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WM-Hoffnung HirschiNun schaut die Radwelt wieder auf die Schweizer

Zuletzt starteten die Schweizer meist als Aussenseiter zur WM. Dank ihres jungen Leaders ist das in Imola ganz anders. Sie geben sich mutig, fürchten nur eines: den Regen.

Drei Wochen im Schaufenster: Marc Hirschi auf seiner Fahrt zum Tour-Etappensieg in Sarran.
Drei Wochen im Schaufenster: Marc Hirschi auf seiner Fahrt zum Tour-Etappensieg in Sarran.
Foto: Getty Images

Normal ist das nicht: Drei Wochen lang fährt ein 22-Jähriger mutig-offensiv durch Frankreich. Das reicht, um von der ganzen Radwelt zu einem der grossen Favoriten gemacht zu werden. Nicht für irgendein Rennen. Für die Strassen-WM, das Rennen des Jahres, das am Sonntag stattfindet.

Es ist der komprimierten Corona-Saison geschuldet, dass das so ist: In einer normalen Saison ist das Septemberdatum der WM im letzten Viertel des Kalenders. Die Saison hat unzählige Protagonisten hervorgebracht, mit Formhöhepunkten im Frühling, Sommer oder Spätsommer – wer die Formplanung für die WM noch einmal trifft, ist gewöhnlich viel offener.

Nun ist die Sache einfacher: Wer seit dem Saison-Neustart Anfang August Resultate geliefert hat, steht auf der Favoritenliste. Also auch Marc Hirschi, obwohl sein Etappensieg im Vergleich zu den anderen als Erfolgsausweis eher zu wenig ist. Nur: Einen bleibenden Eindruck hinterliess der Berner nicht nur wegen seines Erfolgs. Sondern wegen seines Offensivgeists und Gefühls für den richtigen Moment.

Eigentlich hätte die WM rund um Martigny stattfinden sollen, mit zwei langen Steigungen – eine klare Sache für die Bergfahrer. Doch die Walliser erachteten sich ausserstande, die WM unter Berücksichtigung der Schweizer Corona-Regeln durchzuführen; erst vor drei Wochen setzte der Weltverband UCI Imola als Ersatzort ein.

Der Nationaltrainer realisierte rasch: «Das ist eine Strecke für ihn»

Marcello Albasini war als einer der ersten Nationaltrainer auf dem WM-Parcours. Kurz nach Bekanntgabe des neuen WM-Ortes reiste er in die Emilia Romagna, besichtigte die Rennstrecke per Auto und Velo. Für ihn war – in Kombination mit Hirschis Exploits an der Tour – schnell klar: «Das ist eine Strecke für ihn.»

Den Reiz von Strassen-Weltmeisterschaften macht aus, dass sie auf Strecken ausgetragen werden, die noch nie für Rennen benutzt wurden. Der Imola-Parcours wird von zwei knapp drei Kilometer langen Anstiegen geprägt, Albasini erinnerten diese sogleich an Lüttich–Bastogne–Lüttich, einen der härtesten Radklassiker im Kalender – und ein Rennen ganz nach Hirschis Gusto.

Und der Berner hat mehrere Kollegen zur Seite, die Lüttich ebenfalls ganz oben auf ihrer Liste der Lieblingsrennen haben. Michael Albasini hätte 2016 dort fast gewonnen, Enrico Gasparotto wurde 2012 Dritter. Die beiden mögen mit ihren 39 respektive 38 Jahren zu den ältesten Fahrern dieser WM gehören. Doch eine grosse Portion Erfahrung kann dem 22-jährigen Teamleader nur helfen. Auch Michael Schär (33) und Silvan Dillier (30) bringen diese mit. Einzig Simon Pellaud (27) ist etwas weniger routiniert, dafür umso leidenschaftlicher.

Cancellara kämpfte in WM-Rennen stets unglücklich

Während der Karriere von Fabian Cancellara fuhren insbesondere Albasini und Schär mehrfach für den Berner und dessen Titelambitionen. Doch dieser kämpfte stets unglücklich. Die Erfahrungen mit ihm helfen den Schweizern nun, diese neue, alte Rolle wieder einzunehmen: Sie sind keine Aussenseiter, die opportunistisch agieren können. Sondern wollen mithelfen, dieses Rennen zu gestalten.

Was auf dem Imola-Parcours kein Nachteil sein muss. «Es gibt unterwegs Passagen, die sind so schmal, dass ich mich gewundert habe, dass man hier eine WM durchführen darf», sagt Nationaltrainer Albasini. Entsprechend gross wird der ständige Positionskampf sein, bei dem Erfahrung und Abgeklärtheit gefragt sind. Der Coach glaubt: «Da kann es sogar ein Vorteil sein, wenn man vorne fährt und Tempo macht.»

Italienisches Regenchaos kennen die Schweizer: Michael Albasini im WM-Strassenrennen von Florenz 2013.
Italienisches Regenchaos kennen die Schweizer: Michael Albasini im WM-Strassenrennen von Florenz 2013.
Foto: Getty Images

Angesichts der Schwierigkeit der Strecke mit über 5000 Höhenmetern dürfte es lange dauern, bis die Favoriten sich exponieren. «Wir müssen bereit sein, Hirschi bis zum allerletzten Anstieg zu begleiten, rund 15 Kilometer vor dem Ziel», fordert Albasini.

Seine Fahrer sind darauf eingestellt. Nur etwas bereitet ihnen Sorgen, gerade weil sie Erfahrung damit haben: Für den Renntag ist Regen gemeldet. «Es war ja nett von den Organisatoren, dass sie die ganze Strecke frisch geteert haben. Nur macht das die Strasse bei Regen sehr rutschig – und chaotisch», sagt Schär. Er weiss, wovon er spricht. In Florenz 2013 erlebten sie bereits so ein Chaosrennen – und mit Rui Costa einen überraschenden Weltmeister.