Zum Hauptinhalt springen

Vor dem Final des Australian OpenNovak Djokovic heizt das Duell der Generationen an

Novak Djokovic gegen Daniil Medwedew heisst das Endspiel in Melbourne. Altmeister gegen Herausforderer. 33 Jahre gegen 25. Also packt der Serbe die markigen Worte aus.

In der Defensive überragend und mental extrem stark: Novak Djokovic hat all seine acht Australian-Open-Finals gewonnen.
In der Defensive überragend und mental extrem stark: Novak Djokovic hat all seine acht Australian-Open-Finals gewonnen.
Foto: Matt King (Getty Images)

Als Dominic Thiem 2020 am US Open triumphierte, gelang ihm der Befreiungsschlag auf Grand-Slam-Stufe. Doch sein Erfolg darf nicht als Zeichen für die Wachablösung im Männertennis gewertet werden. Denn Rafael Nadal und Roger Federer fehlten in New York, Novak Djokovic wurde disqualifiziert. Kurz darauf zeigte Nadal in Paris den jungen Herausforderern, wer auf den Sandplätzen von Roland Garros der Chef ist.

In den letzten 15 Jahren ist es nur Andy Murray (3-mal), Stan Wawrinka (3), Juan Martín del Potro (1) und Marin Cilic (1) gelungen, auf höchster Ebene die Phalanx der drei lebenden Legenden zu durchbrechen, und die vier Genannten sind alle selber schon über 32-jährig und derzeit kein Faktor. Ob Federer es noch einmal an die Spitze schafft, ist ungewiss. Aber Nadal und Djokovic sind noch da, und der Serbe machte in Melbourne deutlich, dass er nicht gewillt ist, sich zur Seite schieben zu lassen.

«Ich werde ihnen das Zepter nicht einfach weitergeben; ich sorge dafür, dass sie sich den Arsch aufreissen müssen.»

Novak Djokovic über die neue Generation

In einem Interview für den englischsprachigen Eurosport-Kanal sagte der Weltranglistenerste, es werde viel darüber geredet, «dass die neue Generation uns drei übertrumpft und das Ruder übernimmt, doch realistischerweise passiert das noch nicht. Bei allem Respekt für die anderen, sie haben noch viel Arbeit vor sich.» Und dann setzte der Gewinner von 17 Grand-Slam-Titeln noch einen drauf: «Ich werde ihnen das Zepter nicht einfach weitergeben; ich sorge dafür, dass sie sich den Arsch aufreissen müssen.»

Am Sonntag hat Djokovic die Möglichkeit, seinen markigen Worten Taten folgen zu lassen. Und sein neunter Erfolg am Australian Open wäre ein ganz starkes Signal. Denn die Nummer 1 bekommt es mit dem stärkstmöglichen Gegner zu tun: Daniil Medwedew. Der Russe spielt deshalb nicht nur für sich, sondern für eine ganze Gruppe von hoch talentierten Akteuren. Würde der 25-Jährige den achtmaligen Melbourne-Champion entthronen, würde dies auch den Glauben diverser Berufskollegen stärken, dass es möglich ist, die grossen drei abzulösen.

12 Siege gegen Top-10-Spieler in Folge

«Wenn es einer hinkriegt, dann Medwedew in dieser Form», sagte Heinz Günthardt am Schweizer Fernsehen während des zweiten Halbfinals. In der Tat zeigte der schlaksige Rechtshänder gegen Nadal-Bezwinger Stefanos Tsitsipas eine starke Leistung. Bis zum 3:1 im dritten Satz dominierte er das Geschehen gegen den Griechen mit starken Aufschlägen und chirurgischer Präzision von der Grundlinie. Doch dann realisierte er den zweiten Servicedurchbruch nicht, worauf Tsitsipas, aufgepeitscht vom Publikum, wie aus dem Nichts aufdrehte. Plötzlich lag Medwedew 3:4 hinten und hatte auch noch einen Breakball gegen sich.

Trotz unorthodoxer Technik chirurgische Präzision: Daniil Medwedew hat 20 Spiele in Serie gewonnen.
Trotz unorthodoxer Technik chirurgische Präzision: Daniil Medwedew hat 20 Spiele in Serie gewonnen.
Foto: Daniel Pockett (Getty Images)

Wie er auf diese heikle Situation reagierte, war noch fast eindrücklicher als die Qualität seines Spiels: Ass, Ass, Servicepunkt – schon stand es 4:4. Kurz darauf gelang ihm bei 5:5 mit einem Rückhand-Passierball von weit ausserhalb des Feldes selber das entscheidende Break. Es war der wohl spektakulärste Schlag im ganzen Match und gleichzeitig ein Ausrufezeichen. Kurz darauf war Tsitsipas 4:6, 2:6, 5:7 geschlagen.

«Schade, spielt Roger derzeit nicht. Ich wäre gern gegen ihn angetreten.»

Daniil Medwedew über Federer

Das Selbstvertrauen des in Monaco wohnenden Moskauers kommt nicht von ungefähr. Er hat seit Anfang November in Paris-Bercy, am ATP-Finale in London sowie mit Russland am ATP-Cup in Melbourne gewonnen und mittlerweile 20 Siege aneinandergereiht. Und noch beeindruckender: 12 dieser Siege kamen gegen Gegner aus den Top 10 zustande.

Ausser dem pausierenden Federer hat Medwedew in dieser Phase jeden aus diesem elitären Zirkel mindestens einmal bezwungen. Darauf angesprochen, antwortete er: «Gut zu wissen. Schade, spielt Roger derzeit nicht. Ich wäre gern gegen ihn angetreten.» Sofort machte er bescheiden klar, dass er mit dieser Aussage nicht gemeint habe, er hätte Federer sowieso geschlagen. «Gegen ihn zu spielen ist immer ein Privileg – wie auch gegen Novak und Rafa.»

Keiner will Favorit sein

Ob es wirklich ein Privileg ist, wird sich am Sonntag in der Rod-Laver-Arena zeigen. Im Duell der beiden Grundlinienspezialisten sind viele hochklassige, kräfteraubende Ballwechsel zu erwarten. Die Favoritenrolle schieben beide von sich. «Djokovic hat den ganzen Druck, denn er muss bei den Grand-Slam-Titeln gegenüber Roger und Rafa aufholen. Er hat mehr Erfahrung, aber auch mehr zu verlieren», erzählte der Russe im Platzinterview. Der Titelverteidiger hielt derweil in seiner Pressekonferenz fest: «Medwedew ist der Mann, den es zu schlagen gilt. Er hat derzeit einen Lauf.»

Tsitsipas, Zverev, Rublew und wie sie alle heissen, werden am Sonntag bestimmt genau beobachten, ob Medwedew Djokovic zu stürzen vermag. Es wäre ein echtes Zeichen für die bevorstehende Wachablösung.

6 Kommentare
    Romi

    Djokovic versteht gut, durch vorgetäuschte Verletzungen, das Momentum des Gegners zu stören. Darum würde ich mich freuen, wenn er verliert