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Virtueller Velo-WettstreitNun sollen die Zürcher Gümmeler Blut schmecken

Im Frühling nahmen 900 Läuferinnen und Läufer an der Tour d’Uetli teil. Den Erfolg wollen die Initianten mit «Les Cols de Zurich» wiederholen.

Ausser Atem, aber grinsend: Ziel erreicht, finden die Initianten der Cols de Zurich, Nico Schefer (l.) und Tobias Walser, auf der Felsenegg.
Ausser Atem, aber grinsend: Ziel erreicht, finden die Initianten der Cols de Zurich, Nico Schefer (l.) und Tobias Walser, auf der Felsenegg.
Foto: Urs Jaudas

Die letzten 100 Meter ziehen sich unbarmherzig in die Länge: Das Strässchen hoch zur Felsenegg wird steil und steiler. Entsprechend stöhnen Nico Schefer und Tobias Walser, als sie oben ankommen und sich von ihren Rennvelos in die Wiese plumpsen lassen, nach Luft schnappend. Es dauert einen Moment, bis die Sauerstoffnot verschwunden ist. Dann heben sie ihre Köpfe, immer noch schwer atmend – aber grinsend. Sprechen geht noch nicht. Aber ihre Gesichtsausdrücke sagen es: Genau darum machen sie das.

Schefer und Walser haben damit am Montagvormittag selber den inoffiziellen Startschuss zu ihrem neusten Projekt gegeben, Les Cols de Zurich haben sie es getauft. Im Frühling, als der Lockdown auch die Hobbysportszene lähmte, hatten sie den Zürcher Läuferinnen und Läufern geholfen, aus dem so entstandenen Motivationstief zu finden. Sie lancierten die Tour d’Uetli, ein Trailwettbewerb am Uetliberg über fünf Etappen. Der Clou dabei: Jede Etappe konnte während zweier Wochen abgelaufen werden, so oft man wollte. Auf der Wettkampf-Website wurde die Rangliste stetig aktualisiert. Schefer, Walser und ihr dritter Mitstreiter, Sebastian de Castelberg, hofften auf ein paar 100 Teilnehmer. Am Schluss waren es 900. Bei den Cols haben sich – Stand Montagnachmittag – knapp 150 eingeschrieben.

Sie hatten zum richtigen Zeitpunkt die richtige Idee gehabt – und das nötige Sport- und Informatik-Know-how, um das Konzept auch konsequent umzusetzen. Dieses stiess auf Interesse, bereits gab es Touren in München, Heidelberg, Innsbruck und im Heidiland. Sie gaben ihre Onlinelösung gratis weiter, können sich aber vorstellen, künftig eine Lizenzgebühr zu verlangen oder mit einem Sponsor zusammenzuarbeiten. Zumal das Interesse weiter besteht: Derzeit sind die drei Initianten mit mehreren Tourismusdestinationen in Kontakt.

Sie sind Trailläufer, keine Gümmeler

Ursprünglich startete die drei das Projekt, weil sie selber gerne Trails laufen – und weil auch ihnen die Wettkämpfe fehlten. Der Weg zu den Cols de Zurich war weniger klar. Zumal sich keiner von ihnen als Gümmeler bezeichnen würde. De Castelberg besitzt gar kein Rennvelo, Schefer hat erst in diesem Jahr eines gekauft, und Walser ist wenn schon mehr der Biker.

Trotzdem gibt es jetzt die Cols de Zurich. Ein virtueller Wettstreit über drei Etappen. Walser hatte die Idee eines Velo-Spin-off schon länger umgetrieben. Am liebsten als Gravelrennen, also erneut abseits der Strassen. Die Idee wurde nicht weiter verfolgt. «Es wäre zu gefährlich, wenn während zweier Wochen Leute mit dem Velo auf Wander- und Forstwegen um Bestzeiten rasen würden», sagt er.

Darum verlaufen die drei Strecken der Cols de Zurich alle bergwärts – und meist auf kleinen Strassen. Da ist das Tempo kleiner und andere Verkehrsteilnehmer selten. «Auf den drei Strecken gibt es nur einen einzigen Linksabzweiger, die Stelle ist aber in beide Richtungen sehr übersichtlich», sagt Walser.

Letztlich war es der Neu-Rennvelofahrer Schefer, der dem Projekt den entscheidenden Schub gab. «Ich diskutierte die Idee vor drei Wochen auf einer Ausfahrt mit einem Freund. Und jetzt legen wir bereits los», staunt er selber über die rasche Umsetzung.

Wie bei der Tour d’Uetli werden die Strecken im Wochenrhythmus bekannt gegeben – und können dann jeweils während 14 Tagen absolviert werden. Teilstück 1 ist der «Col de Roche», es verläuft erst auf der Bucheneggstrasse und biegt dann auf halbem Weg Richtung Felsenegg ab, auch eine Kiespassage ist dabei. Die Etappen 2 und 3 starten in Küsnacht («Col de Lim») respektive Uitikon («Col d’Uto») – wer die Region kennt, kann sich ungefähr vorstellen, wo sie hinführen werden.

Steiler Start: Die beiden Les-Cols-de-Zurich-Initianten fordern sich hinauf zum «Col de Roche», besser bekannt als Felsenegg.
Steiler Start: Die beiden Les-Cols-de-Zurich-Initianten fordern sich hinauf zum «Col de Roche», besser bekannt als Felsenegg.
Foto: Urs Jaudas

Wen spricht das Format an? «Praktisch jeder Läufer nimmt auch an Wettkämpfen teil. Der Normalo-Rennvelofahrer hingegen nur selten. Vielleicht können wir das mit Les Cols de Zurich ändern. Denn hier wird man nicht abgehängt – man ist ja allein unterwegs», sagt Walser. Bei der Streckenauswahl half den beiden Teilzeit-Gümmelern auch eine Fachfrau mit deutlich mehr Erfahrung: Emma Pooley, die als Ex-Profi jede relevante Steigung im Raum Zürich kennt.

War die Geschlechterverteilung bei der Tour d’Uetli sehr ausgeglichen, befürchten Schefer und Walser, dass es bei den Cols de Zurich etwas männerlastiger werden könnte. Die Strecken der Tour d’Uetli waren jeweils rund 40 Minuten lang. Nun dürfte die Gesamtzeit der drei Cols-Etappen bei den Besten wohl kaum 30 Minuten sein. «Umso intensiver werden diese sein. Man muss schon Spass daran haben, sich bergauf zu quälen, bis man Sternchen sieht – ich weiss nicht, bei wie vielen Frauen das der Fall ist», sagt Walser.

Die zweite Tour d’Uetli folgt Ende September

Was für ein Verhältnis haben Schefer und Walser zum eisernen (Blut-)Geschmack im Mund, der sich einstellt, wenn man den Körper bis zum äussersten gefordert hat? «Das mag komisch klingen. Aber irgendwie ist der schon geil. Er sorgt immer für eine schöne Erinnerung», grinst Schefer. Walser sagt: «Ich bringe ihn nicht mehr so einfach hin wie damals, als ich jung war. Der Körper stellt vorher ab.»

Für alle Läuferinnen und Läufer, die kein Rennvelo im Keller haben und auch sonst eher auf weitere Läufe am Uetliberg gehofft hatten, haben Schefer und Walser ebenfalls gute Nachrichten: Auch die zweite Ausgabe der Tour d’Uetli steht kurz bevor, am 28. September startet die erste von drei Etappen.