Am Morgen Würstli, am Abend schwere Beine

Julien Wanders hatte Grosses vor über 5000 m. Doch wie weit es zum 35 Jahre alten Schweizer Rekord ist, erlebt er schmerzlich. Ein Tag im Wettkampfleben des Läufers.

Brutales Ende nach 5000 Metern: Julien Wanders läuft als Letzter ins Ziel. (Bild: Reto Oeschger)

Brutales Ende nach 5000 Metern: Julien Wanders läuft als Letzter ins Ziel. (Bild: Reto Oeschger)

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Und dann ist es definitiv. So hat sich Julien Wanders seinen erste Auftritt im Letzigrund nicht vorgestellt. Noch drei Runden sind zu laufen über 5000 m, lange hat vieles gut ausgesehen, die Pace wäre eigentlich ideal gewesen für ihn, der auf ein regelmässiges Rennen angewiesen ist. Doch jetzt werden die Beine schwer. Es ist fast ein bisschen, als klebe der 23-Jährige plötzlich auf der Bahn. Vorne bahnt sich eine grosse Überraschung an, mit Joshua Cheptegei führt der Cross-Weltmeister mit grossem Abstand, und zuhinterst läuft mit Henrik der Älteste der Ingebrigtsen-Brüder. Doch das auch nicht mehr lange. Ihm gelingt es, Wanders noch abzufangen.

Der Schweizer hat sein erfolgreichstes Jahr hinter sich, auf der Strasse hat er längst zum Erfolg gefunden, auf der Bahn spätestens bei Athletissima in Lausanne mit 13:13,84 den Durchbruch geschafft, die WM-Limiten hat er sich erlaufen. Doch jetzt, da vorne die Saisonsieger Barega, Haile Bekele mit seinem klingenden Namen und Kejelcha zur Aufholjagd ansetzen und scheitern (Cheptegei siegt in 12:57,41), geht zuhinterst gar nichts mehr. Das Publikum leidet mit Wanders mit, er kämpft sich schliesslich in 13:45,18 über die Ziellinie. Angedacht wäre eine Bestzeit gewesen und in den kühnsten Träumen gar der Schweizer Rekord von 13:07,54 von Markus Ryffel aus dem Jahr 1984. Es ist das brutale Ende von Wochen, in denen er seine Fortschritte auf den Mittelstrecken bewiesen hat. Und es ist das schmähliche Ende eines Tages, der nichts solches ahnen liess.

Würstli und Toast

Zwölf Stunden vorher hat der Genfer versucht, in den ganz anderen Rhythmus zu finden, den ein Wettkampftag mit sich bringt. Ein Rennen um Viertel nach neun abends bedeutet: alles anders als im Alltag. Dort ist Wanders Frühaufsteher, das erste Training steht jeweils um sieben an. Nun heisst es möglichst lange ausschlafen, spät frühstücken, alles um Stunden nach hinten verschieben, «eine Frage der Einstellung», sagt er.

Kaffee, Würstli und Toast: Julien Wanders beim Frühstück. (Bild: Dominique Meienberg)

Richtig in den Tag starte er an Meetingtagen erst nachmittags um drei. Trotzdem landen auf dem Frühstücksteller Toast und Würstli, unter Athletennahrung kann man sich auch anderes vorstellen. Um Hunger gehe es jetzt nicht, sagt er im grossen Esssaal mit einem Schmunzeln, aber man müsse ja essen, um zu «überleben».

Es ist noch nicht lange her, da war Wanders erledigt, bevor er am Wettkampftag zum Aufwärmen aufbrach. «Ich bin jeweils den ganzen Tag so herumgestresst, dass ich schon vor dem Rennen müde war», erzählt er. Er habe lernen müssen, die Nervosität klein zu halten. Das kann er nun, «das hängt auch mit dem Selbstvertrauen zusammen», sagt er. Sich nach dem Frühstück wieder hinlegen, auch meditieren. An diesem Morgen hat ihm sein Management den Physiotherapeuten reserviert, der für ihn und rund ein Dutzend andere Athleten im Hotel weilt. Wanders weiss nicht so recht, ob ihn die Verspannung im Rücken beunruhigen soll, er weiss auch nicht, was sie verursacht hat.

Gewöhnlich begleiten ihn ein, zwei Läuferkollegen aus seiner kenianischen Gruppe an die Meetings, doch Sylvester Kipchirchir, mit dem er bis Dienstag in St. Moritz trainierte, ist nach Hause zurückgekehrt. Allein wird die Zeit lang, die Gedanken kreisen. Seit dem Vorabend weiss er, in welchen Zeiten die Pacemaker die Kilometermarken passieren werden. Ob er mit den Schnellsten mitgehen wird? «Es kommt ganz auf die Situation an.» Er ist mitgegangen. Zur Einstimmung und um die Atmosphäre im Stadion ein wenig herauszuspüren, wird er sich am Nachmittag noch das Video des Rennens von 2017 anschauen. Mo Farah, sein Vorgänger als Europarekordhalter über die Halbmarathondistanz, gewann im Fotofinish vor einigen Hochkarätern, gegen die auch Wanders laufen wird.

Training im Hinterhof: Wanders bereitet sich auf das grosse Rennen vor. (Bild: Dominique Meienberg)

Wettkampftage sind Tee- und Wassertage - bevor er abends doch noch umstellt. «Ab drei Stunden vor dem Rennen esse ich nichts mehr, ab zwei Stunden vorher nehme ich aber Koffein-Booster zu mir», sagt er. Um wach zu sein, hellwach, um eine gewisse Aggressivität entwickeln zu können, um schnell, sehr schnell reagieren zu können.

Es ist mittlerweile Mittag, und es wird halb zwei werden, bis Wanders erstmals an diesem Tag an die frische Luft geht. Davor verzieht er sich für eine halbe Stunde in den Hotelkeller aufs Laufband. Aufwärmen, die Beine bewegen, das Tempo ist moderat. Es ist frisch im Raum, doch die Mütze trägt er nur, damit die drahtlosen Kopfhörer nicht aus den Ohren rutschen.

Der Hinterhof-Kicker

Die Annäherung ans Rennen hat begonnen. «Wie sich meine Beine anfühlen, spüre ich nicht schon am Morgen, sondern erst nach einigen Steigerungsläufen», erklärt Wanders. Er nimmt den Ausgang in den Hinterhof des Hotels, der einigermassen überstellt ist mit Transportvans. Der Physiotherapeut hat Entwarnung gegeben, Wanders stretcht, Wanders dehnt, Wanders läuft davon und verschwindet zwischen den Blöcken, kehrt zurück, setzt wieder zum Steigerungslauf an, kickt und ist weg. Nach einer Viertelstunde findet er: «Das Gefühl ist gut.» Es hat ihn getäuscht.

Erstellt: 30.08.2019, 10:27 Uhr

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