Das Grün meiner Kindheit verschwindet

Die Wohnungen werden grösser, dafür schrumpfen die Grünflächen rundherum.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das Triemliquartier, Endstation des Neuners und des Vierzehners, ist eine Gegend, wo man nicht oft hinkommt, ausser man wohnt dort. Oder man muss ins Spital. Aber sonst ist das Triemli der Heimplatz der Wohnbaugenossenschaft Sonnengarten, gegründet 1944, zahlbarer Wohnraum war schon damals knapp. Ein Teppich von dreistöckigen Wohnblöcken; still und beschaulich aufgereiht in der grünen Wiese. Doch 2012 kam die Revolution, die Architekten von Ballmoos Krucker knallten eine halbrunde Festung in die Idylle, eine Pioniertat der Verdichtung.

Als nächste Etappe sollen jetzt die obersten Ausläufer des Sonnengartens abgerissen und neu gebaut werden, rund 400 Wohnungen sind geplant. Im Auftrag der Genossenschaft schrieb die Stadt einen Architekturwettbewerb aus. Als erstes hat die Jury das Baufeld 1A bewertet, gleich unterhalb der Birmensdorferstrasse, wo sie die langgezogene Kurve macht und Zürich verlässt.

Genau im Baufeld 1A, mit einer phänomenalen Aussicht über die Stadt, bin ich aufgewachsen. Die Wohnungen waren klein, wir hatten nicht mal einen Balkon, aber viel Grün zwischen Häusern. Die steile Wiese, wo ich lange Nachmittage gelesen habe, die Wildnis mit den Haselnussbäumen neben dem Haus. Jetzt werden die Wohnungen grösser und heller, aber dafür das Grün kleiner und genormter. Jede Zeit hat ihre Visionen und ihre Architektur.

Die Wohnungen waren klein, wir hatten keinen Balkon, aber viel Grün rundherum.



Wie man sich heute das Wohnen vorstellt, erfährt man im Kellergeschoss des Hallenbads Oerlikon, im Untergrund von dunklen Gängen, Heizungsrohren und Fitnessräumen. In einen neongrellen Raum stehen die prämierten Modelle des Architekturwettbewerbs. Die meisten Projekte bauen raffinierte Kuben in die Hanglage, wie man eben heute baut - einzig das Siegerprojekt mit seinen Giebeldächern und der konstruierten Nachbarschaftlichkeit scheint das verlorene Grün mit einem kleinstädtischen Look ersetzen zu wollen. Den Bericht der Jury findet man auf der Homepage des Hochbauamtes unter Wettbewerb Wohnsiedlung Goldacker.

«Was möchtet ihr? Was erwartet ihr von eurer Genossenschaft?» fragten die Leute vom Sonnengarten ihre Mitglieder vor der Planung. Sie möchten sozialen Kontakt, antworteten die Genossenschafter, die Durchmischung von Jung und Alt, sie möchten Cafés, kleine Läden, einen Dorfplatz, sie möchten spielen, sie möchten freie Räume. Sie möchten viel Grün, sie möchten viel Stadt - und sie wollen alt werden in der Genossenschaft.


Miklós Gimes lebt in Zürich, ist Autor und Regisseur. Für den «Tages-Anzeiger» schreibt er jede Woche die Stadtgeschichte.

Erstellt: 03.11.2019, 17:54 Uhr

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sie wollen täglich die besten Beiträge aus der Redaktion?
Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter «Der Morgen».

Blogs

Sweet Home Machen wir es uns doch einfach schöner!

Geldblog Zurich unterstreicht Wachstumsambitionen

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Fast wie auf der Titanic: Ein Liebespaar betrachtet die untergehende Sonne im untergehenden Venedig (17. November 2019).
(Bild: Luca Bruno) Mehr...