Hier landen Hunde im Kochtopf

Südkorea ist das einzige Land, in dem Bauern systematisch Hunde zum Schlachten halten. Dabei sind die Zeiten vorbei, in denen man Hunde aus der Not heraus ass.

Haustier oder Nutztier? Diese südkoreanischen Hundebabys wurden vor dem Kochtopf gerettet. Foto: Keystone

Haustier oder Nutztier? Diese südkoreanischen Hundebabys wurden vor dem Kochtopf gerettet. Foto: Keystone

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Protest muss immer auch eine Show sein. Deshalb steht Lee Jiyen dazu, dass die Hollywood-Schöne Kim Basinger im Juli bei der grossen Sommerdemonstration gegen den Hundefleisch-Handel ihren Auftritt hatte. Lee Jiyen sitzt in Seoul, in der kleinen Zentrale des jungen Tierschutz-Verbandes Animal Liberation Wave (ALW), den sie mit einer Freundin gegründet hat. An den Wänden hängen Tuschezeichnungen von Tierköpfen. Lee Jiyen selbst wirkt mit ihrer vornehmen Blässe und ihrer unauffälligen Kleidung wie aus einem Schwarz-Weiss-Film. Keine überflüssige Farbe lenkt ab von ihrem Thema, dem Schutz von Hunden, die in ihrem Heimatland regelmässig im Suppentopf landen. Dazu erzählt Lee Jiyen so nüchtern von den Zielen ihres Kampfes, als könne sie mit dem Glamour eines Filmstars gar nichts anfangen. Aber das stimmt nicht ganz. Prominenz bringt Aufmerksamkeit. «Wir brauchen Kim Basinger», sagt sie.

Von Südkorea, dem mittelgrossen Tigerstaat im Osten Asiens, wissen viele Menschen nicht viel mehr, als dass dort Hunde gegessen werden. Das ist ungerecht, weil das Land mit seiner reichen Geschichte und Kultur viel mehr vorzuweisen hat als diesen eher kleinen Aspekt seiner nationalen Küche. Viele der 51 Millionen Südkoreanerinnen und Südkoreaner nervt es wahrscheinlich auch, dass Ausländer immer wieder darauf zurückkommen. Gerade jetzt haben sie wichtigere Themen: Die geplante Rechtsreform des liberalen Präsidenten Moon Jae-in bringt regelmässig Millionen Menschen bei Pro- und Contra-Demonstrationen auf die Strassen von Seoul.


Setzt sich gegen Hundefleisch ein: Die amerikanische Schauspielerin Kim Basinger an einer Demo im Juli. Video: Youtube

Aber es hilft ja nichts: Den Hundefleischhandel gibt es nun mal, die Restaurants, welche die Hundefleischsuppe Bosintang als traditionelles Gericht anbieten, ebenfalls. Vor allem im reichen Westen der Welt irritiert das die Leute, weil der Hund dort als Hausfreund und Helfer etabliert ist und sein Verzehr im Grunde so tabu wie Kannibalismus. Kaum ein anderes Thema aus Südkorea findet im Ausland so viel Beachtung. Südkoreas Image als aufgeklärter Staat leidet. Ausserdem wächst auch im Land selbst der Widerstand.

Lee Jiyen und ihr Team sind nur Teil einer grösseren Bewegung, die für das langsame Erwachen des Bürgersinns im jungen Wohlstandsland Südkorea steht. Tierschutzorganisationen setzen sich seit Jahrzehnten für die Hunde ein. Ihr Kampf spiegelt die Forderung nach einer neuen Moral. Und es geht voran. «Vor 20 Jahren gab es noch Abgeordnete in der Nationalversammlung, die Hundefleisch legalisieren wollten», sagt Lee Jiyen, «das traut sich heute keiner mehr.» In einer Umfrage, welche die «Animal Liberation Wave» 2018 in Auftrag gab, sagten 81,2 Prozent der Befragten, sie essen kein Hundefleisch. Und jeder fünfte Mensch in Südkorea hält einen Hund als Haustier. Manche Hundefarmer geben auf, weil das Geschäft nicht mehr so gut läuft. Die Zeiten sind vorbei, in denen Südkorea arm war und man Hunde aus der Not heraus ass.

Ausserdem wirkt der Einfluss von aussen. Vor 17 Jahren schimpfte die französische Schauspielerin und Tierschützerin Brigitte Bardot im südkoreanischen Live-Fernsehen über barbarische Zustände im Land der Hundeesser und rüttelte viele auf. «Ikonisches Ereignis» nennt Lee Jiyen den Aufritt von damals, bei dem sie selbst noch ein Kind war. Ihr Befund ist klar. Südkorea wird nachdenklicher. «Die Gesellschaft», sagt sie, «hat sich verändert.» Gewonnen ist ihr Kampf noch lange nicht.

Man erlebt Protest, schlechtes Gewissen, verdruckste Ratlosigkeit, aber auch trotzige Beharrungskraft.

Auch in China und anderen Staaten Südostasiens isst man Hunde – allerdings angeblich vor allem Strassenhunde. «Südkorea ist das einzige Land, in dem Bauern systematisch Hunde auf ihren Höfen zum Schlachten halten», sagt Lee Jiyen. Südkoreas Gesetzgebung macht es möglich. Hunde sind darin einerseits durch das Tierschutzgesetz als Haustiere geschützt. Anderseits zählen sie nach dem Tierhaltegesetz zum Viehbestand, ohne dass Hunde bei den Vorschriften für Schlachtung, Transport und Verkauf erwähnt wären. Das Gesetz erlaubt also eigentlich keinen Hundefleischhandel, verbietet ihn aber auch nicht – damit läuft das Geschäft.

Drei Abgeordnete haben Reformvorschläge eingebracht. Der klarste kommt von Pyo Chang-won von der liberalen Minjoo-Partei. Er will das Schlachten von Hunden und Katzen im Tierschutzgesetz ausdrücklich verbieten. Aber so schwach ist der Hundefleischhandel dann doch noch nicht, als dass es für solche Vorstösse eine Mehrheit im Parlament gäbe. «Viele Abgeordnete kommen aus dem ländlichen Raum, wo es viele Hundefarmen gibt», hat Pyo im US-Nachrichtensender CNN erklärt, «deshalb stehen sie unter Druck, die Reform nicht zu unterstützen.»

Eine seltsame Atmosphäre umgibt Südkorea in der Hundefleisch-Frage. Man erlebt Protest, schlechtes Gewissen, verdruckste Ratlosigkeit, aber auch trotzige Beharrungskraft. In der Hauptstadt Seoul ist es nicht schwer, ein Bosintang-Restaurant zu finden – dass eines davon auf Englisch für seine Speisekarte werben würde, hat Lee Jiyen noch nicht gesehen. Und die Farmer halten ihre Hunde im Verborgenen. Sie haben schlechte Erfahrungen gemacht mit Aktivisten und Journalisten, weil diese Bilder von den Hunden machten, die nicht älter als ein Jahr alt werden dürfen. Das Internet ist voll mit Videos von verspielten Jindos und Dosas in Käfigen.

Hundefleisch gehöre einfach zum südkoreanischen Lifestyle, finden die Hundezüchter. Foto: AFP

Andererseits kämpfen auch manche Hundebauern. Bei der Anti-Hundefleisch-Demonstration im Juli vor dem Gebäude der Nationalversammlung in Seoul veranstalteten etwa 20 von ihnen direkt daneben ihre Gegendemonstration, hatten eigene Plakate dabei, trugen verwegene Stirnbänder und assen vor laufenden Kameras Hundefleisch mit Kimchi. «Das ist Teil unserer Kultur», sagte einer. Denn das ist das Kernargument der Hundefleisch-Befürworter: Bosintang gehöre einfach dazu zum südkoreanischen Lifestyle.

Tradition und Tierliebe prallen oft aufeinander. Das Landvolk kann nicht immer nachvollziehen, was verkopfte Städter aus anderen Kulturkreisen alles reininterpretieren in ihr liebes Nutzvieh. Lee Jiyen wiederum findet es scheinheilig, wenn Schosshund-Besitzer über Schlachtungen schimpfen, aber mit Genuss Hühner- oder Rindfleisch essen.

Lee Jiyen würde gerne die ganze Tierwelt retten, geht aber erst mal den nächsten Weg. «Wir wollen das Hunde-Problem lösen und uns dann den schwierigeren Themen zuwenden.» Ihre Aktionen laufen teilweise ganz gut. Vergangenes Jahr projizierten Leute der «Animal Liberation Wave» ihre Anti-Hundefleisch-Botschaft von einem Hochhaus aus auf die Kuppel des Parlamentshauses in Seoul. Alle konnten es sehen. Und die Sommerdemo mit Kollegen aus den USA war auch ein Medienerfolg. Kim Basinger sagte: «Die Hunde brauchen nicht Ihre Tränen, sondern Ihre Hilfe.» Sie sah fabelhaft aus, und ihre Worte gingen um die Welt.

Erstellt: 07.11.2019, 21:21 Uhr

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