizid geleistet?
Ja, ich habe bisher zweimal ein Rezept ausgestellt. In beiden Fällen litten die Patienten an einer unheilbaren Krebserkrankung im Endstadium. Die Patienten hatten wiederholt darum gebeten. Die ganze Familie war beigezogen worden, sodass ich als Arzt fast nicht anders konnte.

Die Menschen werden immer älter, und es gibt immer mehr Fälle von Betagten, die sagen, sie hätten genug vom Leben. Warum soll man diesen Menschen den Sterbewunsch nicht erfüllen?
Ich mache das nicht. Ich hatte einmal eine solche Patientin. Sie ging dann zu einem anderen Arzt. Hätte sie allerdings ihre Herzmedikamente nicht mehr eingenommen, wäre sie auch innert vier Tagen gestorben. Wir haben in unserer Gesellschaft ein grundsätzliches Problem mit dem Sterben.

Wie meinen Sie das?
Gerade bei den alten Leuten stelle ich fest, dass die Menschen nicht mehr wissen, wie man stirbt. Normales Sterben im hohen Alter würde so verlaufen, dass man aufhört zu essen und zu trinken. Dann stirbt man. Bei dementen alten Menschen habe ich das schon gesehen. Die beschliessen irgendwann, nicht mehr zu essen und zu trinken, und sterben friedlich. Wir haben keine Sterbekultur mehr, empfinden Sterben als etwas Exotisches. Dann fehlt heute bei vielen auch der metaphysische Überbau. Früher half den Leuten die Religion. Der Glauben fehlt heute bei vielen, das macht das Sterben nicht einfacher.

Die SAMW regelt in den Richtlinien auch das Sterbefasten. Entspricht die Verweigerung der Nahrungsaufnahme, die Sie beschreiben, dem Sterbefasten?
Fasten ist eine bewusste Handlung. Bei Greisen, bei ganz alten Leuten lässt einfach der Drang nach, zu essen und zu trinken. Wir reden heute von unterernährten Leuten im Pflegeheim und geben ihnen Zusatznahrung. Man kann das machen. Aber die Frage wäre eigentlich, ob es nicht schon zum Sterbeprozess gehört, wenn jemand nicht mehr isst und trinkt.

Man darf demente alte Menschen, die nicht mehr essen, sterben lassen?
Ja, das darf man. Im Pflegeheim bietet man ihnen immer täglich Essen und Flüssigkeit an. Wenn sie das ablehnen, dann muss man das aus meiner Sicht akzeptieren.

Genauso, wie wenn ein Patient die medizinische Behandlung ablehnt?
Ja, ich hatte grad so einen Patienten. Er lehnte die Medikamente ab, wollte aber keine starken Schmerzen und nicht ersticken. Dann haben wir Opiate verschrieben, und er verstarb.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.06.2018, 20:44 Uhr

Josef Widler ist Präsident der Ärztegesellschaft des Kantons Zürich. (Bild: josef-widler.ch)

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