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Geschichte der VerschwörungstheorieNichts ist, wie es scheint!

Mondlandung, 9/11 und natürlich das Coronavirus: alles eine Verschwörung. Wie und wann solche Theorien entstehen, wer daran glaubt und warum sie gerade so populär sind.

Inside Job? Auch zu den Terroranschlägen vom 11.9.2001 gibt es Verschwörungstheorien.
Inside Job? Auch zu den Terroranschlägen vom 11.9.2001 gibt es Verschwörungstheorien.
Foto: Greg Semendinger (Keystone)

Adam Weisshaupt hatte keine Ahnung, was er da lostrat. Weisshaupt, Rechtsprofessor im bayrischen Städtchen Ingolstadt, organisierte im Mai 1776 ein geheimes Treffen mit einigen Studenten. Die Männer diskutierten ein Thema, das im konservativen Bayern damals nicht besonders gut ankam. Sie wollten die Ideen der Aufklärung verbreiten – rationales Denken, Freiheit des Individuums, Säkularisierung – und so die Menschen erhellen (lateinisch: illuminare). Deshalb wählten sie einen Namen, der noch heute mit Verschwörungstheorien in einem Atemzug genannt wird: Weisshaupts Studiengruppe hiess die Illuminati. Ein Vorbild waren die Freimaurer, ein Geheimbund, der schon seit Anfang des 18. Jahrhunderts existierte.

Besonders lange bestanden die Illuminati nicht. Schon bald flogen die geheimen Treffen auf, und die Illuminati lösten sich 1785 auf. Doch im Denken von Verschwörungstheoretikern sind sie bis heute sehr lebendig und wurden für allerlei Übel und Revolutionen verantwortlich gemacht. «Dabei planten die Illuminati gar keinen gewaltsamen Umsturz, sondern wollten die Menschen in einem langsamen Prozess aufklären», sagt Michael Butter, Kulturhistoriker und Professor für Amerikanistik an der Universität Tübingen. Butter hat das Buch «Nichts ist, wie es scheint» zum Thema geschrieben und ist Co-Leiter des europäischen Forschungsprojektes «Conspiracy Theories».

Verschwörungstheorien habe es schon immer gegeben, weil wir ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber anderen Menschen hätten, glauben viele. Doch Butter präzisiert: «Verschwörungstheorien, wie wir sie heute kennen, sind erst in der frühen Neuzeit entstanden.» Zwar existierten bereits in der Antike gewisse Vorläufer, und auch im Mittelalter gab es vermutete Verschwörungen. Doch die mittelalterlichen Komplott-Theorien waren nicht so vielschichtig und wurden jeweils erst entwickelt, nachdem etwas bereits geschehen war, um eine bestimmte Gruppe – häufig die Juden – zu beschuldigen. Allerdings konnten auch sie verheerende Folgen haben.

Die Pest in Winterthur im Jahr 1328. Lithografie von A. Corrodi, 1860.
Die Pest in Winterthur im Jahr 1328. Lithografie von A. Corrodi, 1860.
Foto: Hamza Khan (Alamy)

Im 16./17. Jahrhundert entstanden dann wichtige Voraussetzungen für die heutigen, häufig recht komplexen Theorien: Mit dem Aufkommen des Buchdrucks fanden Verschwörungstheoretiker plötzlich ein viel breiteres Publikum. Wie wichtig ein neues Medium sein kann, hat sich in den letzten zehn Jahren gezeigt. Das Internet und die sozialen Medien haben den Verschwörungstheorien einen kräftigen Schub verliehen. Wer früher im stillen Kämmerlein an irgendetwas glaubte, der findet nun mit wenigen Klicks scheinbar Gleichgesinnte, die jede noch so abstruse Theorie bestärken.

Es begann in der frühen Neuzeit mit den Hexenverfolgungen. «Ab der Mitte des 15. Jahrhunderts bildete sich in Europa nach und nach die Vorstellung von gross angelegten Hexenkomplotten aus», sagt Butter. Zuvor hatten sich die Anschuldigungen meist gegen einzelne Frauen gerichtet. Nun kursierten mehrere Abhandlungen vor allem unter Geistlichen, was die Hexen planten und wie man eine Hexe erkenne. Das religiöse Element war hier im Gegensatz zu späteren Theorien noch immer sehr wichtig. Es war der Teufel, der die Hexen angeblich lenkte.

Auch ideengeschichtlich setzte die Neuzeit wichtige Prozesse in Gang. Erst jetzt schrieb man den Menschen überhaupt die individuelle Handlungsfähigkeit zu, um komplexe Verschwörungen entwerfen zu können. Im Mittelalter glaubte man, dass Gott den Gang der Welt steuere und der Einzelne den Lauf der Dinge nicht entscheidend beeinflussen könne.

«Das Auge der Vorsehung» ist ein Symbol, das mit den Freimaurern und den Illuminati in Verbindung gebracht wird.
«Das Auge der Vorsehung» ist ein Symbol, das mit den Freimaurern und den Illuminati in Verbindung gebracht wird.

Gleichzeitig hinterliess die Säkularisierung Leerstellen in den Gedankengebäuden der Menschen. Weil Gott plötzlich nicht mehr die alles bestimmende Kraft war, entstanden bei manchen grosse Unsicherheiten. Dass Chaos und Zufall die Welt regieren, ist keine tröstliche Vorstellung. So klammerten sich manche Menschen an die alten Denkmuster, wonach doch irgendwer im Hintergrund die Strippen zieht und es eine möglichst weltumfassende Erklärung für gewisse Ereignisse geben müsste. Verschwörungstheorien boten und bieten das.

Warum spielten die Illuminati eine wichtige Rolle

Das Beispiel der Illuminati ist bezeichnend für ein Denkmuster, das auch in heutigen Verschwörungstheorien wieder sehr verbreitet ist: Eine geheime Gruppe globaler Eliten zieht im Hintergrund die Fäden, um eine finstere Agenda durchzusetzen. Der Einzelne ist diesen Vorgängen hilflos ausgeliefert, muss sich aber daranmachen, das dunkle Treiben aufzudecken. Die Illuminati waren in den Augen der Verschwörungstheoretiker unter anderem schuld an der Amerikanischen (1776) und der Französischen Revolution (1789).

Doch warum hinterliess eine kleine Gruppe, die nicht lange bestanden hatte, einen derart profunden Eindruck? Das späte 18. Jahrhundert war eine Zeit grosser Umwälzungen. Die alte Gesellschaftsordnung wurde durch die Revolutionen in ihren Grundfesten erschüttert. «Die Illuminati waren als geheime Elitegruppe angelegt und sie vertraten revolutionäre Ideen», schreibt die englische Kulturhistorikern Lindsay Porter, die zum Thema forscht. Das hatte vor allem mit dem damaligen geistigen Klima in Bayern zu tun. Doch dank dieser Elemente boten sie eine willkommene Projektionsfläche, an der die Verschwörungstheorien anknüpfen konnten.

Und auch heute sind wieder Theorien populär, die dem Hauptmotiv der Illuminati-Theorie folgen: Eine globale Elite hat sich verschworen. Anstelle der Illuminati treten Bill Gates, die Weltgesundheitsorganisation, die Pharmafirmen, die US-Demokraten oder die deutsche Bundesregierung. Die Inhalte, die Schuldigen und die Versatzstücke sind wahllos auswechselbar.

Welches Konzept steckt hinter Verschwörungstheorien?

Verschwörungstheorien basieren auf der Annahme, dass Menschen den Verlauf der Geschichte nach ihren Wünschen lenken können, dass Geschichte also planbar ist. Sie schreiben den Verschwörern die Fähigkeit zu, über Jahre, manchmal sogar über Jahrzehnte hinweg, die Geschicke eines Landes oder gar der Welt zu bestimmen. In der Realität, und die politische Landschaft der Schweiz führt das oftmals bilderbuchartig vor, ist das völlig unrealistisch. Denn es gibt viele zersplitterte Gruppen, die ihre jeweils eigenen Interessen lobbyierend verfolgen und durchzusetzen versuchen.

Der britische Physiker David Robert Grimes von der Universität Oxford hat vor einigen Jahren in einer Studie berechnet, wie schnell komplexe Verschwörungstheorien nur schon wegen der grossen Anzahl Mitwisser eigentlich auffliegen müssten. Beispiel Mondlandung: Noch immer behaupten gewisse Verschwörungstheoretiker, die US-Astronauten seien 1969 nicht auf dem Mond gestanden. Die Nasa beschäftigte Ende der 60er-Jahre über 400’000 Mitarbeiter. Spätestens nach dreieinhalb Jahren hätte sich irgendjemand verplappert, kam Grimes zum Schluss. Als Modell dienten ihm dabei echte Verschwörungen, die aufgeflogen sind.

Die US-Astronauten waren nie auf dem Mond – auch das besagt eine Verschwörungstheorie.
Die US-Astronauten waren nie auf dem Mond – auch das besagt eine Verschwörungstheorie.
Foto: Neil Armstrong (AP, Keystone)

Interessant ist, dass Verschwörungstheorien über lange Zeit nicht so stigmatisiert waren wie in den letzten Jahrzehnten. Abraham Lincoln, George Washington oder Thomas Mann äusserten öffentlich derartige Vermutungen. «Bis in die 1950er-Jahre waren diese Theorien akzeptiertes Wissen», sagt Kulturhistoriker Butter. In den USA war es während der McCarthy-Ära Anfang der Fünfzigerjahre offizielle Doktrin, dass eine kommunistische Unterwanderung im Gang sei. Warum sie dann stärker in den Hintergrund traten, ist noch wenig erforscht. Eine Rolle spielten vermutlich die aufkommenden Sozialwissenschaften.

Warum glauben die Menschen daran?

Wir alle lieben geheimnisvolle Geschichten und das leichte Gruseln, das einen befällt, wenn sich in der TV-Serie herausstellt, dass dunkle Mächte am Werk sind. Doch für manche Menschen verschwimmen Realität und Fiktion, wenn es um Verschwörungstheorien geht. Dabei gibt es gewisse Persönlichkeitsmerkmale, die Menschen anfälliger machen. Wer schlecht mit Unsicherheiten und Ambivalenzen umgehen kann, der fühlt sich eher von Verschwörungstheorien angezogen.

Diese Theorien würden drei Grundbedürfnisse der Menschen befriedigen, schreibt die britische Sozialpsychologin Karen Douglas, die zur Frage forscht, warum manche Menschen leichter an Verschwörungstheorien glauben als andere. Diese Grundbedürfnisse sind der Wunsch, Vorgänge zu verstehen, das Bedürfnis, sich sicher und in Kontrolle zu fühlen, und das Verlangen danach, ein positives Bild von sich selbst oder einer Gruppe zu haben. Dabei wird auch klar, dass nicht nur gewisse psychologische Merkmale entscheidend sind, sondern auch die Lebenssituation eines Menschen.

Warum sind die Theorien zurzeit so populär?

Wir leben in unsicheren Zeiten. Die Pandemie und die dadurch ausgelöste Wirtschaftskrise hat viele Menschen erschüttert. In unsicheren Zeiten finden Verschwörungstheorien nicht nur mehr Anhänger, auch eine grössere Anzahl von Menschen fühlt sich ohnmächtig. Und wer sich ohnmächtig fühlt, der ist leichter von Verschwörungstheorien zu überzeugen. Zudem bieten diese Theorien meist einfach zu verstehende Erklärungen für Vorgänge, die eben nicht einfach zu verstehen sind oder ausserhalb unserer Kontrolle liegen – wie ein Virus, das ungesehen um den Globus reist und Menschen tötet. «Der Glaube an Verschwörungstheorien hängt ganz direkt mit Gefühlen der Angst, der Unsicherheit und des Kontrollverlustes zusammen, und Krisensituation lösen genau derartige Gefühle aus», schreibt Douglas.

Warum spielt Antisemitismus so häufig eine Rolle?

«Verschwörungstheorien sind ein wichtiges Element des Antisemitismus», sagt Kulturhistoriker Butter. Sie liefern einen Vorwand, um Juden zu verfolgen, zu verjagen oder zu ermorden. Das geht bis ins Mittelalter zurück. Damals war der christlich geprägte Antijudaismus die treibende Kraft und lieferte die Motive. Man beschuldigte die Juden beispielsweise, kleine Kinder zu ermorden. Im 14. Jahrhundert wütete in Europa die Pest, rund ein Drittel der Bevölkerung starb an der Krankheit. «Es begannen Verschwörungstheorien zu zirkulieren, die jenen der Neuzeit schon recht nahe kamen», sagt Butter. Die Krankheit verbreite sich, weil die Juden die Brunnen vergiftet hätten, lautete die Theorie. Schlimme Pogrome waren die Folge.

Dann traten antisemitische Verschwörungstheorien eine Zeit lang in den Hintergrund und flammten erst mit den Revolutionen Ende des 18. Jahrhunderts wieder auf. Konservative Kreise gaben nicht nur den Illuminati, sondern auch den Freimaurern, Katholiken oder Juden die Schuld für diese Umstürze. Eine wichtige Rolle spielte dann Anfang des 20. Jahrhunderts ein antisemitisches Pamphlet, genannt «Protokolle der Weisen von Zion». Das Dokument war reine Fiktion und behauptete, es gebe eine jüdische Weltverschwörung. Obwohl es in einem Prozess in Bern 1933 bis 1935 als klare Fälschung entlarvt wurde, bezogen sich auch die Nationalsozialisten immer wieder auf dieses Dokument.