Zum Hauptinhalt springen

Gartenkolumne «Nachgehackt»Nie mehr Ferien

Das Gartenleben ist ja schön und gut. Es hat aber einen entscheidenden Nachteil.

Wie im Paradies, aber viele Gärtnerinnen und Gärtner können erst abschalten, wenn wirklich alle Arbeit erledigt ist – also eigentlich nie …
Wie im Paradies, aber viele Gärtnerinnen und Gärtner können erst abschalten, wenn wirklich alle Arbeit erledigt ist – also eigentlich nie …
Foto: Getty

Weit kann man ja nicht in diesem Sommer. Der Kollege war in den Bergen. Die Freundin beim Campieren am See. Die Nachbarn im Häuschen im Piemont. Mal ein bisschen ausspannen, sagen sie. Ein wenig Urlaub.

Der schaut bei uns dann so aus: Der Mann ist wie wild am Honigschleudern. Ich bin wie verrückt am Giessen. Die Kinder sind voll motiviert am Gurkenernten, die Hühner am Eierlegen, als ob sie eine ganze Schulklasse versorgen müssten. Und die Schmetterlinge in unserem improvisierten Raupenhaus schlüpfen bestimmt in jenen drei Stunden, in denen wir mal in die Badi möchten.

Ein Paradies, sagen die anderen, wenn sie am Wochenende bei uns in der Hängematte liegen. Freudig die gedörrten Kirschen und den selbst gezogenen Salat entgegennehmen. Und zum Abrunden des Ausflugs aufs Land mal eben barfuss im Garten einen Blumenstrauss pflücken. Nur so zum Spass.

Ein Paradies.

Wenn jetzt noch jemand kommt und findet: «Ihr müsst ja nirgends hin, bei euch ist es bereits wie in den Ferien», dann schmeisse ich ihm eine grosse Zucchetti nach. Oder auch zwei, wir haben ja wirklich genug von den Dingern.

Natürlich ist es ein Paradies. Aber ein hart erarbeitetes. Als echtes Emmentaler Hogermeitschi kann ich nun mal nicht aus meiner Haut. Die protestantische Arbeitsethik sitzt irgendwo tief in meinem Kopf, gepanzert und zäh wie zu dick geratene Bohnen. Keine Gleichmut kommt durch, keine sommerliche Leichtigkeit. Ja, ich kann erst ruhen, wenn alle Arbeit getan ist. Und wehe, der Mann legt sich zwischendurch mal ein paar Minuten aufs Sofa. Böse Blicke und scharfe Worte sind ihm sicher. Denn zur Arbeitsethik gesellt sich ein noch ausgeprägterer Gerechtigkeitssinn. Warum soll er können, was mir verwehrt bleibt?

Also zuerst alle Arbeit hinter uns bringen. Das Problem ist bloss: Getan ist diese Arbeit nie. Giessen, jäten, ernten, hacken, säen, setzen und wieder von vorne.

Natürlich macht es Freude. Es gibt kein grossartigeres Gefühl, als an einem Tisch voller selbst gezogener Sachen zu sitzen. Nicht umsonst kaufte ich schon früher immer bei jenem Bauern auf dem Märit ein, der alles Entsprechende mit «eigen» angeschrieben hatte. Natürlich will ich möglichst viel «eigen». Das ist meine Leidenschaft, mein Hobby.

Aber es bringt einen entscheidenden Nachteil mit sich: Ferien gibt es nicht. Sich lange im Garten im Liegestuhl zu sonnen, lässt mein Pflichtgefühl nicht zu.

Die einzige Lösung ist es, in die Ferien zu fahren. Denn dort ist auch die protestantische Arbeitsethik weit weg. Entspannen plötzlich möglich. Und liege ich dann endlich am Wasser, denke ich mit Vorfreude an die nun reifenden Tomaten. Wehmütig an die Bohnen, die dringend geerntet werden sollten. Sorgenvoll an die reich tragende Peperoni, die vielleicht doch nicht genügend fest angebunden ist, wenn jetzt ein wirklich heftiges Gewitter kommt.

Und wenn es dann nach ein paar Tagen wieder nach Hause geht – denn länger darf ein Urlaub im Sommer für Gartenbesitzer keinesfalls dauern –, bin ich froh, dass ich mich wieder den wirklich wichtigen Dingen im Leben widmen kann.