Zum Hauptinhalt springen

Kommentar zur «Lex Netflix»Nicht noch mehr Geld fürs alte Kinofilm-System

Netflix muss in Schweizer Filme und Serien investieren. Gut so, aber das reicht noch lange nicht.

Würde bei uns vielleicht «Seeland» heissen: Das Geldwäscher-Ehepaar aus der Netflix-Serie «Ozark», die rund um den Lake of the Ozarks in Missouri spielt.
Würde bei uns vielleicht «Seeland» heissen: Das Geldwäscher-Ehepaar aus der Netflix-Serie «Ozark», die rund um den Lake of the Ozarks in Missouri spielt.
Foto: Steve Dietl (Netflix)

Die Debatte über die «Lex Netflix» am Montag im Nationalrat erinnerte an Martin Scorseses Epos «The Irishman» auf Netflix. Beides dauerte ewig, und wenn man sich zwischendurch einen Kaffee machte und wieder zurückkehrte, war der Plot immer noch nicht weiter. Am Abend entschied der Rat, dass internationale Streamingdienste ins unabhängige Schweizer Filmschaffen investieren müssen – aber nicht wie vorgesehen 4 Prozent, sondern nur 1 Prozent ihres Umsatzes.

In der Schweiz gibt es noch genug Köpfe, die partout nicht kapieren wollen, dass es lustig sein kann, sich auf dem Handy eine «Friends»-Episode anzugucken.

Der Kampf vorab war heftig, denn im neuen Filmgesetz stecken drei Grundkonflikte unserer Zeit:

  1. Der Fight zwischen den Kulturförderern und den Deregulierern. Die Pflicht für grosse Streaminganbieter, hiesige Produktionen mitzufinanzieren, wurde von linker Seite als Investition in die Schweizer Filmindustrie und in nationale Selbstbilder beworben – auf Netflix läuft künftig nicht nur «Ozark», sondern auch, nun ja, «Seeland». Die liberale Gegenargumentation kennt man aus der No-Billag-Diskussion; sie ist relativ einfach: Der Staat hat uns nicht vorzuschreiben, was wir schauen sollen.
  2. Das nationale Selbstverständnis vs. globale Technologiekonzerne. In der Schweiz fördern Bund, SRG und regionale Stellen Filme und neuerdings auch Webserien und dergleichen. Nur befindet sich das Publikum nicht mehr unbedingt dort, wo diese Geschichten gezeigt werden, sondern immer öfter auf den Plattformen. Umgekehrt haben Netflix oder Amazon keine Vertretungen in der Schweiz, machen hier aber Millionenumsätze und schlagen auf den Abo-Preis erst noch einen Reichen-Aufschlag drauf – sie sollen also etwas zur nationalen Produktion beitragen, wie das in Deutschland oder Frankreich bereits geschieht. Dass immer von Netflix die Rede ist, hat seinen Sinn: Disney wird in der Schweiz keine Shows produzieren, Netflix allenfalls schon. Der Anbieter sagt aber, der Markt müsse sich zuerst bereitmachen für die Art von Inhalten, die passen würden. Auch will er wegkommen vom Fördersystem, das noch immer meistens 90-minütige Spielfilme ausspuckt.
  3. Die Boomer gegen die jüngeren Generationen. In der Schweizer Filmbranche wie in der Politik gibt es noch genug Köpfe, die unter Unterhaltung einen abendfüllenden Kinofilm verstehen und partout nicht kapieren wollen, dass es lustig sein kann, sich auf dem Handy eine «Friends»-Episode anzugucken. Die Jüngeren aber wurden an Festivals und über Download-Börsen sozialisiert; sie kennen Technologien und Ästhetiken und wollen ausprobieren – auch Kino, aber nicht nur. Wenn die Nationalräte und Nationalrätinnen über Streaming reden, klingt es allerdings so, als hätten sie einen Neffen fragen müssen, was das genau ist. «Netflix ist ja darum so erfolgreich, weil sie gute Filme machen», sagte etwa CVP-Mann Philipp Kutter. Durchgesetzt hat sich Netflix tatsächlich dank selber entwickelten Serien.

Klar gesagt: Ja, Streamingdienste sollen bei uns investieren. Das bringt aber wenig, wenn die zusätzlichen Mittel nur wieder in ein System hineinlaufen, das dem alten Kinofilm-Denken zugutekommt. Es gibt hier genug Autoren und Produzenten, die experimentieren möchten – dass sie das können, dafür müssen Förderer und Produzenten sorgen.

Eine Bevormundung durch den Staat ist das nicht, denn bevormundet werden wir schon von den Streamingdiensten.

Aus dem Geld der grossen Player könnte so etwas Kühnes bei uns entstehen. Eine Bevormundung durch den Staat ist das nicht, denn bevormundet werden wir schon von den Streamingdiensten. Der grüne Nationalrat Fabien Fivaz hat es an der Debatte schön gesagt: «Heute wählt Netflix bereits für Sie aus, denn Sie schauen ja, was Ihnen empfohlen wird.»