«Väter wollen nicht wie Praktikanten behandelt werden»

Remo Ryser ist der erste Väterberater in der Schweiz. Im Interview spricht er über den Spagat zwischen Ernährer und engagiertem Papi.

«Es gibt nicht eine richtige Art, Vater zu sein»: Vätercoach Remo Ryser. Foto: Christian Pfander

«Es gibt nicht eine richtige Art, Vater zu sein»: Vätercoach Remo Ryser. Foto: Christian Pfander

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Remo Ryser, warum braucht es einen Väterberater?
Ich beginne mit meiner eigenen Erfahrung: Als ich Vater wurde, fühlte ich mich zwar mit Fragen rund um die kindliche Entwicklung bei der Mütter- und Väterberatung gut aufgehoben. Was mir fehlte, war ein männliches Gegenüber, mit dem ich Fragen zu meiner Vaterrolle besprechen konnte.

Und das fehlt auch anderen Vätern?
Ja, das ergab auch eine Befragung, die wir durchführten: Vätern fehlt der Austausch mit anderen Vätern. Es fehlen ihnen Vorbilder. Viele Väter bleiben mit ihren Fragen allein. Sie würden gerne mal mit einem Vater reden, der sich ebenfalls einbringt in die Familie, der die gleichen Hürden und Spannungen erlebt.

Welche Spannungen?
Der Grossteil der Väter versucht, beides zu sein: Vollzeiternährer und engagierter Papi. Dieses Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne bringt viele Väter gehörig unter Druck. Auch weil sich Politik und Arbeitgeber erst langsam bewegen, damit jeder Vater und jede Familie eine echte Wahl hat.

«Mir ist es ein Anliegen, dass Männer erkennen, wie bedeutungsvoll sie für die Entwicklung ihrer Kinder sind.»

Mütter erleben das Gleiche, einfach mit umgekehrten Vorzeichen.
Genau. Für beide ist es anspruchsvoll, weil es keine unverrückbaren Rollenverständnisse mehr gibt. Es gilt für Eltern, vieles miteinander auszuhandeln.

Sie beraten seit August Männer am Vätertelefon. Welche Sorgen haben diese Väter?
Häufige Themen sind Konflikte und Spannungen in der Familie. Die Eltern haben unterschiedliche Vorstellungen von der Kinderbetreuung, und der Vater weiss nicht, wie er das mit der Partnerin ansprechen kann. Oder ein Vater möchte eine Beziehung aufbauen zu seinem Kind, findet aber den Zugang zu diesem verletzlichen kleinen Baby nicht. Es gibt aber auch Väter, die von ihrer neuen Rolle sehr inspiriert sind und eher Fragen haben wie: Was kann ich mit meinem Kind unternehmen?

Wie unterstützen Sie die Väter?
Ich höre erst einmal zu, frage nach. Mir geht es darum, gemeinsam ihren Weg zu finden. Ich möchte den Vätern den Rücken stärken. Mir ist es ein Anliegen, dass Männer erkennen, wie bedeutungsvoll sie für die Entwicklung ihrer Kinder sind. Dass sie ihren Platz in der Familie aktiv mitgestalten – im Teamwork mit der Partnerin. Ich will sie ins Spiel bringen.

«Väter wollen nicht als Assistenten oder Praktikanten behandelt werden.»

Längst nicht alle Väter wollen sich wirklich so engagieren in der Familie.
Das stimmt. Ein Teil der Väter erlebt Vatersein gegenwärtig nicht als Bereicherung und übernimmt auch weniger Familienarbeit. Auch ihnen sind ihre Kinder in der Regel nicht egal, sie finden einfach keine Wege, um sich auf befriedigende Weise in die Familie einzubringen. Teilweise auch, weil sie sich abgehängt oder fehl am Platz fühlen.

Beraten Sie auch Mütter, die sich mehr Engagement von ihrem Partner wünschen?
(lacht) Ja, ich verstehe mich durchaus auch als eine Art Väterversteher, der versucht, die Perspektive von Vätern zu kommunizieren.

Weil Ihnen die Frauen den Platz nicht einräumen?
Teilweise. Tatsächlich ist es so, dass Väter mehr Verantwortung in der Familie übernehmen, wenn sie sich wertgeschätzt fühlen. Sie wollen nicht als Assistenten oder Praktikanten behandelt werden.

Sind es nicht bloss Väter aus einer privilegierten Schicht, die viel Betreuungsarbeit übernehmen, weil sie es sich leisten können, Teilzeit zu arbeiten?
Das ist überhaupt nicht mein Bild. Auch Väter, die 100 Prozent arbeiten, spielen eine positive Rolle in der Entwicklung ihrer Kinder, kümmern sich. Es gibt nicht eine richtige Art, Vater zu sein, sondern eine bunte Vielfalt.

«Wir versuchen, die Familienarbeit hälftig aufzuteilen. Es gelingt uns aber nicht immer.»

Was sind Sie für ein Vater?
Ich habe diese Frage meinem Sohn gestellt. Er sagte: Oh, da muss ich so viel aufzählen! Du kochst mit mir, spielst mit mir, tröstest mich, streitest mit mir, wir putzen das Bad zusammen. Das war für mich die schönste Antwort, weil sie zeigte, dass ich ihm anscheinend ein facettenreicher Vater bin.

Die Mütter- und Väterberatung gibts seit 100 Jahren. Kaum kommt der erste Mann, gibt es ein Tamtam. Warum ist das so?
Ich glaube, das hat weniger mit dem Geschlecht zu tun als vielmehr mit der Pionierrolle. Auch die erste Tunnelbauerin und die erste Programmiererin erhielten viel Aufmerksamkeit. Sicher stimmt es, dass die Frauen in der Mütter- und Väterberatung lange Arbeit leisteten, die wenig gesehen und wertgeschätzt wurde.

Wie teilen Sie sich auf in der Betreuung Ihres Sohnes?
Wir versuchen, die Familienarbeit hälftig aufzuteilen. Es gelingt uns aber nicht immer.

Erstellt: 22.11.2019, 21:07 Uhr

Schweizer Pionier in der Väterberatung

Remo Ryser (47) ist Psychologe, seit über zehn Jahren in der Väterarbeit tätig und berät seit August als erster Vätercoach der Schweiz Männer bei der Mütter- und Väterberatung Kanton Bern. Er ist verheiratet, Vater eines 7-jährigen Sohnes und lebt in der Nähe von Bern.

Die Mütter- und Väterberatung gibt es in allen Kantonen und steht Eltern und anderen Bezugspersonen von Kindern bis zum 5. Lebensjahr mit fachlicher Beratung zur Seite.

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