Gletscher gibt Wrackteile der Dakota frei

Sensationeller Fund im Berner Oberland: Auf dem Gauligletscher sind Überreste der 1946 abgestürzten Maschine zum Vorschein gekommen – darunter zwei Flügelteile.

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Freitagmorgen kurz nach acht auf dem Gauligletscher: Die Sonne befindet sich in einem aussichtslosen Kampf gegen die Nebelbänke, das Thermometer zeigt exakt null Grad. Schneeflocken tanzen auf das Gletschereis hinunter, vermögen dieses aber nur halbwegs in jungfräulichem Weiss zu bedecken.

Unmittelbar oberhalb des Geländeknicks, wo sich die breitesten und tiefsten Gletscherspalten bilden, wurde an dieser Stelle vor ziemlich genau drei Jahren bereits ein Propeller der 1946 abgestürzten Dakota C-53 (DC-3) der US-Luftwaffe durch drei junge Alpinisten entdeckt und vom Gebirgsdetachement der Armee gemeinsam mit der Luftwaffe und dem Archäologischen Dienst des Kantons Bern geborgen.

Jetzt blitzt nur wenige Meter neben der damaligen Fundstelle ein längliches, 60 Zentimeter breites Alubauteil fast senkrecht 2,15 Meter im Sonnenlicht: Ein weiteres Teil der Dakota. Bewegen lässt sich das Teil, bei welchem es sich mit ziemlicher Sicherheit um einen Bestandteil eines Flügels handeln dürfte, nicht – es ist bis tief ins Eis hinunter mit dem Gletscher verbunden.


Video: Bruno Petroni

Der Boden der rund 5 Meter tiefen Gletscherspalte unmittelbar daneben ist geradezu gefüllt von Kleintrümmern. Ein ähnliches Bild zeigt sich nur drei Spalten weiter unten. Dort steckt ein anderes, etwa gleich grosses Flügelteil fast waagerecht in der Eiswand; darunter wiederum eine grosse Menge Kleinteile. Auf der Gletscheroberfläche ein grosses Durcheinander von Metallteilen, verrosteten Konservendosen und einigem medizinischem Material.

Decken und Kleider liegen vereinzelt im Sonnenlicht. Aufheben kann man die Stoffteile nicht – sie fallen sofort auseinander. Das Gewebe ist von 69 Jahren Gletschereis zerstört worden. Ein ledernes Teil erinnert an einen Pilotensitz. Kraftstoffleitungen, Drähte, Kabelstränge und Unmengen undefinierbarer Teile finden sich im Umfeld der grossen Wrackteile auf rund 50 Metern Länge und 20 Metern Breite.

Wo ist der Flugzeugrumpf?

Auf der Gletscheroberfläche zeigt sich durch das Freiwerden der vielen Teile ein Bild der totalen Zerstörung. Anhand dieser Spuren wird deutlich, mit welcher Wucht das Flugzeug damals mit 280 Stundenkilometern auf dem Gletscher aufgeschlagen haben muss. Dabei ist das noch lange nicht alles:

Noch fehlt ein weiterer Propeller, der gesamte Rumpf des Flugzeugs sowie weitere Flügelteile, Sitze, das Leit- sowie das Fahrwerk und viele weitere technische Einrichtungen. Man kann erahnen, wie viel Material das Eis in Zukunft noch freigeben wird – war ja die Aufschlagsspur der abstürzenden Maschine damals 80 Meter lang. Alles, was nicht niet- und nagelfest montiert war, flog durch die Kabine, Sitze wurden aus den Halterungen herausgerissen – das Flugzeug ist richtiggehend zerschellt. Um so bemerkenswerter, dass sämtliche 12 Insassen den Absturz überlebt hatten.


Video: Bruno Petroni

Rapider Gletscherrückgang

Zur beschleunigten Freilegung der Flugzeugteile trägt in entscheidendem Masse der beschleunigte Schmelzprozess des Gauligletschers bei: Dieser verlor in den letzten sieben Jahren je zwischen 78 und 196 Meter an Länge – seit 2001 zog er sich um 915 Meter zurück, seit Messbeginn im Jahr 1958 sogar um 1300 Meter.

Das ist ein Fünftel der damaligen gesamten Eismasse des Gauligletschers. Während des ausserordentlich heissen Julis dieses Jahres verlor der Gauligletscher jeden Tag rund zehn Zentimeter an Dicke, was die Freilegung all dieser gesichteten Teile extrem beschleunigte.

Ein Blick zur Gletscherzunge reicht aus, um zu sehen, wie rasant der Gletscherschwund am Gauli vor sich geht. Hing das Gletschertor vor vier Jahren noch tief im wachsenden Gaulisee, befand es sich 2013 noch gerade am Seeufer. Heute hängt die Gletscherzunge 50 Meter höher oben an der senkrechten Felswand.


Video: Bruno Petroni (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.09.2015, 10:13 Uhr

Die Wrackteile sind aus der Ferne bestens zu sehen

Weit ist er, der Zustieg zum Info- und Aussichtspunkt im Chammli. Nur schon zur SAC-Gaulihütte sind es ab dem hinteren Urbachtal vier bis fünf Stunden. Dazu kommt, dass auf dem stellenweise ausgesetzten und mit Stahlseilen und Ketten gesicherten Hüttenweg Höhenangst nicht sehr hilfreich ist.

Von der Hütte aus führt ein steiler Pfad zum Chammli auf 2600 Meter über Meer, von wo aus sich dem Betrachter ein Panoramablick auf Gaulisee und Gletscher öffnet.

Wer die nun zum Vorschein gekommenen Trümmer aus der Distanz von rund 300 Metern mit eigenen Augen sehen will, muss von da aus nochmals eine Viertelstunde über den hochalpinen Bergweg bis unmittelbar über den Gletscherschrund wandern.

Das Betreten des Gletschers bleibt geübten Alpinisten mit entsprechender Ausrüstung vorbehalten und sollte ohne diese tunlichst unterlassen werden. Das Fundgebiet der Dakota-Wrackteile gilt selbst unter erfahrenen Berggängern als anspruchsvoll und heikel. Die Behörden raten deshalb von privaten Wrackbesichtigungen oder gar Bergungsaktionen dringend ab.

Im Blindflug über den Alpen verirrt

Heute vor genau 68 Jahren und 10 Monaten landete eine DC-3 Dakota der amerikanischen Luftwaffe statt in Marseille unfreiwillig auf dem tief verschneiten Gauligletscher.

Die mit mehreren US-Generälen und ihren Familienangehörigen besetzte Maschine sollte eigentlich die Alpen von München aus via Strassburg und Dijon umfliegen.

Wegen der miserablen Wetterverhältnisse änderte Pilot Ralph Tate aber schon kurz nach dem Start (13.05Uhr) den Kurs Richtung Chur. Im dichten Nebel verlor er alsdann die Orientierung. Trotzdem gelang es dem Piloten rund 25 Minuten lang, mehrere Alpengipfel zu umfliegen.

Am 19.November 1946, um 14.25Uhr nahm der Blindflug 3350 Meter hoch über dem Haslital ein jähes Ende: Mit 280 Stundenkilometern schlug die knapp 20 Meter lange Maschine auf dem Gauligletscher auf. Wie durch ein Wunder überlebten die zwölf Insassen – zwei blieben gar unverletzt, die anderen erlitten Schnittwunden und Brüche.

Eine Stunde später gelang es den Piloten, einen Notruf abzusetzen, sie wähnten sich aber in den französischen Alpen. Dort starteten die Amerikaner eine gross angelegte Suche. Erst nach etwa zwei Tagen wurde auch die Schweiz als möglicher Standort in Betracht gezogen, denn amerikanische Flugzeuge hätten damals nicht über Schweizer Territorium fliegen dürfen.

Eher zufällig wurde die Dakota schliesslich auf dem Gauligletscher gesichtet. Aus Flugzeugen wurden Hilfspakete zu den Verunglückten abgeworfen. Unten im Tal nahm die Rettungsaktion bisweilen schon fast groteske
Züge an. Die Amerikaner hatten offenbar unzulängliche Vorstellungen von den Verhältnissen im Schweizer Hochgebirge und waren der Ansicht, das Wrack könne mit Jeeps und Raupenfahrzeugen erreicht werden.

In einer beispiellosen Rettungsaktion wagten schliesslich Schweizer Militärpiloten die weltweit erste Rettung im Hochgebirge aus der Luft. Mit zwei Fieseler-Storch-Flugzeugen landeten Victor Hug und Pista Hitz auf dem Gletscher. Nach fünf Tagen und Nächten in eisiger Kälte konnten die Passagiere der Dakota alle wohlbehalten nach Meiringen ausgeflogen werden.

Das Dakota-Wrack versank nach und nach in Schnee und Eis. Im Lauf der letzten Jahre kamen aufgrund der Gletscherschmelze immer wieder Wrackteile zum Vorschein. Der bis gestern spektakulärste Fund gelang am 27.Juli 2012 den jungen Oberländer Bergsteigern Manuel Rufener, Peter Flühmann und Luca Kocher: Im tauenden Eis entdeckten sie einen der beiden Propeller der Dakota – das rund 300 Kilo schwere Teil steht jetzt im Chammli, wo zum Gedenken an den Absturz ein Infoposten eingerichtet worden ist.

Dokumentation: Auf der Website der Schweizer Luftwaffe ist eine ausführliche Dokumentation über die Dakota auf dem Gauligletscher aufgeschaltet.

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