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Zu viele Covid-19-InfektionenNun droht Belgien die Schweizer Quarantäneliste

Zweimal verärgerte Belgien die Eidgenossenschaft, weil das Königreich Schweizer Kantone zu Corona-Risikogebieten erklärte. Nun hat der Wind gedreht: Der Bund muss prüfen, ob er Belgien auf seine Liste setzt.

Das Coronavirus grassiert wieder in Belgien: Passanten tragen Schutzmasken auf der barocken Grand-Place in Brüssel.
Das Coronavirus grassiert wieder in Belgien: Passanten tragen Schutzmasken auf der barocken Grand-Place in Brüssel.
Foto: Yves Herman (REUTERS)

So schnell kann es gehen. Erst noch setzte Belgien den Kanton Genf auf eine rote Liste – und jetzt hat Belgien selbst den Schweizer Schwellenwert überschritten. Die Grenze für Quarantäneländer liegt bei 60 Infektionen pro 100’000 Einwohner innert 14 Tagen, festgeschrieben in einer der Covid-Verordnungen des Bundesrats. Die zuständige belgische Behörde weist die entsprechende Infektionsrate nun mit 63,3 aus, wie der Corona-Übersicht des nationalen belgischen Instituts für öffentliche Gesundheit Sciensano zu entnehmen ist. Die Schweizer Schwelle hat das Königreich demnach bereits am vergangenen Mittwoch passiert; das Land weist seine bereinigten Testzahlen mit vier Tagen Verzögerung aus.

Nun muss das Bundesamt für Gesundheit (BAG) abwägen, ob es über Einreisende aus Belgien eine Quarantänepflicht von 10 Tagen verhängt. Beim BAG heisst es, die Liste der betroffenen Länder werde mindestens einmal monatlich auf den neusten Stand gebracht, es seien aber jederzeit Änderungen möglich. «Wann wir die nächste Anpassung machen werden, kann momentan nicht mit Sicherheit gesagt werden», sagt BAG-Sprecher Grégoire Gogniat. «Belgien ist aufgrund der epidemiologischen Entwicklung in den vergangenen Tagen ein möglicher ‹Kandidat›.» Am vergangenen Mittwoch hatte das BAG Spanien auf die Quarantäneliste gesetzt; eine Ausnahme machte es für die kanarischen Inseln und die Balearen.

Ein Schlag für das Wallis

Mit der jüngsten Entwicklung haben sich die Rollen der beiden Länder innert Wochenfrist ins Gegenteil gedreht. Noch am 1. August hatten die Behörden in Brüssel unvermittelt die Westschweizer Kantone Genf, Waadt und Wallis auf die belgische Risikoliste gesetzt und nicht zwingende Aufenthalte in der Genferseeregion untersagt. Das war ein Schlag für die Schweizer Tourismusbranche, ausgerechnet am Bundesfeiertag. Besonders scharf reagierten die Politiker des bei Belgiern beliebten Wallis. Lautstark beklagten sie sich darüber, dass ihr Kanton über den gleichen Leisten geschert werde wie Genf: Dort grassiert das Coronavirus derzeit deutlich stärker als im Bergkanton am oberen Ende des Lac Léman.

Belgien hatte seit Beginn der Pandemie mehr als 70’000 Corona-Infektionen und nahezu 10’000 Tote zu beklagen.

Aussenminister Ignazio Cassis intervenierte daraufhin per Telefon bei seinem belgischen Amtskollegen – worauf dieser zusagte, die Entscheidung zu überdenken (lesen Sie hier, wie die Schweizer Vertreter bei den Belgiern vorstellig wurden). Die Schweizer bemängelten insbesondere, sie wüssten zu wenig Bescheid, welche Kriterien die zuständige belgische Krisenzelle in Betracht ziehe; schliesslich strich diese das Wallis und die Waadt von der Liste, Genf aber blieb darauf. Schon im Juli hatte das Königreich die Schweizer verärgert, als es den Kanton Tessin als Risikoregion bezeichnete, obwohl dieser tiefere Infektionsraten aufwies als Belgien selbst.

Stärker von der Pandemie getroffen als die Schweiz

Dort hat sich das Virus in den vergangenen Tagen vor allem im flämischen Landesteil verbreitet, zuerst in Antwerpen an der niederländischen Grenze. Inzwischen sind auch die Hauptstadtregion Brüssel sowie das flämische und das wallonische Brabant besonders betroffen. Bei etwas mehr als 11 Millionen Einwohnern meldet Belgien täglich über 500 neue positive Tests, in der Schweiz wurden am Sonntag 152 neue registriert. Belgien hatte seit Beginn der Pandemie mehr als 70’000 Corona-Infektionen und nahezu 10’000 Tote zu beklagen – die Schweiz bei mehr als 8 Millionen Einwohnern rund halb so viele Ansteckungen und knapp 1700 Tote. Die Zahlen zu den Todesfällen sind jedoch nicht vergleichbar, weil in Belgien die Todesursache anders ermittelt wird als in der Schweiz.

Bevor das BAG über die Quarantäneliste entscheidet, nimmt es Rücksprache mit dem Aussendepartement, dem Justiz- und Polizeidepartement sowie dem Finanzdepartement. Für den Schweizer Tourismus wäre eine Aufnahme Belgiens eine schlechte Nachricht im Hinblick auf die kommende Wintersaison: Zahlreiche Belgier pflegen in den Westschweizer Alpen dem Skifahren zu frönen. Hingegen dürfte der diplomatische Verkehr zwischen der informellen Hauptstadt der Europäischen Union und der Nato einerseits und der Schweiz mit ihrem internationalen Zentrum Genf andererseits auch im Fall einer Quarantänepflicht weiterhin funktionieren: Internationale Institutionen und Organisationen können für zwingend notwendiges Personal Ausnahmen geltend machen.