Die «beste Zeitung der Welt» stolpert über ihre Karikaturen

Wegen einer angeblich antisemitischen Zeichnung verzichtet die «New York Times» künftig auf Cartoons. Mittendrin: der Schweizer Patrick Chappatte.

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«Politische Cartoons wurden mit der Demokratie geboren. Und sie werden infrage gestellt, wenn die Freiheit infrage gestellt ist.» So hat es der Westschweizer Zeichner Patrick Chappatte just in seinem aufrüttelnden Essay-Post ausbuchstabiert, der die Diskussion überhaupt erst ins Rollen gebracht hat. Umgekehrt gehe die einzigartige Freiheit des politischen Cartoons Hand in Hand mit einem ausgeprägten Sinn für Verantwortung. Doch dafür ist in der «New York Times» kein Platz mehr: Am Montag wurde ihr Entscheid öffentlich, das Format des politischen Cartoons aufzugeben und die beiden fest angestellten Künstler zu entlassen, Patrick Chappatte und Heng Kim Song.

Die umstrittene Trump-Netanyahu-Karikatur von António Moreira Antunes. Foto: PD

Inzwischen wurden Abos der «New York Times» gekündigt, CNN diskutierte, Twitter brannte. Die Entscheidung sei rückgratlos, geisselte einer der erbosten Leser den Rückzug aus der Karikatur. Man brauche Chap­patte und politischen Humor mehr denn je. Die Zeitung reagiert auf die Kündigungen mit Beschwichtigungen und Rabattangeboten. Der Zweck von Journalismus sei, der Welt verantwortungsvoll und wahrheitsgetreu Informationen zu vermitteln, schrieb sie etwa einer Leserin. Man wolle den Geist der offenen Debatte erhalten. Und ob sie sich die Kündigung nicht noch einmal überlegen würde, wenn sie die NYT jede vierte Woche zu verbilligtem Preis bekäme?

Eine kurze Tradition

Hat man bei der Zeitung, die viele – nicht ohne Grund – für die beste der Welt halten, die Bedenken und den Wert von Cartoons verstanden? Jedenfalls hatte Patrick Chappatte, 1967 als Sohn eines Schweizers und einer Libanesin geboren, seinerzeit die Tür für den politischen Cartoon bei der NYT überhaupt erst aufgestossen. Er wurde vor über 20 Jahren Cartoonist bei der in Paris stationierten «International Herald Tri­bune», die mit der Zeit ganz in den Besitz der NYT überging, und zeichnete so schliesslich für die internationale Ausgabe der NYT. Seit 2018 wurden seine – mit Preisen ausgezeichneten – Arbeiten auch für die spanische und die chinesische Website übersetzt. Nur die Papierausgabe der USA brachte keine politischen Cartoons.

Jetzt soll Schluss sein. Noch wird Chappatte auf der NYT-Website als «editorial cartoonist for The International New York Times, formerly known as the International Herald Tribune» geführt. Aber ab 1. Juli erscheinen sämtliche Ausgaben der NYT ohne täglichen politischen Cartoon. Man sei sehr dankbar und stolz auf die langjährige Mitarbeit der zwei Cartoonisten, liess der verantwortliche Redaktor wissen. Man interessiere sich auch weiterhin für Formen wie die ­Comic-Reportage und für komplexen, nuancierten, gern auch visuellen Meinungsjournalismus. Aber eben.

Hallraum der sozialen Medien

Hinter dem Rückpfiff steht, so ist Chappatte überzeugt, der Skandal um die Netanyahu-Karikatur, die in der «International NYT» im April erschienen war und sie in Erklärungsnöte brachte. Der portugiesische Cartoonist António Moreira Antunes hatte den israelischen Premier Benjamin Netanyahu als Blindenhund mit Davidstern dargestellt, der den blinden Trump führt, der eine Kippa trägt. Es hagelte Antisemitismus-Vorwürfe, auf Twitter liefen die User Sturm, und vor dem Hauptsitz der Zeitung marschierten Demonstranten. «NYT guilty!», riefen sie. Die «Times» sei durch die Hölle gegangen, erinnert sich Chappatte im Gespräch. Sofort kappte die NYT alle Bande mit dem Cartoon-Syndikat, das die Karikatur geliefert hatte; ihre hauseigenen Zeichner behielt sie bis jetzt.

«Der Cartoon ist ja nur ein Symptom: Man will die Medien einschüchtern.»Patrick Chappatte, Karikaturist

Die nachträgliche Behauptung der NYT, man habe den politischen Cartoon schon lang vor diesem Missgriff kippen wollen, um die internationale Ausgabe der nationalen anzupassen, sei ein Witz, urteilt Chappatte. Ihm jedenfalls seien solche Pläne nie zu Ohren gekommen.

«Mir bereitet es Sorge, wenn die vierte Gewalt im demokratischen Staat vor dem Mob einknickt. Dass also der krasse Backlash – den besonders die extreme Rechte, die ‹Breitbart›-Fans und andere Extreme so gut zu orchestrieren wissen – tatsächlich Wirkung zeigt. Der Cartoon ist ja nur ein Symptom: Man will die Medien einschüchtern, die Journalisten, die missliebige Dinge schreiben. Die Leute heutzutage sind sehr empfindlich, schnell beleidigt; und sie finden in den sozialen Medien einen Hallraum. Aus dem Beleidigtsein wird moralische Empörung und Aggression. Wir haben noch nicht gelernt, wie Erwachsene mit den digitalen Technologien umzugehen. Das Verhalten ist kindisch – und gefährlich.» So lautet Chappattes Diagnose.

Keine Angst vor Killerargumenten

Auch er selbst wurde schon mit Antisemitismus-Vorwürfen konfrontiert: 2015, als er Netanyahu karikierte, der damals vor Republikanern im Kongress sprach, unter Umgehung der Obama-Regierung. 24 Stunden habe er Panik geschoben, erzählt Chappatte. Dann rief ihn der NYT-Redaktor an, um einen Nachschlag zu bestellen. «Das war mutig», stellt der in Genf domizilierte Künstler fest.

Er fordert die Medien auf: «Bewahrt die Nerven!» Sie sollten ihren Job machen, einordnen, analysieren, Gespräche ermöglichen. Aber bloss nicht aus Angst vor Ärger die Segel streichen. «Jeder Cartoon kann beleidigen. Satire ist kein Samtkissen. Wir müssen einen kontrollierten Umgang mit explosiven Reaktionen lernen: Sonst gewinnen stets die, die am lautesten schreien.»

Auch er hätte zwar die Netanyahu-Karikatur von António Moreira Antunes definitiv nicht publiziert. Allerdings glaube er nicht, dass sie bewusst antisemitisch gefasst sei. «Sie ist hässlich und nicht sehr gut. Dass Trump eine Kippa trägt, leuchtet nicht ein; und den Davidstern als Erkennungszeichen zu verwenden, ist problematisch. Ich persönlich zeichne auch grundsätzlich Menschen nicht als Tiere, habe das höchstens ein-, zweimal in meiner Karriere getan. Aber: Immer gleich mit dem ‹Stürmer› zu vergleichen und mit der Nazi-Ideologie, halte ich für falsch.» Dieses Killerargument sei ein Unrecht gegenüber den Opfern der Nazis, und es schade der kritischen Auseinandersetzung heute.

Der Schritt der NYT, der vorauseilende Gehorsam, mag erschrecken. Trotzdem hofft Patrick Chappatte – der in anderen Medien weiter seinen spitzen Stift einsetzen darf – auf eine Trendwende. Die vielen Reaktionen, die ausführliche Berichterstattung in den amerikanischen Medien, nicht nur bei CNN, sondern gar bei Fox News, bestärken Chappatte: Der wütende Mob habe das Heft nicht in der Hand. Es sei zwar höchste Zeit, aufzuwachen. Aber nicht zu spät.

Erstellt: 12.06.2019, 09:23 Uhr

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