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Interview mit Jan Böhmermann«Nicht jede Meinung verdient es, gehört zu werden»

Satiriker Jan Böhmermann veröffentlicht seine Tweets als Buch. Im Interview sagt er, wie Kurznachrichten unser Leben prägen, warum er Ausgrenzung manchmal gut findet – und bewertet Tweets von Viktor Giacobbo, Kafi Freitag und Roger Köppel.



Szene einer Drehpause: Jan Böhmermann posiert irgendwo in Deutschlands TV-Hauptstadt Köln. (September 2019)


Szene einer Drehpause: Jan Böhmermann posiert irgendwo in Deutschlands TV-Hauptstadt Köln. (September 2019)
Foto: Matthias Jung/laif

Weshalb sollte sich eine Supermarktverkäuferin für Twitter interessieren?

Weil auf Twitter die Leute sind, die das Leben der Supermarktverkäuferin mitbestimmen. Bei Twitter gibt es zwar deutlich weniger Menschen als bei Instagram oder Facebook, aber dafür sind dort die, die was zu sagen haben oder wenigstens mitreden wollen. Heute twittert jede Chefredaktorin und jede wichtige Politikerin. Und wie regiert Donald Trump, der mächtigste Mensch der Welt? Per Twitter. Die Wirkung dieser Plattform ist kaum zu überschätzen. Twitter geht alle an.

Wie twittern Sie?

An einem Arbeitstag habe ich die App ständig offen. Twitter ist, was ich als Erstes am Morgen und als Letztes am Abend sehe. Es ist meine zentrale Informationsquelle. Mein Lieblingswerkzeug ist das Interface Tweetdeck, mit dem ich verfolgen kann, was die, denen ich folge, gerade liken. So kann ich erkennen, welche Themen die Leute gerade bewegen. Damit kann ich arbeiten.

Bei Ihnen wechseln todernste Tweets und Retweets – Pussy Riot: «I have 3 comrades murdered … » – mit superironischen Sachen ab: «Wäre gerne einen Tag in Thomas Ds heiler Gerolsteiner Welt». Muss nicht ernst bleiben, wer ernst genommen werden will?

Ich bin ja nicht Richard David Precht oder Dieter Nuhr, ich will gar nicht ernst genommen werden. Ich bin ein Quatschvogel, ich muss also rein gar nichts. Das ist sehr befreiend. Ich kann als Quatschvogel Gedanken ungezwungen aussprechen, auch die dummen. Ein Chefredaktor, der twittert wie ich, riskiert seinen Job.

Haben Sie auf Twitter schon mal einen vernünftigen Dialog erlebt? Bei dem die Bereitschaft bestand, dem Gegenüber recht zu geben?

Auf Twitter geht es nicht um Konsens. Das Medium ist nicht dafür gemacht, dass sich Debatteure auf einen gemeinsamen Nenner einigen können. Vielmehr geht es darum, mit den wenigen Zeichen, die man zur Verfügung hat, pointiert Meinungen kundzutun. Twitter ist wie ein Schützengraben, in der Argumente die Geschosse sind. Oder eine Zirkusmanege, in der jeder sein Kunststück aufführt und versucht, den anderen in den Schatten zu stellen. Wer einen Konsens finden möchte, bemüht sich besser ausserhalb von Twitter darum.

Gespräche auf Twitter wirken oft ein wenig verlogen. Manche treten zwar in einen Dialog, scheinen dabei aber ständig auf die Erwartungen der eigenen Followerschaft zu schielen und die Antworten entsprechend zu formulieren.

Kommt halt darauf an, was für eine Persönlichkeit man hat. Wenn man auf Twitter ist, um seine Eitelkeit zu befriedigen und man den Likes hinterherläuft, ist das natürlich unschön. Eitelkeit ist ja generell belastend. Likes sind mir persönlich egal, ich suche sie nicht. Ganz im Gegenteil: Ich will ja die Kontroverse und den Widerspruch, wenn ich twittere. Ich will mit meinen Tweets das Festgedachte aufbrechen, zuerst mein eigenes Festgedachtes.

Likes sind Ihnen egal? Ist ja kaum zu glauben.

Wer den Likes hinterherläuft, wird zum Gefangenen des eigenen Gefallen-Wollens. Bringt ja nix.

Wer Böhmermann folgt, findet Böhmermann in der Regel gut. Keine Angst, bloss in die Bubble zu twittern?

Beruhigend, dass Sie bei 2,1 Millionen Followern noch von einer Bubble reden. Aber gut, wenn etwas Wichtiges passiert und ich den Drang habe, darüber zu twittern – kann schon sein, dass der eine oder andere Tweet für viele meiner Followerinnen nicht ganz überraschend kommt und ich sie in ihrem Böhmermann-Bild bestätige. Ich bin Fan der grössten aller Bubbles: der Bubble des gesellschaftlichen Abseits. Menschenfeinde, die die Gesellschaft zerstören wollen, gehören in diese Bubble des sozialen Abseits. Und an der Schaffung dieser Bubble arbeite ich gerne mit. Nicht jede Meinung verdient es, gehört zu werden. Man darf die eigene Angst vor dem lauten Widerspruch gegen Rassismus und Menschenfeindlichkeit nicht zum Selbstschutz als Liberalität tarnen. Was falsch ist, ist falsch.

Jetzt würde aber so mancher Zeitgenosse rufen: «Das ist Cancel Culture!»

Wenn man Blödsinn widerspricht, ist das nicht «Cancel Culture». «Cancel Culture» ist ein dümmlicher Kampfbegriff. So wie «Politische Korrektheit»: Der wird auch immer dann benutzt, wenn jemand keinen Bock auf Debatte hat oder eine andere Meinung nicht aushalten kann. Dann macht man den Stempel «Cancel Culture» oder «Politische Korrektheit» drauf, diskreditiert die gesamte Debatte und verabschiedet sich als der vermeintlich Klügere aus der Runde. Früher hörte man ja öfter noch den Begriff «Gutmenschentum», mit dem man sich die eigene soziale Untätigkeit und Ignoranz schönreden konnte.

Kommen wir zu Ihrem Twitter-Buch. Warum brauchen wir das?

Twitter bestimmt unser Leben wie kein anderes Medium. Seltsamerweise ist das aber noch nicht in den Köpfen angekommen. Twitter wird immer noch nicht ernst genommen, vor allem von den klassischen Medien nicht. Sie tun Twitter natürlich auch deshalb ab, weil sie meinen, so ihre Position verteidigen zu können. Meine Hoffnung: dass wir Twitter mit neuen Augen sehen, wenn wir Tweets in Buchform lesen können. Dass wir Twitter endlich ernst nehmen, auch wenn wir längst noch nicht alles über seine Bedeutung wissen.

Und wer soll das lesen?

Alle, die mich mögen. Alle, die mich hassen. All jenen, die mir ambivalent gegenüberstehen, sage ich: Ihr könnt das Buch ja erst mal kaufen. Und dann schaut ihr, ob ihr es lesen wollt oder nicht.

In der Ankündigung des Buchs heisst es, Sie stünden «in der Tradition grosser Moralisten wie Montaigne und Lichtenberg». Entspricht das Ihrer Selbstwahrnehmung?

Absolut. Nicht zuletzt, weil mein Verlag mich gebeten hat, diese Ankündigung auf gar keinen Fall zu dementieren.

Michel de Montaigne, französischer Philosoph und Essayist, 1533–1592.
Michel de Montaigne, französischer Philosoph und Essayist, 1533–1592.

Wer brilliert auf Twitter?

In zehn Jahren werden wir Romane von Frauen und Männern lesen, die sich zuallererst auf Twitter ausprobiert haben. Die hier ihren Stil entwickelt und sich ihr Selbstbewusstsein geholt haben. Twitter ist eine literarische Ursuppe. Und man darf nicht vergessen: Auch wer nur 500 Follower hat, hat damit einen rappelvollen Kleinkunstkeller in der Tasche, den er jederzeit bespielen kann.

Was halten Sie von Leuten, die sich selber retweeten?

Mache ich auch manchmal. Wenn ich finde, dass einer meiner Tweets mehr Beachtung verdient. Aber auch, wenn ich gerade einen besonders dummen Tweet geschrieben habe und Haue bekomme. Dann mache ich mich selber zur Schnecke, gebe noch einen drauf und retweete mich. Was ich übrigens nicht mache: Lob von anderen retweeten. Journalisten sind in dieser Hinsicht ja besonders schlimm. Es ist schon eine besonders eitle Gattung.

Ein Beispiel für einen klugen Böhmermann-Tweet, den Sie retweetet haben?

Vor ein paar Jahren habe ich mir den CSU-Politiker Markus Söder etwas genauer angeschaut. Ein interessanter Mann: ausgesprochenes Machtbewusstsein, ohne Scham bei der Selbstinszenierung, überaus mediengewandt auch. Ich twittere damals etwas in der Art: «Wenn er es psychisch packt, wird Markus Söder Kanzler.» Nun hat Söder ja gerade seine grosse Zeit als Deutschlands stabilster Corona-Erklärer, was mich an meinen alten Tweet erinnerte. Den habe ich dann eben retweetet. Zugegeben, da freue ich mich schon, wenn ich so was auf dem Schirm habe.

Und wie reagierten Ihre Follower?

Von den einen gabs Haue, weil sie den Retweet eitel fanden. Die anderen sagten, sie hätten Söders Aufstieg ebenfalls vorhergesehen und zwar bereits vor mir und dass ich ein Trottel sei und mich löschen solle.

Was ist mit jenen Leuten, die sich in Debatten mit einem Tweet einmischen, in dem steht: «Popcorn!» Dazu ein Bild oder ein kurzes Video in der Endlosschleife von jemandem, der Popcorn isst.

Jeder tweetet nach seinem Charakter. Die Popcorn-Gif-Anhänger sind zufrieden mit ihrer passiven Position auf Twitter oder fühlen sich vielleicht der Debatte überlegen. Es ist keine Schande, ein Popcorn-Gif zu posten.

Darf ich Sie bitten, zum Abschluss noch fünf Tweets zu kommentieren, die mir in der Schweizer Twittersphäre aufgefallen sind?

Gern.

Kafi Freitag, eine Schweizer Influencerin: «Machtgeilheit und Egomanie gedeihen dort, wo der Selbwert (sic!) nicht viel kann. Es braucht Grösse, sich infrage zu stellen. Wie höher die Position des Menschen, umso dünner gesät findet sich diese Kompetenz. Wir wären woanders, würden wir in Selbstliebe investieren statt nur in Bildung.»

Sie artikuliert da mit viel rührender Energie eine Offensichtlichkeit. Das mache ich ab und zu auch ganz gern, wenn mich private Gründe dazu verleiten. Mein Urteil: Ein solide gearbeiteter Tweet.

Roger Köppel, Nationalrat der SVP: «Die New York Times sollte ihr Redaktionsgebäude den Lenape-Indianern zurückgeben.»

Roger Köppel sollte sein Smartphone seinem Sozialbetreuer zurückgeben.

Boas Ruh, Journalist der «NZZ am Sonntag»: «Manchmal geht meine rebellische Seite mit mir durch und ich nimm (sic!) eine Espresso-Kapsel für den Lungo.»

Wenn einem NZZ-Redaktor die rebellische Seite durchgehen würde, würde er sofort seinen Job kündigen und bei einer weniger rückwärtsgewandten und ideologisierten Zeitung arbeiten gehen.

Viktor Giacobbo, Satiriker: «Faszinierend – mit dieser einzigen Silbe in einem Tweet schreckt man in wenigen Sekunden eine wütende Menge Verschwörungstrolle hoch: 'impf...'»

Ein solide gearbeiteter Tweet. Weiter so! Dann schafft es Giacobbo vielleicht sogar noch nach Deutschland.

Und gleich noch ein Schweizer Satiriker, Gabriel Vetter. Sein Tweet: «Enten. Wer kennt sie nicht.» Dazu ein Bild von einer Ente.

Fantastisch. Genau so muss es sein. Manchmal überraschen einen ja ganz einfache Fragen. Warum haben wir fünf Finger? Warum nicht vier oder sechs? Solche Sachen ... «Ente. Wer kennt sie nicht.» Ja, das ist nun wirklich ein richtig toller Tweet.