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«Wir wurden mit Steinen ­beworfen»

Xheni Karaj outete sich als erste lesbische Frau öffentlich in Albanien.

Wie ist die Situation für Homosexuelle in Albanien?

Die Kosten eines Coming-outs sind in Albanien sehr hoch, nur die wenigsten wagen den Schritt. Man muss damit rechnen, Familie, Job und Status zu verlieren. 40 Prozent der Bevölkerung glauben, Homosexualität sei eine Krankheit, die heilbar ist.

Wie reagieren die Familien?

Manchmal schicken Eltern ihre Kinder zu einem Arzt, der sie umpolen soll. Ich kenne auch Fälle, wo Jugendliche von der Schule genommen und zu Hause eingesperrt wurden. Oft werden die Kinder aus Angst vor einem Gesichtsverlust einfach aus dem Haus geschmissen. Wir haben deshalb ein Heim für Obdachlose gegründet.

Leitet in Tirana ein LGBT-Haus: Xheni Karaj. Foto: Philippe Stalder
Leitet in Tirana ein LGBT-Haus: Xheni Karaj. Foto: Philippe Stalder

Albanien führte 2010 als Voraussetzung für EU-Beitritts-Gespräche ein Anti-Diskriminierungs-Gesetz ein. Wie konsequent wird es angewendet?

Die meisten Delikte werden gar nie gemeldet, da das Vertrauen in die Institutionen nicht besonders hoch ist. Insbesondere auf dem Land besteht die Gefahr, dass der Polizist, der die Anklage rapportiert, die Eltern informiert und den Kläger gegen seinen Willen outet.

Sie haben 2012 die erste Tirana Gay Pride organisiert. Wie wurde sie öffentlich wahrgenommen?

An der ersten Pride waren wir gerade mal zwölf Personen. Wir wurden mit Flaschen und Steinen beworfen, und in den Medien gab es eine regelrechte Hysterie, die Leute hatten Angst, dass wir die Familien zerstören wollten. Die letzten paar Jahre verlief die Pride relativ friedlich, rund 300 Personen nahmen daran teil. Mittlerweile erfahren wir Unterstützung aus der Bevölkerung.

Nahmen Coming-outs bekannter Personen in der Folge zu?

Leider nicht, öffentliche Personen outen sich kaum. Schauspieler und Musiker haben Angst, dass sie Fans und Aufträge verlieren würden. Und Politiker meiden das Thema komplett, aus Angst, Wähler zu verlieren.

Was müsste sich ändern, damit sich die Lage in Albanien verbessert?

Politik und Medien müssen als Erstes ihre Haltung und ihren Ton ändern. Über Homosexualität wird immer noch oft herablassend gesprochen. Und dann braucht es gesellschaftlich respektierte Vorbilder, die hinstehen und sagen: «Ich bin gay, findet euch damit ab.»

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