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Geld ohne AuflagenNotkredite des Bundes bringen Kreditplattformen in Not

Crowdlending-Plattformen leben von der Kreditvermittlung an KMU. Doch die Notkredite des Bundes verhageln ihnen das Geschäft. Betroffene warnen vor Missbrauch.

Die einfache Hilfe des Bundes hat ihre Tücken: Bundesrat Ueli Maurer sieht kaum Missbrauch bei den Covid-19-Krediten.
Die einfache Hilfe des Bundes hat ihre Tücken: Bundesrat Ueli Maurer sieht kaum Missbrauch bei den Covid-19-Krediten.
Foto: Keystone

Ob eine neue Einrichtung für den Coiffeursalon, neue Maschinen für einen landwirtschaftlichen Betrieb oder die Entwicklung einer neuen App – viele KMU haben sich über eine Crowdlending-Plattform Geld für Investitionen beschafft. Sie bezahlen einen Zins von 1 bis 8 Prozent dafür, die Geldgeber erhalten eine Rendite von rund 5 Prozent. Es ist ein wachsendes Geschäft: Rund ein Dutzend Plattformen sind in der Schweiz aktiv. Über sie wurden im letzten Jahr rund 260 Millionen Franken verliehen, 40 Prozent mehr als 2018.

Doch die Branche hat ein Problem – sie hat den mächtigsten Konkurrenten, den man sich vorstellen kann: den Staat. Bislang haben Crowdlender viele Firmen mit Krediten versorgt, die Schwierigkeiten hatten, bei der Bank einen Kredit zu bekommen oder gar nicht erst einen Kreditantrag bei einer Bank gestellt hatten. Nun können die KMU einfach einen vom Bund abgesicherten Covid-19-Kredit bis 500’000 Franken abholen, den es derzeit gratis und praktisch ohne Prüfung von den Banken gibt. «Bislang waren kleine Unternehmen mit höheren Risiken und entsprechend höheren Kreditzinsen für Banken als Kreditnehmer weniger interessant», sagt Simon Amrein vom Branchenverband Swiss Marketplace Lending Association.

Rund 17 Milliarden Franken wurden über das Notprogramm des Bundes verteilt. Im Schnitt wurden Kredite für rund 150’000 Franken beantragt. Zum Vergleich: Ein durchschnittlicher Crowdlending-Kredit beträgt in der Schweiz rund 300’000 Franken.

Alle angefragten Crowdlending-Plattformen erachten die unkomplizierte und schnelle Hilfe des Bundes für Schweizer KMU als richtig – sie warnen aber auch vor Gefahren. Denn das Geld aus den Covid-19-Krediten sollten die Firmen verwenden, um Löcher zu stopfen, die wegen der Corona-Krise entstehen. Das sei vielen KMU aber nicht klar. «Viele KMU sind sich nicht bewusst, wofür sie das Geld aus den Covid-19-Krediten brauchen dürfen», sagt Florian Kübler, Mitgründer des Crowdlenders Lend.ch. «Durch die Notkredite entsteht für uns ein neuer Konkurrent, was nicht der Fall sein dürfte, weil die Firma ja eben mit dem Geld nicht investieren darf», so Kübler, dessen Unternehmen ebenfalls einen Kredit beantragt hat.

Weniger Kreditanfragen

Alwin Meyer, Chef der Plattform Swisspeers, sieht daher im Notprogramm kein Problem: «Die Covid-19-Kredite dürfen nur für laufenden Liquiditätsbedürfnisse eingesetzt werden und explizit nicht für Investitionen ins Anlagevermögen.» Laut seinen Angaben sind 90 Prozent des Portfolios von Swisspeers genau solche Wachstums-, Auftrags- und Nachfolgefinanzierungen. «Daher glaube ich, dass die Nachfrage nicht wesentlich von den Covid-19-Krediten beeinflusst wird.»

Andere Plattformen stellen jedoch genau das fest. «Gegen ein 0%-Zins-Kreditangebot des Bundes haben wir natürlich keine Chance mit einem ordentlichen Kreditangebot, und wir sehen Verlagerungen», so Michael Borter, Chef der Plattform Cashare. Konkurrent Creditgate24 spricht von Verwerfungen am Markt. «Auch wir spüren dies und sehen einen temporären Rückgang der Kreditanfragen», so Viviana Gujer von Creditgate24.

Gegen ein 0%-Zins-Kreditangebot des Bundes haben wir natürlich keine Chance mit einem ordentlichen Kreditangebot, und wir sehen Verlagerungen.

Michael Borter, Chef von Cashare

Kai Ren, Mitgründer der Plattform Creditworld, sagt: «Für den Steuerzahler und unsere Branche ist nun wichtig sicherzustellen, dass diese Überbrückungskredite nicht missbraucht werden.» Gleichzeitig sieht er eine grosse Nachfrage nach Krediten über 500’000 Franken, da dort die Banken mit ins Risiko gehen müssen und folglich beinahe die normalen Vergabekriterien angewendet werden. Sprich: Sie prüfen die Kredite genauer.

Eine Bonitätsprüfung gibt es bei den Krediten bis 500’000 Franken nicht. Dabei haben sich die Crowdlending-Plattformen beim Bund dafür eingesetzt, bei der Bearbeitung der Anträge und der Kreditprüfung zu helfen. Sie stiessen dort aber auf Ablehnung, während in Grossbritannien oder den USA Kreditplattformen bei den Notprogrammen mitwirken. Der ganze Kreditprozess läuft nun über die Banken. «Wir bekommen mit, dass KMU, die wir abgelehnt hatten, nun Geld vom Staat bekommen haben», sagt Kübler von Lend.ch. Bei mehreren Medienauftritten betonte Bundesrat Ueli Maurer, dass es bislang kaum Anzeichen für Missbrauch bei den Covid-19-Kredite gebe.

In der Crowdlending-Branche wird aber auch davon berichtet, dass einzelne KMU von ihrer Bank darauf hingewiesen wurden, dass sie ihre Crowdlending-Kredite durch Covid-19-Kredite ablösen könnten.

Private Investoren wollen einspringen

Die Crowdlending-Plattformen hoffen, dass sie bei den Firmen wieder zum Zug kommen, wenn die Krise länger anhält. Firmen, die bislang keine Kredite gebraucht haben, könnten bald darauf angewiesen sein und sich dann nach einer Alternative zu den Banken umsehen. Bei Creditgate24 heisst es, dass schon heute sicher sei, dass einige Kunden bald frische Mittel brauchten: «Zusätzliche Finanzierungslösungen zur Deckung von weiterführenden Liquiditätsbedürfnissen werden notwendig sein.» Dann will die Firma wieder verstärkt ins Geschäft kommen.

Auch bei Lend glaubt man nicht, dass das 40-Milliarden-Paket ausreicht. «Falls das der Fall ist, dann muss es bessere Kontrollen geben. Fintechs sollen unterstützen dürfen und müssen in den Vergabe- und Kontrollprozess einbezogen werden», so Kübler. Das würde auch frische Investoren anziehen. «Wir stehen in Kontakt mit Pensionskassen und Family Offices, die bereit wären, mehrere 100 Millionen Franken in KMU zu investieren», so Kübler.