Zum Hauptinhalt springen

Neuer Lockdown in IsraelNun beginnt alles wieder von vorne

Als erstes Land der Welt verhängt Israel zum zweiten Mal den Lockdown – ausgerechnet zum Neujahrsfest. Das macht die einen schwermütig, die anderen wütend.

Viele Geschäftsleute stehen vor dem Ruin: Restaurantangestellte zerbrechen Teller aus Protest gegen den zweiten Lockdown.
Viele Geschäftsleute stehen vor dem Ruin: Restaurantangestellte zerbrechen Teller aus Protest gegen den zweiten Lockdown.
Foto: Corinna Kern (Reuters)

Im Dizengoff Center im Herzen von Tel Aviv herrscht am Freitagmorgen Hochbetrieb. Die letzten Einkäufe werden erledigt, und an den vielen Essensständen im Untergeschoss decken sich die Kunden noch mit Delikatessen ein für dieses ganz besondere Wochenende, an dem Rosch ha-Schana gefeiert wird, das jüdische Neujahrsfest.

Schnell noch Pouletschenkel kaufen und Fleischbällchen, gefüllte Paprika und diese köstlichen Fladenbrote am Stand der Beduinenfrauen. Es ist ein letztes grosses Geschiebe und Gedränge. Um Punkt 14 Uhr rattern die Gitter nach unten, die Läden werden fest verschlossen – und sie werden so schnell auch nicht mehr öffnen. Denn Israel wird zurückgeworfen in den Lockdown.

6000 neue Fälle am Tag

Alles auf Anfang, weil ein böses Ende droht. Die Zahl der Infektionen mit dem Coronavirus ist in Israel mit seinen neun Millionen Einwohnern erst stetig, dann immer schneller gestiegen in den vergangenen drei Monaten. Am Mittwoch war der vorläufige Höhepunkt erreicht mit mehr als 6000 neuen Fällen am Tag. Zwar liegt auch die Zahl der Tests auf Rekordniveau, mehr als 50’000 sind es fast täglich.

Doch eine Positiv-Rate von mehr als zehn Prozent lässt die Alarmglocken schrillen. Die Regierung hat keinen anderen Ausweg mehr gesehen, als Israel zum ersten Land der Welt zu machen, das zum zweiten Mal landesweit dichtmacht.

Fiebrig war die Stimmung vor der Schliessung. Schnell noch mal ins Lieblingscafé, kurz noch mal die Freunde sehen.

Die Zahlen deuten darauf hin, dass es dafür höchste Zeit wird, doch für die Israelis kommt das absolut zur Unzeit. Das Neujahrsfest eröffnet die Saison der hohen Feiertage. Es folgen in den nächsten drei Wochen noch Jom Kippur und das achttägige Laubhüttenfest. Es sind Zeiten, in denen sonst die Familien zusammenkommen und Ausflüge unternehmen. All dem wird nun ein Riegel vorgeschoben.

Die Menschen stürzt das in Schwermut und Wut. Fiebrig war die Stimmung in den Stunden vor der Schliessung. Schnell noch mal ins Lieblingscafé, kurz noch mal die Freunde sehen. Oder runter zum Strand gehen, bevor auch das verboten ist, weil sich, von Ausnahmen abgesehen, niemand weiter als 1000 Meter von seiner Wohnung entfernen darf. Hauptziel des Lockdown ist es, jedwede grössere Zusammenkunft zu unterbinden.

Erinnern an die Toten: In Tel Aviv wurden Stühle für all jene aufgestellt, welche eine Corona-Erkrankung nicht überlebt haben.
Erinnern an die Toten: In Tel Aviv wurden Stühle für all jene aufgestellt, welche eine Corona-Erkrankung nicht überlebt haben.
Foto: Jack Guez (Getty Images)

Ein Restaurant im Stadtzentrum hat die nun überflüssigen Vorräte vor die Tür gestellt. Jeder kann sich bedienen beim Gemüse oder bei den Wassermelonen. Die Floristen verkaufen Blumen zum Schleuderpreis. Geöffnet bleiben nur die Geschäfte für den lebensnotwendigen Bedarf. Die Schulen sind schon seit Donnerstag geschlossen – als Konsequenz daraus, dass vorige Woche 20 Prozent aller neuen Fälle auf das Erziehungssystem zurückzuführen waren.

Aus der Gesundheitskrise ist eine Gesellschaftskrise geworden. Der Gouverneur der Bank von Israel kalkuliert, dass jede Lockdown-Woche vier bis fünf Milliarden Schekel kosten wird, umgerechnet bis zu 1,3 Milliarden Franken. Das Finanzministerium rechnet mit 300’000 bis 400’000 neuen Arbeitslosen. Viele Geschäftsleute stehen vor dem Ruin, und nicht wenige kündigen Widerstand an und wollen sich der angeordneten Schliessung verweigern.

Vertrauen in ihre Regierung verloren

Solche Wogen des zivilen Ungehorsams sind ein Beleg dafür, in welch dramatischem Ausmass Israels Bevölkerung in der Corona-Krise das Vertrauen in ihre Regierung verloren hat. Der Grund dafür ist, dass sich die angeordneten Massnahmen in den vergangenen Wochen ständig geändert haben, dass sie politischen und religiösen Einflüssen unterworfen waren und dass sie kompliziert, unlogisch sowie teils widersprüchlich sind. So ist zum Beispiel das rituelle Bad in einer Mikwe erlaubt, Schwimmbäder und auch das Meer sind jedoch gesperrt. Demonstrieren darf man, aber seine Freunde besuchen darf man nicht.

Zudem haben viele Politiker in letzter Zeit ein äusserst schlechtes Beispiel abgegeben. Die jüngste Aufregung trifft Premierminister Benjamin Netanyahu und seine Delegation, die nach Rückkehr aus den USA in dieser Woche nicht wie vorgeschrieben eine 14-tägige, sondern nur eine fünftägige Quarantäne antreten müssen. Gesteigert wird das Vertrauen in die Regierung gewiss nicht dadurch, dass der Vizegesundheitsminister Yoav Kish öffentlich verkündete, er glaube nicht daran, dass der neue Lockdown die Infektionszahlen signifikant senken werde.

Ein schlechtes Beispiel abgegeben: Premier Benjamin Netanyahu geht nach seinem Amerikabesuch nur fünf statt 14 Tage in Quarantäne.
Ein schlechtes Beispiel abgegeben: Premier Benjamin Netanyahu geht nach seinem Amerikabesuch nur fünf statt 14 Tage in Quarantäne.
Foto: Keystone

Netanyahu kündigte bereits an, dass weitere Verschärfungen nötig werden könnten. Israels Präsident Reuven Rivlin hat sich indes in einer Fernsehansprache bei den Bürgern für die Fehler der Regierung beim Corona-Management entschuldigt. Die Politik forderte er auf, angesichts des neuen Lockdown schnellstmöglich wieder Vertrauen zu schaffen. «Dies ist eine zweite Chance», sagte er, «und wir müssen sie nutzen, weil wir, so fürchte ich, keine dritte bekommen werden.»

11 Kommentare
    Sacha Meier

    Da können wir von Glück reden, dass wir nicht in Israel leben, sondern in der Schweiz. Bei uns wäre ein zweiter Lockdown schlicht nicht finanzierbar. Nicht meine Worte, sondern die unseres gnädigen Finanzministers, Bundesrat Ueli Maurer. Ergo müssen wir bei der zweiten Welle unten durch und unsere gesamte Wirtschaft - inklusive Sportstadien und Wintersportorte - auf Volltouren laufen lassen. Die gute Nachricht ist, für Spitäler, Bestattungsunternehmen und Krematorien dürfte es dann eine gute Saison geben. Wer nicht infiziert werden will, muss sich halt selber schützen. Die Massnahmen sind ja bekannt. Nennt sich übrigens Eigenverantwortung.