Wenn sich die Lawine nicht an Regeln hält

Knapp an einer Katastrophe vorbei: Am Samstag ging eine Lawine gefährlich nahe beim Skigebiet Pizol ab. Wie die Pisten gesichert werden und wo grosse Staublawinen vorkommen.

Eine Staublawine führt zu gewaltigen Luftdruckschwankungen, die als Druckwelle wahrgenommen werden. An der Front wurden schon Drücke bis zu 80 Tonnen pro Quadratmeter gemessen.

Eine Staublawine führt zu gewaltigen Luftdruckschwankungen, die als Druckwelle wahrgenommen werden. An der Front wurden schon Drücke bis zu 80 Tonnen pro Quadratmeter gemessen. Bild: Gaetan Bally (Keystone)

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Der Vorfall erinnert daran, dass die Berge auch Spielplatz der Naturgewalten sind. Dass eine Druckwelle über das Skigebiet Pizol fegte, dabei verdutzte Touristen umwarf und Scheiben zum Bersten brachte, holte die Pisten zurück in die ungezähmte Bergwelt.

Es käme allerdings selten vor, dass Skigebiete von Lawinen überrascht würden, sagt Kurt Winkler, Lawinenwarner am Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF). «Grundsätzlich ist bekannt, welche Hänge Lawinenpotenzial bergen. Diese werden gesprengt.» Entsprechend zuverlässig sei die Pistensicherung in der Schweiz. «Von den durchschnittlich 22 Lawinentoten pro Winter fällt höchstens alle paar Jahre ein Opfer auf einen Vorfall im gesicherten Skigebiet.»

Forschung für die Sicherheit: Das Lawinenforschungsinstitut SLF führt im Wallis einen Grossversuch durch (18. Januar 2016, Video: Youtube/SLF).

Wegen schlechten Wetters konnten am Wochenende die Sprenghelikopter im Pizol nicht fliegen, weshalb das Gebiet teilweise gesperrt wurde. Zu Schaden kam niemand. Die Verantwortlichen der Bergbahnen zeigten sich erleichtert, mit einem blauen Auge davongekommen zu sein. Sie verwiesen darauf, dass man die Natur nicht gänzlich bändigen könne.

«Pisten lawinensicher anlegen»

Dennoch stellt sich die Frage: Dürfen Lawinen einem Skigebiet so nahe kommen? Auf der Piste begrabene Skifahrer wären mit Sicherheit der Albtraum jedes Skigebiets. Den Gästen wird eine «gesicherte Piste» versprochen. Diese endet aber mit der seitlichen Markierung. Alles, was man dahinter treibt, tut man auf eigene Verantwortung. Dass nun die steilen Berge einen Gruss ins gesicherte Terrain senden, anstatt Panorama zu stehen, gibt ein mulmiges Gefühl. Sowohl bei Touristen als auch bei Betreibern.

In den «Verkehrssicherungspflichten für Schneesportabfahrten» steht, dass Pisten grundsätzlich so anzulegen seien, dass sie unter normalen winterlichen Bedingungen lawinensicher seien. Und: «Lawinengefährdete Abfahrten sind unverzüglich zu sperren.» Die Gerichte stützen sich bei der Beurteilung von Verantwortlichkeitsfragen stark auf diese massgebende Publikation des Verbands der Schweizer Seilbahnen (SBS).

Es gibt keine klein gedruckte Klausel im Stile «Betreten auf eigene Gefahr». Allerdings ist die juristische Frage der Haftung letzten Endes eine komplizierte, die erst durch ein Expertengutachten beantwortet würde. So haftet das Skigebiet nur dann, wenn auch eine Sorgfaltspflichtverletzung vorliegt – also die angemessene Lawinensicherung unterlassen wurde.

Nicht vorhersehbar

Davon ist beim Skigebiet Pizol nicht auszugehen. Die Piste, die begraben wurde, war vorsorglich gesperrt worden. Dass es keine Anzeichen für die aussergewöhnlich grosse Lawine und die zugehörige Druckwelle gab, zeigt auch die Aussage des Wirts vom Berggasthaus Gaffia (dort hatte die Druckwelle eine Scheibe eingedrückt): In seinen 25 Betriebsjahren habe er noch nie eine derart grosse Lawine dort erlebt.

Das SLF gab am betreffenden Tag die Lawinenwarnstufe 3 («erheblich») für die Region aus. Zwar war das Wetter dort schlecht, doch es hatte in den Tagen zuvor nicht übermässig geschneit oder gewindet, Lawinenwarner Kurt Winkler redet von «Huddelwetter». Die Pizol-Lawine übertraf im Ausmass dann aber die Erwartungen deutlich. Ansonsten wurden aus der Region keine vergleichbaren Abgänge gemeldet. «Es kann immer vorkommen, dass Lawinen abgehen, die nicht ins Raster passen. So ist die Natur», sagt Winkler.

Es gebe andere, «bekannte» Staublawinen in der Schweiz, die alle paar Jahre auftreten und dann jeweils ungewöhnliche Ausmasse annähmen. Etwa jene bei Randa VS. Dort würden aus einem lebhaften Gletscher immer wieder Eisbrocken in den darunterliegenden Schneehang fallen. «Das wirkt wie eine Bombe, die in der Schneedecke explodiert und entsprechend grosse Massen mobilisiert, die nicht nur der aktuellen Neuschneemenge entsprechen.»

Gigantische Drücke

Wenn sich Lawinen in steilem Gelände und in trockenem Schnee lösen, können sie bis zu 300 km/h schnell werden. An der Front herrschen grosse Drücke, dahinter eine Sogwirkung. Das SLF erforscht die Lawinendynamik auf einer Versuchsanlage im Wallis. Dort wurden schon Drücke bis 800 Kilopascal gemessen – das entspricht 80 Tonnen pro Quadratmeter. Der Grenzwert, bis zu welchem befestigte Häuser in Risikozonen gebaut werden dürfen, liegt bei 30 Kilopascal. «Da wirken immer noch Kräfte, die ohne weiteres Scheiben eindrücken», so Winkler. Er vermutet aber, dass der Druck der Pizol-Lawine deutlich unter 30 Kilopascal gelegen habe.

Wodurch sie ausgelöst wurde und welche Schneeschichten abrutschten, darüber kann man nur spekulieren. Es gibt keinen Gletscher im Anrissgebiet, aber auch eine abbrechende Wechte kann eine grosse Belastung erzeugen, die das Lösen eines Schneebretts begünstigt. Was man aber weiss: Dieses Jahr ist der Schneedeckenaufbau in hohen Lagen ungünstig. Das liegt daran, dass es zu Beginn des Winters nur wenig schneite und nun auf einmal relativ viel. «Die unteren Schichten wirken nun als Schwachschichten, auf welchen der neuere Schnee abrutschen kann», so Winkler. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.01.2016, 19:20 Uhr

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