Wie Angst vor Überwachung den Blick auf die Realität verhindert

Die Erinnerung an den Fichenskandal ist wichtig. Aber wir dürfen dabei nicht hinter verfügbares Wissen zurückfallen.

Hatte zwar eine Fiche, stand aber nie im Fokus der Überwachung: Max Frisch (Foto: Bundesarchiv)

Hatte zwar eine Fiche, stand aber nie im Fokus der Überwachung: Max Frisch (Foto: Bundesarchiv)

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Was wir wissen: Micha Lewinsky hat mit «Moskau einfach!» einen Film über die Fichenaffäre gedreht. Darin wird ein Polizeispitzel namens Viktor Schuler 1989 als Statist ins Ensemble des Zürcher Schauspielhauses eingeschleust, weil dort ein linkes Agitationszentrum vermutet wird. Weit weg von der Realität ist das nicht: 1969 wurde eine Fiche über das Zürcher Schauspielhaus eröffnet, weil der Regisseur Peter Stein für Skandale sorgte. Die Fiche ist nicht besonders umfangreich. Aber aus dem Aktenmaterial dazu geht hervor, dass jemand für die Zürcher Kantonspolizei Diskussionen protokollierte, weil man das Theaterensemble für eine kommunistische Zelle hielt. «Da waren Leute dabei, die für die Polizei mitschrieben?», fragte Peter Stein, als wir ihm gegenüber vor zwei Jahren das Polizeiprotokoll erwähnten.

«Lässt sich wohl erahnen»: Aktennotiz der Kantonspolizei Zürich zu Diskussionen am Schauspielhaus 1969/1970. Foto: Bundesarchiv

Was wir auch noch wissen: Micha Lewinsky hat mit «Moskau einfach!» einen heiter gestimmten Film gedreht, in dem sich am Ende das Politische ins Private auflöst: Der Polizeispitzel Viktor verliebt sich in eine Schauspielerin; der Regisseur, in dem Viktor einen kommunistischer Agitator vermutete, will nur seine Schauspielhaus-Gage schwarz über die Grenze schleusen. Auch das sei nicht so weit weg von der Realität, sagen Leute, die bestimmte Leute kennen. Lewinskys Film kann deshalb auch als Kritik am – ach so – politischen Stadttheatermilieu verstanden werden.

Wo der Regisseur trotzdem falsch liegt: «Moskau einfach!» will mehr als eine kleine Komödie sein. Diese Woche veröffentlichte Lewinsky auf den Schweizer Seiten der «Zeit» einen Beitrag über die Fichenaffäre. Darin heisst es, der Autor Max Frisch sei vom Staatsschutz «immer intensiv überwacht worden». Das stimmt nicht. Frisch war zwar in Sorge, dass er bespitzelt wurde. Aber de facto war Frisch nur ein Beifang. Er selbst stand nie im Fokus der Überwachung, wie Sie sehen können, wenn Sie hier klicken. Frischs Eindruck ist dennoch symptomatisch: Seine Paranoia verselbstständigte sich, sie kann – wie der «Zeit»-Beitrag zeigt – uns noch heute den Blick auf die Realität verstellen. Das ist fatal. Denn wir wollen wissen, was der Staatsschutz tatsächlich machte und heute tut, welche Konsequenzen dies hatte und hat. Dabei dürfen wir nicht hinter verfügbares Wissen zurückfallen – und uns zu Gefangenen von falschen Legenden machen (lassen).

Trailer von «Moskau einfach!», ab Donnerstag im Kino.



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Erstellt: 08.02.2020, 19:22 Uhr

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