Von der Geburt eines Festivals

Kaum ein Open-Air hat vor seiner Premiere derart viel Spott und Skepsis geerntet wie das Vibez in Biel. Was kann man von ihm lernen?

J Balvin kam am Donnerstag direkt aus Portugal halbwegs pünktlich auf die Vibez-Bühne in Biel.

J Balvin kam am Donnerstag direkt aus Portugal halbwegs pünktlich auf die Vibez-Bühne in Biel. Bild: Florian Schneiter

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Es geht in der Musik ja gerade ein bisschen zu und her wie im Spitzensport: Es wird Doping betrieben in Form von eingekauften Streaming- oder Video-Views, man verschafft sich Wettbewerbsvorteile, indem man sich Chart-Platzierungen ergaunert – und neuerdings sind da offensichtlich auch arabische Scheichs im Spiel, denen es gefällt, ihren Reichtum in sündhaft teure Festivals zu investieren.

Am erstmals durchgeführten Festival Vibez in Biel kommen all diese Faktoren auf wunderliche Art zusammen. Der Veranstalter, ein Wirtschaftsinformatiker aus der Gegend, hat sich sein Festival aufgrund von Youtube-Quoten und Spotify-Streams zusammenprogrammiert (die Filmchen aller Auftretenden wurden insgesamt sagenhafte 7 Milliarden Mal angeguckt), zudem lässt er Selfies mit einem Scheich kursieren, der von diesem Anlass in Biel offenbar so enthusiasmiert ist, dass er seine Geldschatulle dafür geöffnet und gleichzeitig die Fluggesellschaft Emirates als Hauptsponsor aufgeboten haben soll.

Frau in Katzenmaske

Doch die erste Frage, die sich beim Betreten des eher prunklosen Geländes zwischen Tissot-Arena und Autobahn stellt, ist: Wo sind die Youtube-Gucker, wenn man sie im richtigen Leben mal braucht?

Als um 18 Uhr der erste Act über die Hauptbühne tanzt, hat sich eine handgezählte Siebzigerschaft auf dem für circa 25’000 Personen bemessenen Gelände eingefunden. Affichiert ist etwas, was an helvetischen Open Airs eher selten zu Gast ist: Kulturschaffen aus Dubai. Die dubiose Frau, von der nur ein paar sehr wackelige Handyvideos übermittelt sind, heisst Sonia Majeed, wird im Programm unter anderem als professionelle Playbacksängerin schmackhaft gemacht und ist Inhaberin von circa dreissig Ambassadoren-Titeln. Im Vorfeld wurde bereits der Anfangsverdacht erhoben, ihr Auftritt könnte womöglich ein kleines Gegengeschäft mit dem ominösen Scheich gewesen sein. Doch Sonia Majeed ist nicht angereist, so wie auch das Emirates-Logo auf einmal nirgends mehr zu sehen ist, da die Marketingabteilung nichts von einem Sponsoring-Engagement wissen wollte und Anwälte gegen den Veranstalter in Stellung gebracht hat.

Die stellvertretende Grossraumdisco-Mucke stammt von einer gänzlich unbekannten Frau namens Faceless, die – offenbar, um ihrem Namen gerecht zu werden – den ganzen Auftritt über eine Katzenmaske trägt. Sie soll einst eine Background-Sängerin von Whitney Houston gewesen sein, in Biel gibt sie die professionelle Halbplaybacksängerin – und verschwindet nach 40 Minuten grusslos wieder im Hinterbühnenbereich.

Die nächste, die ran muss, ist Tiggi Hawke aus London (73’800 monatliche Hörer auf Spotify). Sie ist keine Playbacksängerin, setzt in ihren Dance-Pop jedoch derart viele krumme Töne, dass man sich wünschte, sie hätte doch auf diese Nische der Unterhaltungsindustrie gesetzt. Die Publikums-Siebzigerschaft ist wenig amused.

20 Uhr: Die Veranstalter haben nun vier aufwendig gestylte Tänzerinnen der deutschen Künstler-Company Dreamotionz auf ein Podest im Eingangsbereich gestellt. Sie tanzen ohne eigentlichen Grund, jedenfalls ohne Musik. Einfach so, aus innerer Überzeugung. Die Vorbeigehenden nehmen kaum Notiz von ihnen. Doch die gute Nachricht ist: Es kommen Leute vorbei.

Es ist jetzt 20.15 Uhr. Ein Animateur macht auf der Hauptbühne Stimmung für die Gruppe Gente de Zona (11’118’514 Youtube-Views). Er benützt wiederholt den Ausdruck «Oh, my god», meint das aber positiv. Gente de Zona spielen als Erstes einen Film von einer Grammy-Verleihung ein, an der sie gleich dreifach abgeräumt haben. Es ist, als wollten sie klarstellen, dass es bei ihnen sonst ein bisschen glamouröser zu und her geht. Doch mittlerweile haben sich – grosszügig geschätzt – 4000 begeisterungswillige Heissblüterinnen und Heissblüter eingefunden und schwenken Landesflaggen ihres einstigen Heimatlandes durch die Bieler Luft. Da ist viel Kuba dabei, noch mehr Kolumbien und ein bisschen Dominikanische Republik, und auf der Bühne wird neben der Konfetti- nun auch die Stimmungskanone gezündet.

Die Band um die beiden Goldschmuck-befürwortenden Sänger aus Kuba ist in der ganzen lateinamerikanischen Welt wohlgelitten und präsentiert ein süffiges und handwerklich tipptoppes Konglomerat aus Reggaeton, kubanischer Musik und so ziemlich allem, was die gemeine Latina sonst so in Verzückung bringt (da ist auch etwas Kitsch dabei und eine Abwandlung des einstigen Sommerhits «La Macarena»). Die Damen von Dreamotionz haben nun allen Grund zum Tanzen, und bald ist auch vergeben, dass einer der Charme-Sänger das Publikum mit «Zurigo, te amo» zu bezirzen trachtet.

Enttäuschte Katastrophentouristen

Weniger mit Charme als mit existenziellen Gewissensfragen konfrontiert kurz darauf der bernische Gaudi-Türke Müslüm (monatliche Spotify-Hörer: 17’990) sein Auditorium auf der Zeltbühne. Er legt in seinen Tiraden gegen Auto-Tune-Effekte, Lebensmittelimporte und Trap-Musik einen erstaunlichen Kulturpessimismus an den Tag, der vom Vibez-Publikum eher nicht geteilt wird. Doch die Stimmung ist trotzdem prima. Es wird textsicher mitgesungen, und Müslüms osmanische Discotanzeinlagen ernten sogar frenetischen Szenenapplaus.

Und auch sonst erinnert das Vibez-Festival an diesem Eröffnungsabend immer mehr an ein ganz normales, wenn auch immer noch ganz schlecht besuchtes Open Air. Die paar Katastrophentouristen, die nach den zahlreichen Negativschlagzeilen im Vorfeld gekommen waren, um das grösste Festival-Fiasko der Schweiz hautnah mitzuerleben, finden bald nichts mehr, um in Wallung zu geraten.

Die Infrastruktur ist passabel, Erkundungen ergeben, dass die Damen und Herren von der Tonanlage ihr Geld erhalten haben, die Musiker ebenso, und bis auf die Dubai-Sängerin sind auch alle Künstler anwesend. Sogar der Superstar des Abends, J Balvin (115’350’629 Youtube-Betrachtungen und zweimal 10-fach-Platin in den USA), bringt das Kunststück fertig, nach einem gleichentags anberaumten Auftritt in Porto, einigermassen pünktlich in Biel auf die Bühnenbretter zu hoppeln. Da er seinen Auto-Tune-Effekt heute nicht so streng eingestellt hat, ist sein Reggaeton ganz knackig und erinnert in seiner zeitweiligen Schnörkellosigkeit angenehm an die Anfangszeit des Genres, als noch nichts war mit kommerzieller Überzüchtung und poppigem Firlefanz.

Wacklige Beine

Dennoch wird der Peak von geschätzten 4000 Schaulustigen an diesem Abend nicht mehr überstiegen. Und was lehrt uns das? Spotify- und Youtube-Statistiken sind in einer Zeit, in der diese beliebig manipulierbar sind, für den Livesektor keine zuverlässige Grösse. Und Youtube-Gucker sind nicht zwingend auch Konzertgänger.

Bei einem von Branchenkennern geschätzten Break-Even bei 35’000 Zuschauern an allen drei Tagen, und in Anbetracht der zahlreich verschenkten Tickets und des unklaren Beziehungsstatus des Geld-Scheichs könnte es für die Veranstalter tatsächlich eng werden. Für die Hip-Hop-Nacht heute Freitag sind jedenfalls noch Tickets erhältlich, für den Samstag, an welchem dem Populär-Techno gefrönt wird, soll der Vorverkauf laut Veranstalter sehr gut laufen. Sagen wirs also so: Die Schweiz kann die Geburt eines neuen Open Airs vermelden. Es gibt sich selbstbewusst, trägt bereits teure Designerklamotten und Goldschmuck, steht aber noch auf ziemlich wackligen Beinen.

Erstellt: 07.06.2019, 12:11 Uhr

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