Uber – vom Hype zur «Horror-Show»

Der Börsengang ist missraten, die Arbeitsmoral ist im Keller, der Gründer verkauft seine Aktien: Uber dreht im roten Bereich.

Firmenchef Dara Khosrowshahi verdiente 2018 45,3 Millionen Dollar, während Uber-Fahrer sich finanziell kaum über Wasser halten können. Foto: Keystone

Firmenchef Dara Khosrowshahi verdiente 2018 45,3 Millionen Dollar, während Uber-Fahrer sich finanziell kaum über Wasser halten können. Foto: Keystone

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Aus der grössten Hoffnung des Börsenjahres 2019, Uber, ist eine grosse Enttäuschung geworden. Enttäuscht sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, denen eine Belohnung durch steigende Aktien versprochen wurde. Enttäuscht sind die Investoren, die den Wert des Unternehmens in unrealistische Höhen getrieben hatten. Und enttäuscht ist auch das Management. Zwei Jahre nach dem forcierten Abgang von Firmengründer Travis Kalanick hat Uber die Wende hin zu einem soliden Gewinn nicht geschafft und musste in den letzten Monaten bereits drei Entlassungsrunden durchziehen.

Doch das Bild eines Unternehmens mit anhaltenden Verlusten und wachsender Konkurrenz durch andere Anbieter spiegelt sich nicht in den Managerlöhnen. Firmenchef Dara Khosrowshahi erhielt im vergangenen Jahr ein dickes Lohnpaket von 45,3 Millionen Dollar, während zahlreiche Uber-Fahrer sich finanziell kaum über Wasser halten können. Zwar versucht Kalifornien, das massive Lohngefälle zwischen den Fahrern und den Managern etwas zu begradigen.

Die Fahrer sind nur ein Übergangsprodukt

Ein neues Gesetz will Uber zwingen, die Fahrer als feste Angestellte zu behandeln, nicht nur als freie Mitarbeiter. Dies würde die Kosten des Unternehmens stark erhöhen und die finanzielle Zukunft weiter verdunkeln, weil Uber ihnen die gleichen Sozialleistungen wie den Festangestellten zahlen müsste. Uber weigert sich indessen, diese Vorschrift durchzusetzen, und ist trotz zahlreicher Niederlagen auch in diesem Fall bereit, vor Gericht zu gehen. Khosrowshahi sieht das Unternehmen als «Betriebssystem für jedermanns Alltag», so etwas wie eine digitale Applikation mit Robotern. Ziel Nummer eins ist denn auch, sich der Fahrer zu entledigen und sie mit selbstfahrenden Taxis zu ersetzen. Die Fahrer sind nur ein Übergangsprodukt.

Neben den Fahrern wächst allerdings auch bei den Festangestellten der Frust. Und dies nicht zuletzt wegen Travis Kalanick. Der Firmengründer stiess letzte Woche ein dickes Aktienpaket von 547 Millionen Dollar an der Börse ab, 20 Prozent seines Anteils, und setzte den fallenden Kurs zusätzlich unter Druck. Die Papiere fielen auf einen Tiefpunkt und notierten über 40 Prozent unter dem Wert des Börsengangs im Mai. Der Zeitpunkt war aber kein Zufall. Nach einer Wartefrist von 180 Tagen nach dem Börsengang hatten Investoren und Manager die erste Chance, ihre Anteile am Markt abzustossen.

Diese Gelegenheit hatten auch Tausende von Mitarbeitern, die in den letzten Jahren einen wesentlichen Teil ihres Lohns in Form von Optionen auf Uber-Aktien bezogen und deswegen tiefere Löhne erhalten hatten. Sie hofften, endlich Kasse machen zu können. Viele versuchten, zu retten, was zu retten war, und verkauften aus Angst, dass der Preis noch mehr fallen könnte. Dies verleitete gemäss Finanzmedien selbst Mitarbeiter zum Verkaufen, die ihre Optionen eigentlich erst später einlösen wollten. Aufgeregte Diskussionen in internen Chat-Gruppen und auf Facebook trugen das Ihre zur Ausverkaufsstimmung bei.

Gute Laune: Uber-Gründer Travis Kalanick hat 547 Millionen Dolar verdient – weil er Uber-Aktien abstiess. Foto: Keystone

Als sie 2016 ihre Stelle antrat, wurden ihr rosige Prognosen mit einem jährlich verdoppelten Wachstum gezeigt, erinnert sich eine frühere Angestellte. Die Aktie werde auf 100 Dollar steigen, aber sicher nicht unter 40 (derzeit 27 Dollar). Damals wurde das Unternehmen mit 68 Milliarden bewertet; ein Wachstum auf mehr als 100 Milliarden galt als sicher. Die meisten Angestellten glaubten das Wachstumsmärchen und vergassen, dass nur eine winzige Zahl von Start-up-Firmen je den Sprung in die Superliga schafft. Dieses Jahr wurde diese Illusion zerstört, da neben Uber auch die Börsengänge von Lyft, Pinterest und Slack nicht mit der Fantasie mithielten und frustrierte Mitarbeiter mit entwerteten Aktienpaketen zurückliessen.

Uber wird derzeit noch mit 45 Milliarden Dollar bewertet, ohne dass aber der Weg zur Gewinnschwelle klarer geworden wäre. Ein Wallstreet-Analyst erklärte das Unternehmen sogar zur «Horror-Show», als die letzten Zahlen bekannt wurden. Der Quartalsverlust stieg innert einem Jahr von 986 Millionen auf 1,2 Milliarden Dollar; dies immerhin bei einem um 30 Prozent auf 3,8 Milliarden steigenden Umsatz. Im Jahr 2021 werde man profitabel sein, so das letzte Versprechen, dem an der Börse kaum jemand zu glauben scheint.

Immerhin hat Champagnerstimmung vor dem Börsengang der Realität Platz gemacht. Khosrowshahi hat ein Kostensenkungsprogramm lanciert, seit dem Mai mehr als tausend Angestellte entlassen und die übrigen zu Sparvorschlägen aufgefordert. Erste Resultate erscheinen indessen bescheiden: Es soll keine Partyballons mehr geben, und statt Kaffee vom Spezialröster soll nur noch das Gebräu von Starbucks serviert werden. Einsparung: einige 100’000 Dollar. Uber sei zu gross, sagt der Chef, und erziele nur mittelmässige Resultate: «Wir verlangen von unseren Mitarbeitern, dass sie in Zukunft mehr mit weniger leisten.» Wie nervös die Stimmung ist, bewies Khosrowshahi allerdings selbst.

Der Firmenchef verglich den Mord am Journalisten Jamal Kashoggi mit dem Tod einer Frau, die von einem Uber-Auto überrollt wurde.

In einem Interview vom Sonntag verglich er den Mord am Journalisten Jamal Kashoggi, einem Mitarbeiter der «Washington Post», mit dem Tod einer Fussgängerin, die auf einer Testfahrt von einem Uber-Auto überrollt wurde. Die Saudis hätten eben einen «Fehler» gemacht. «Wir alle machen Fehler. Das heisst nicht, dass man nicht verzeihen kann.» Der Aufruhr über eine Sichtweise, wonach die vom CIA dem saudischen Kronprinzen direkt zugeschriebene Ermordung ein entschuldbarer Fehler gewesen sei, zwang den Uber-Chef zu einem peinlichen Rückzieher. Umgehend entschuldigte er sich. «Ich sagte etwas, woran ich nicht glaube.»

Was er nicht erwähnte, ist, dass der saudische Staatsfonds gross in Uber investiert hat, einen Sitz im Verwaltungsrat besetzt und letztes Jahr 400 Millionen Dollar Jahr ins neue Unternehmen von Uber-Gründer Kalanick steckte.

Erstellt: 18.11.2019, 11:07 Uhr

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